Während Jahren wogte im Aargau der Streit um die Spitalzukunft hin und her. Ist er mit den beiden Kantonsspitälern für die Zukunft richtig aufgestellt? Oder braucht er ein grosses Zentralspital, um sich gegenüber den benachbarten Unikliniken zu behaupten? Die Politik hat die Frage inzwischen beantwortet: Der Kanton der Regionen erhält kein Zentralspital. Doch die Diskussion um die Zentralisierung gerade von bestimmten Angeboten, etwa im Bereich der hoch spezialisierten Medizin, geht weiter. Auch vor dem Hintergrund des enormen Erneuerungsbedarfs der beiden Kantonsspitäler.

Dazu sagt jetzt auch Professor Michael K. Hohl seine klare Meinung. Hohl ist langjähriger Chefarzt der Frauenklinik des Kantonsspitals Baden (KSB) und ein schweizweit führender Fortpflanzungsmediziner. Altershalber verlässt er das Spital, baut jetzt aber mit dem KSB und weiteren Partnern ein externes Kinderwunschzentrum auf (vgl. Kasten).

Er sagt: «Der Aargau ist mit inzwischen weit über 600 000 Einwohnern gross genug für zwei Kantonsspitäler. Der Aargau und seine Spitäler stehen wirtschaftlich gut da, beide Kantonsspitäler arbeiten auf einem sehr hohen Stand.» Dass diese nebst Zusammenarbeit auch weiterhin in einem Wettbewerbsverhältnis nicht nur nach aussen, sondern auch nach innen stehen, findet er genau den richtigen Ansporn.

Angst, dass die grossen Aargauer Kliniken angesichts des steigenden Kostendrucks in der Konkurrenz mit den Universitätsspitälern unterliegen könnten, hat Hohl gar nicht: «Die wichtigen Kliniken im Aargau haben auch den A-Status, die müssen sich absolut nicht verstecken.» Er befürchtet im Gegenteil, dass eine unnötige Zentralisierung erhebliche Risiken birgt, wie es einer unserer Nachbarkantone zurzeit erfahren muss.

Die Einheiten würden den Menschen zu anonym – und es würde vor allem dem Kanton der Regionen nicht entsprechen. Hohl: «Dass eine Zentralisierung zudem günstiger sein soll als die heutige Lösung, wie dessen Befürworter hoffen, hat sich in der schweizerischen Spitallandschaft nicht bestätigt. Ich schätze die Risiken einer Zentralisierung klar höher ein als die Chancen der heutigen, bewährten Lösung.»

Hohls Hauptargument für das heutige System ist, «dass man den Menschen nicht vorschreiben kann, in welchem Spital sie sich behandeln lassen wollen. Sie gehen dorthin, wo es für sie stimmt.» Konkret erlebt hat man dies in Baden mit der Strahlentherapie. Baden bietet diese bisher nicht an und schickte seine Patienten dafür nach Aarau. Doch viele gehen lieber ins für sie nähere Zürcher Triemlispital. Jetzt reagieren KSA und KSB: In zwei Jahren werde man unter der fachlichen Oberleitung des KSA die Strahlentherapie auch in Baden anbieten können. Hohl ist überzeugt, dass die Ostaargauer Patienten dann im Aargau bleiben werden. Würde man umgekehrt beispielsweise die Chirurgie in Baden schliessen, um zu zentralisieren, «könnte man das Spital grad schliessen und zahlreiche Aargauer Patienten würden sich in Richtung Zürich orientieren», so Hohl.

Statt wichtige Angebote an einem Standort nicht mehr anzubieten, setzt er auf oben genannte und weitere Kooperationen zwischen den Kantonsspitälern sowie des KSB mit dem Gesundheitsnetz Aargau Ost (Regionalspitäler, Hausärzte, Reha, Langzeitpflege und weitere Player). Die Politik müsse das Ziel vorgeben, eine qualitativ hochstehende und wirtschaftliche Gesundheitsversorgung. Auf dem Weg dazu solle sie sich nicht einmischen. Hohl: «Mehr Zusammenarbeit kommt sowieso automatisch. Auch die hoch spezialisierte Medizin wie die zahlenmässig kleine Oberbauchchirurgie (zum Beispiel Buchspeicheldrüsen- und Speiseröhrenkrebs) ist kein Grund für eine Zentralisierung. Auch hier kann man mehr kooperieren. Das ist das Modell der Zukunft!»

Der Aargauer Mediziner plädiert deshalb dafür, von der Strukturdiskussion wegzukommen und dafür eine Wirtschaftlichkeits- und Qualitätsdiskussion zu führen. Hohl: «Qualität und Wirtschaftlichkeit kann man messen. Da können sich die Spitäler bewähren. Ich bin überzeugt, dass die Aargauer Spitäler dieser Herausforderung gewachsen sind. Unsere Spitallandschaft ist ein Erfolgsmodell. Wir bleiben in der Champions League.» Hohl hält es auch bei den Spitälern mit einem Merksatz des französischen Philosophen und Staatstheoretikers Montesquieu: «Wenn es nicht nötig ist, etwas zu ändern, dann ist es nötig, es nicht zu ändern.»