«Chancenungleichheit»

Matura trotz Corona: Bildungsdirektor Alex Hürzeler äussert sich zu Schülerprotesten

«Es braucht Kompromisse», sagt Regierungsrat Alex Hürzeler.

«Es braucht Kompromisse», sagt Regierungsrat Alex Hürzeler.

Nach der Kritik der Schülerschaft begründet Regierungsrat Alex Hürzeler den Entscheid zu schriftlichen Maturprüfungen. Der Badener Rektor Daniel Franz will die Gewichtung der schriftlichen Tests angemessen gestalten.

Am Dienstag haben auch noch die Bundesräte Alain Berset (SP) und Guy Parmelin (SVP) Post aus dem Aargau erhalten: Im Namen und in Absprache mit den Schülerorganisationen aller Aargauer Kantonsschulen verlangt Nicolas Camenisch (Kanti Wettingen), dass auf die Durchführung der schriftlichen Maturaprüfung verzichtet werden müsse. Hauptargument: Die Chancengleichheit sei aufgrund der unterschiedlichen Qualität des Fernunterrichts in den vergangenen Wochen seit Ausbruch der Coronavirus-Krise nicht gegeben.

Der Aargauer Regierungsrat und Bildungsdirektor Alex Hürzeler (SVP) hat den Brief ebenfalls erhalten. Letzten Freitag gab der Kanton Aargau bekannt, dass die schriftlichen, nicht aber mündlichen Maturprüfungen durchgeführt werden sollen.

Der Bundesrat informiert am Mittwoch darüber, wie viel Spielraum er den Kantonen lässt. Unter anderem Zürich, Bern, Solothurn und fast die ganze lateinische Schweiz wollen teils ganz auf die Maturatests verzichten, vereinzelt soll sowohl mündlich als auch schriftlich geprüft werden. Warum entschied sich der Aargau für diesen Weg? Hürzeler erklärt: «Dem Entscheid ging ein wochenlanger Prozess voraus. Weil es sich bei der Matura um einen gewichtigen Abschluss handelt, der in der eidgenössischen Maturitäts-Anerkennungsverordnung geregelt ist, waren wir erst der Meinung, dass alle Kantone die Prüfungen gleich handhaben sollen. Doch schon bei der Debatte um die Lehrabschlussprüfungen zeigte sich, dass nicht alle Regionen in der Schweiz gleich stark vom Coronavirus belastet sind, und dass es Kompromisse braucht.»

Das Departement Bildung, Kultur und Sport habe bereits am 13. März mitgeteilt, dass der Bildungsauftrag erfüllt und die Prüfungen durchgeführt werden sollen. Mit dem Entscheid von letzter Woche werde weitgehend daran festgehalten. Ein vollständiger Verzicht habe sich nicht aufgedrängt: «Der Aargau ist nicht so stark betroffen wie etwa manche Westschweizer Kantone.»

Warum keine mündlichen Prüfungen?

Warum aber wird auf die mündlichen Maturaprüfungen verzichtet? Es gebe in der Gruppe der Prüfungsexpertinnen und -experten, die bei den mündlichen Prüfungen mitwirken, einen nicht kleinen Teil an Risikopatienten. «Der Aargau ist ein grosser Kanton, der organisatorische Aufwand, die mündlichen Prüfungen durchzuführen, wäre erheblich.» Hürzeler zeigt sich aber erstaunt darüber, dass auch Kantone, die vom Coronavirus nicht so stark betroffen sind wie beispielsweise das Tessin oder Genf, dennoch ganz auf die Prüfungen verzichten wollen.

Und was sagt der Bildungsdirektor zur Kritik an der fehlenden Chancengleichheit? «Gewisse qualitative Unterschiede gibt es nicht nur in Zeiten von Fernunterricht. Hinzu kommt, dass die Matura den krönenden Abschluss einer langjährigen Bildungskarriere darstellt. Ich denke nicht, dass sechs aussergewöhnliche Schulwochen die Ausgangslage derart verändern, dass die Chancengleichheit nicht mehr gegeben wäre.» Und zu Bedenken im Zusammenhang mit der Gesundheit sagt Hürzeler: «Es hat aufgrund des coronabedingten Fernunterrichts zurzeit so viel Platz wie noch nie in den Schulhäusern, die Abstandsregeln des Bundesamtes für Gesundheit können problemlos eingehalten werden. Und für Schülerinnen und Schüler, die der Risikogruppe angehören, finden wir individuelle Lösungen.»

Badener Rektor: «Es nützt nichts, jetzt zu hadern»

Für Erstaunen sorgt die Aussage einer Sprecherin der Schülerorganisation der Kanti Baden, gewisse Klassen seien «nicht einmal in den Genuss von Fernunterricht gekommen». Rektor Daniel Franz: «Ich schliesse aus einem Gespräch mit ihr, dass es nicht pauschal keinen Fernunterricht gab. Er war einfach nicht im Sinne von ihr und anderen Schülerinnen und Schülern.»

In einem Brief wandte sich Daniel Franz an die Schülerschaft: «Ob es gut, sinnvoll oder zumutbar ist, die Maturprüfungen 2020 durchzuführen, darüber kann man streiten. Es nützt jedoch nichts, jetzt zu hadern. Ich empfehle Ihnen fokussiert zu bleiben und – wie in den letzten Wochen – das Beste aus der Situation zu machen.» Etwas beruhigen dürfte den einen oder die andere folgender Satz: «Wir werden dafür sorgen, dass die schriftlichen Prüfungsnoten im Vergleich zu den Erfahrungsnoten nicht unverhältnismässig hoch gewichtet werden.»

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