Aargauerin des Jahres

Marit Neukomm über ihr Engagement: «Es gibt viele Bilder, die man nicht so schnell vergisst»

Die Entscheidung: Hier erfährt Marit Neukomm neben NAB-CEO Roland Herrmann, dass sie vom Publikum   zur Aargauerin des Jahres gewählt wurde. Freudig überrascht, schlägt sie die Hände vors Gesicht.

Die Entscheidung: Hier erfährt Marit Neukomm neben NAB-CEO Roland Herrmann, dass sie vom Publikum zur Aargauerin des Jahres gewählt wurde. Freudig überrascht, schlägt sie die Hände vors Gesicht.

Die 33-jährige Marit Neukomm wurde in der Samstagnacht in der Charity-Gala der Neuen Aargauer Bank mit dem NAB Award als Aargauerin des Jahres 2016 ausgezeichnet. Im Siegerinterview spricht sie mit der az über Freude und Motivation, schlimme Bilder und wie man auch im Aargau helfen kann.

Der Sonntag nach dem grossen Abend beginnt für Marit Neukomm in der Turnhalle: Familienturnen mit dem Kindergarten der 4-jährigen Tochter. Für die diplomierte Sportlehrerin, die in Schöftland in einem 50-Prozent-Pensum unterrichtet, ist das zwar sportlich keine grosse Herausforderung, dafür «eine wunderbare Zeit mit meinem Mann und unseren beiden Töchtern».

Ihr Engagement bewegt: Marit Neukomm ist «Aargauerin des Jahres» 2016

Ihr Engagement bewegt: Marit Neukomm ist «Aargauerin des Jahres» 2016

Marit Neukomm konnte sich gegen Pepe Lienhard und Corinna Hauri durchsetzen und erhielt den Titel „Aargauerin des Jahres 2016“. Wie geht es für sie weiter?

Nach dem Mittagessen erscheint die Aargauerin des Jahres 2016 sichtlich gut gelaunt zum Interview im az-Newsroom. Von ihrem Wohnort Oberentfelden war der Weg in die Aarauer Telli kein weiter.

Frau Neukomm, herzliche Gratulation! Haben Sie gut geschlafen?

Marit Neukomm: Sehr gut, danke!

Haben Sie auch genug geschlafen?

Ja. Ich kam zwar erst um drei ins Bett, dafür konnte ich heute für einmal bis um neun ausschlafen. Das ist lang, wenn man zwei kleine Kinder hat.

Bis gestern waren Sie Hausfrau, Sportlehrerin, Flüchtlingshelferin. Jetzt sind Sie «Aargauerin des Jahres». Wie fühlt sich das an?

Das ist ein sehr schönes Gefühl, wenn einem so viele Menschen in der Bevölkerung den Rücken stärken. Das motiviert uns wahninnig, weiterzumachen.

Wollten Sie denn aufhören?

Auf keinen Fall, aber die letzten Monate waren schon schwieriger. Die Flüchtlinge sind kaum mehr Thema in den Medien. Die Leute haben das Gefühl, es kämen gar keine mehr. So ist es eben nicht. Aber das macht es für uns bei «Volunteers for Humanity» schwieriger, Spenden zu sammeln.

Sie arbeiten als Lehrerin, haben Familie und ein Hilfswerk. Haben Sie genügend Energie für alles?

Ich mache so viel, wie es mir Zeit und Kraft erlauben. Mir war schnell klar: Ich darf nicht am Engagement kaputtgehen. Das würde niemandem etwas bringen. Manchmal lege ich deshalb mein Handy bewusst ein paar Stunden weg, um etwas Abstand zu gewinnen.

Wie haben Ihre Familie und Freunde auf die Auszeichnung reagiert?

Sie sind sehr stolz. Sie haben sich wahnsinnig gefreut für mich und das Team. Sie sehen halt auch täglich, was für eine Arbeit wir leisten.

Was ist der NAB Award für Sie?

Eine grosse Anerkennung und Wertschätzung für unsere Arbeit, wir machen ja alles ehrenamtlich. Und auch ein Zeichen, dass es doch einen gewissen Anklang findet, wenn man Flüchtlingen hilft, obwohl wir gerade überall einen Rechtsrutsch erleben.

Impressionen von der grossen Award-Gala in der Umwelt-Arena in Spreitenbach: 

Erhalten Sie denn manchmal auch negative Reaktionen?

Erstaunlicherweise kaum. Bis jetzt waren es zwei Mails, in denen Leute meinten, ich solle gescheiter mehr zu meinen eigenen Kindern schauen.

Was sagen Sie dann denen?

Ich kann nicht anders. Wenn ich als Mutter diese Bilder sehe, wie Mütter mit ihren Kindern auf dem Arm in Ungarn an der Grenze stehen, schreiend, weinend, ausgehungert, dann berührt mich das tief. Unsere Generation war sich gewohnt, dass das Elend auf der Welt weit weg ist. Jetzt ist es plötzlich ganz nah. Da musste ich etwas tun.

