Die Millionenfrage lautet: Wie lässt sich der Anstieg der Gesundheitskosten im Kanton Aargau abbremsen? Eine Task-Force soll Antworten liefern. Die Gründe für die wachsenden Ausgaben sind vielfältig. Dazu trägt auch ein Trend bei, den die Spitäler im ganzen Kanton spüren: Jahr für Jahr behandeln sie im Notfallbereich mehr Patienten. Im Kantonsspital Baden fällt die Zunahme besonders deutlich aus: fast 20 Prozent in den letzten fünf Jahren, auf über 50 500 Patienten. Im Spital Muri nahm die Zahl in der gleichen Zeitspanne um knapp 12 Prozent zu. Und auch die anderen angefragten Spitäler melden ähnliche Tendenzen.

Doch längst nicht jeder, der den Notfall aufsucht, ist aus medizinischer Sicht ein Notfall. Die Mitarbeiter des Spitals Muri sehen sich zunehmend mit harmlosen Fällen konfrontiert. Eine Auflistung von Beispielen aus dem Notfall macht deutlich, was damit gemeint ist: Kopfschmerzen seit zwei Stunden, Husten seit einem halben Tag, Heiserkeit, Halsweh, leichte Erkältung, Pickel. Spital-CEO Daniel Strub: «Bei Beschwerden warten viele nicht mehr auf einen Termin beim Hausarzt, sondern gehen direkt in den Notfall.» Jonas Frei, Sprecher des Zofinger Spitals, sagt: «Wir haben viele Leute, die bei uns einfach in den Notfall hineinspazieren.» Konsultationen würden oft als Konsumgut betrachtet, das sich auf die Schnelle kaufen lasse.

Gegensteuer geben die Aargauer Spitäler mit angehängten Notfall-Hausarztpraxen, in denen die weniger gravierenden Fälle behandelt werden. Denn einig sind sich alle: Einer der Gründe – neben Demografiewandel, stärkerem Gesundheitsbewusstsein und Bevölkerungswachstum – ist der Hausärztemangel. Weniger deutlich als in den städtischen Regionen macht sich der Ansturm auf die Notfallstationen im ländlichen Zurzibiet bemerkbar. Der grösste Teil der
Bevölkerung verfüge hier nach wie vor über einen Hausarzt als erste Anlaufstelle, sagt René Huber, Direktor des Spitals Leuggern. Die Region weise zurzeit noch einige Praxen auf. «Dies dürfte sich aber in den kommenden Jahren aufgrund von anstehenden Pensionierungen verändern.»

Warnung vor den Kosten

Die Hausärztefrage ist auch in finanzieller Hinsicht von Bedeutung. Die Schweizer Krankenversicherer warnen vor hohen Kosten: «Ein Besuch auf der Notfallstation kostet im Durchschnitt mehr als doppelt so viel wie eine Konsultation beim Hausarzt», sagt Santésuisse-Direktorin Verena Nold. Das liege unter anderem an der höheren Zahl der durchgeführten Untersuchungen pro Patient. Wie hoch die Kosten sind, die durch vermeidbare Konsultationen eines Notfalls entstehen, ist nicht bekannt. Gemäss den aktuellsten Zahlen des Bundesamts für Statistik kosteten die ambulanten Leistungen der Notfallmedizin im Jahr 2014 schweizweit mehr als 80 Millionen Franken.

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