Flughafen Zürich
Massiv mehr Fluglärm für Aargauer Limmattal und Rohrdorferberg – wehren sich Gemeinden zu wenig?

Mit dem neuen Abflugkonzept des Flughafens Zürich werden das Aargauer Limmattal und der Rohrdorferberg stark belastet. Widerstand ist bisher kaum zu spüren. Noch haben die Gemeinden aber Zeit, sich zu wehren.

Andreas Fahrländer
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Eine Boeing 777 der Swiss nach dem Start: Das Flugzeug steigt schneller in die Höhe als seine Vorgänger.

Eine Boeing 777 der Swiss nach dem Start: Das Flugzeug steigt schneller in die Höhe als seine Vorgänger.

KEYSTONE

Die Region Baden-Wettingen wird in Zukunft wahrscheinlich deutlich mehr Fluglärm ertragen müssen. Orun Palit, GLP-Bezirkspräsident aus Wettingen, schrieb nach einer Informationsveranstaltung zum neuen Abflugkonzept des Flughafens Zürich auf Facebook: «Schock! Schock! Schock! Es werden neu zwischen 100 bis 120 Start-Flugbewegungen während dem Tag über Wettingen stattfinden. Wettingen wird in einigen Jahren plötzlich von einer Wohngemeinde ohne Fluglärm zu einer mit viel Fluglärm!»

Vor allem die Gemeinden Wettingen, Würenlos, Neuenhof, Killwangen, Spreitenbach, Ober- und Niederrohrdorf sowie Remetschwil werden die Auswirkungen des neuen «Sachplans Infrastruktur Luftfahrt» (SIL 2) direkt zu spüren bekommen.

Kurt B. Weber, Co-Präsident des Vereins für erträglichen Fluglärm Baden-Wettingen (VefeF), sagt: «Die Abflugroute wird vom Kanton Zürich in den Aargau verschoben, das wird der Region massiv mehr Fluglärm bescheren. Zu den bestehenden Flugbewegungen nachts und am Wochenende werden 36 000 Flugbewegungen pro Jahr unsere Region zusätzlich belasten. Das bedeutet mehr als hundert Flüge pro Tag respektive alle 5 Minuten ein Flugzeug von 6 Uhr bis 21 Uhr.»

Kein Widerstand im Aargau?

Obwohl die Abflüge gegen Süden über den Zürcher Pfannenstiel sicherer seien, werde dieses Flugregime bei SIL 2 nach Aussage eines Flughafenvertreters nur noch bei Bise und Nebel eingesetzt – weil «sich die Bewohner und die Behörden dort stark gewehrt haben». Wehren sich die Gemeinden der Region Baden-Wettingen also einfach zu wenig gegen den Fluglärm?

Im September hat das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) den Sachplan öffentlich aufgelegt (die az berichtete). Bis zum 8. Dezember haben die Gemeinden noch Gelegenheit, beim Bund und beim kantonalen Departement für Bau, Verkehr und Umwelt (BVU) Stellung zu nehmen. «Der Regierungsrat hat noch keine Stossrichtung festgelegt. Er wartet ab, was die Gemeinden bis zum 8. Dezember mitteilen und nimmt dann bis Ende Januar Stellung», sagt Hans-Martin Plüss, zuständig für die Fluglärmthematik beim BVU.

Der Planungsverband Baden Regio und die Gemeinderäte von Wettingen und Oberrohrdorf wollen das Thema nächste Woche besprechen. Die VefeF fordert derweil in einem Aufruf, dass es ohne zwingenden Grund keine Verlegung der Flugroute ab Piste 28 nach Westen gibt und die Nachtruhe am Flughafen Zürich ab 23 Uhr eingehalten wird. Fluglärm mache krank, die Naherholungsgebiete in der Region würden Schaden nehmen und es würden durch den Lärm beträchtliche Standortnachteile entstehen.

«Man muss nur einmal in Geroldswil am Altberg wandern gehen, um zu sehen, was diese Zunahme bedeutet», sagt Weber. «Unter anderem wurden in der Lärmschutz-Verordnung die Lärmschutzwerte für den Flugverkehr aufgeweicht, damit in den betroffenen Gebieten überhaupt noch Bauland eingezont werden kann. Sonst könnte man dort gar nicht mehr bauen.» Ausserdem werde im SIL 2 die verkürzte Nachtruhe zementiert. Zwischen
23 und 6 Uhr dürfen in Kloten keine Flugzeuge starten – ausser, um Verspätungen abzubauen bis um 23.30 Uhr.

Mit SIL 2 würde der spätere Beginn der Nachtruhe zur Regel. «Die Flugpläne sind so dicht, dass sie gar nicht eingehalten werden können», sagt Weber. Hans-Martin Plüss betont: «Der Nachtbetrieb ist ein Thema, das wir ganz genau anschauen müssen, ebenso wie die neue Routenführung über den Rohrdorferberg.»

Aargauer Politik ist gefordert

Kurt B. Weber hofft, dass sich der Regierungsrat gegen das neue Abflugregime wehrt. Die Aargauer Politiker müssten seiner Meinung nach nicht nur die wirtschaftliche Bedeutung des Flughafens betonen, sondern den Schutz der Bevölkerung ernst nehmen. «Denn wir tragen den Schaden», sagt Weber. «Regierungsrat Stephan Attiger müsste sich ganz vehement in Bern dafür einsetzen, dass jetzt nicht noch mehr Fluglärm vom Kanton Zürich in den Aargau verschoben wird.»

Die Zahl der Nachtflüge nimmt so oder so deutlich zu. Immerhin gibt es etwas Hoffnung: In den Nachtstunden sind es vor allem Langstreckenflüge der Swiss, die von Zürich aus starten. Swiss hat begonnen, die Langstreckenflotte von Airbus 330 und 340 auf Boeing 777 umzustellen. Dieses Flugzeug ist zwar schwerer, grösser und lauter, es kann aber deutlich schneller in die Höhe steigen. Wenn eine Boeing 777 über dem Aargau ist, ist sie deshalb um 1 bis 2 Dezibel leiser als die alten Flugzeuge.

Im Juni 2017 wird der Bundesrat über das neue Abflugkonzept entscheiden.