Sie haben ein eigenes Hilfswerk gegründet, sammeln in der Schweiz Winterkleider, Decken, Hygieneartikel und verteilen sie in Camps. Warum gehen Sie vor Ort?

Einerseits kommt diese Hilfe direkt an, das ist schön zu sehen. Man hat die unmittelbare Reaktion. Diese Menschen haben alles verloren und sind doch so herzlich und dankbar. Anderseits erhalten sie von niemandem sonst Hilfe. Die grossen Organisationen sind kaum präsent oder brauchen zu lange. Den örtlichen Regierungen, etwa in Serbien, sind die Menschen in den Camps sowieso ziemlich gleichgültig.

«Unsere Hilfe kommt direkt an»: Einsatz im griechischen Idomeni.

«Unsere Hilfe kommt direkt an»: Einsatz im griechischen Idomeni.

Ihr Vorgänger Rocco Umbescheidt, Aargauer des Jahres 2015, betreibt auch ein Hilfswerk und konnte dank des NAB Awards die Hilfe ausbauen. Erhoffen Sie sich das auch?

Ich habe keinerlei Erwartungen. Aber natürlich: Alles, was kommt, freut uns enorm. Ich denke, wir können jetzt die Leute noch besser kontaktieren. Und wer weiss, vielleicht öffnen sich Türen, die bislang verschlossen waren.

Welche zum Beispiel?

Wir sind schon länger auf der Suche nach einem Lagerraum, um die gesammelten Hilfsgüter zu sortieren, für den Transport zu verpacken und zu sammeln, bis wir genug für eine Fahrt beisammenhaben. Der Raum müsste mindestens 300 Quadratmeter gross sein, wenn ich das an dieser Stelle erwähnen darf (lacht).

Wann geht der nächste Transport?

Am nächsten Freitagmorgen fahren wir rund zwei Tonnen an die ungarisch-serbische Grenze. Winterkleider, Decken, Blachen, um die Zelte abzudichten. Dort leben zwischen 300 und 1200 Leute in einem Camp. Die Zustände sind miserabel. Deutsche Transporte dorthin gab es auch schon. Wir koordinieren uns über Facebook.

Fahren Sie auch mit?

Nein, diesmal nicht. Ich bereite hier zwei weitere Transporte vor. Zudem sind wir nach wie vor damit beschäftigt, eine mobile Zahnarztklinik aufzubauen. Zahnärzte haben uns ganz viel Material zugesagt. Jetzt müssen wir noch Geld sammeln, um den Umbau des Fahrzeugs zu finanzieren.

Grosse Spendebereitschaft: Hilfsgüter laden bei der Landi Zürcher Oberland.

Grosse Spendebereitschaft: Hilfsgüter laden bei der Landi Zürcher Oberland.

Was war das Eindrücklichste, das Sie bisher erlebt haben?

Schwierig zu sagen. Ein Einsatz vor Ort ist immer sehr emotional. Es gibt viele Bilder, die man nicht mehr so schnell vergisst. Gut erinnern kann ich mich zum Beispiel an eine Frau, der ich am Mittelmeer aus einem Boot geholfen habe. Sie war schwanger im achten Monat und fiel an Land sofort in Ohnmacht. Wir wollten sie ins Spital bringen, konnten aber nicht, weil sie sich vehement wehrte: Sie hatte Angst, dass man sie danach nicht mehr weiterziehen lassen würde. Sie war bereit, ihr Ungeborenes der Flucht zu opfern.

Sie haben Anfang Jahr im Rahmen der Aktion «#SafePassage» sichere Fluchtrouten gefordert. Warum?

Damit könnte man Tausende Menschenleben retten und das Schleppergeschäft eindämmen. Mit der jetzigen Politik wird dieses gefördert. Ich habe Männer gesehen, die hatten noch eine Drainage im Rücken: Sie hatten für die Überfahrt mit einer Niere bezahlt.

Warum gibt es bislang keine sogenannt sicheren Routen?

Weil die Menschen im Westen Angst haben, dass dann lauter Terroristen kämen. Dabei kommen die schon jetzt nicht zu Fuss, sondern sind entweder schon hier aufgewachsen oder fliegen mit gefälschten Papieren ein.

Derzeit wird vor allem diskutiert, wie Flüchtlinge integriert werden sollen. Was denken Sie darüber?

Wenn wir die Leute jetzt nicht integrieren, haben wir in zehn Jahren ein Riesenproblem. Integration ist eine umfangreiche Arbeit und ein langer Prozess. Es gibt aber auch simple, sehr gut umsetzbare Lösungsansätze, die das Mammutprojekt Integration sehr gut unterstützen können. Etwa ein Gotti-Götti-System. Ganz pragmatisch: Sich treffen, Natelnummern austauschen und schauen, was sich ergibt. Ein Flüchtling braucht primär eine einheimische Bezugsperson, um Deutsch zu lernen und Anschluss an die Gesellschaft zu finden. Wir alle können einen kleinen Beitrag leisten.

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