Aargauerin des Jahres

Marit Neukomm: «Es kam mir vor wie im Zweiten Weltkrieg»

Ihr erster Besuch in Ungarn hat sie an den zweiten Weltkrieg erinnert. Sie beschreibt ihre Erlebnisse, das Leid der Flüchtlinge.

Ihr erster Besuch in Ungarn hat sie an den zweiten Weltkrieg erinnert. Sie beschreibt ihre Erlebnisse, das Leid der Flüchtlinge.

Die frisch gekürte Aargauerin des Jahres Marit Neukomm erzählt im Talk Täglich von ihren Erlebnissen in Flüchtlingscamps – und wie es in Zukunft mit ihrem Hilfsprojekt weitergehen soll.

Sie ist 33 Jahre jung, verheiratet, Mutter von zwei Kindern und Flüchtlingshelferin. Seit Samstag ist Marit Neukomm auch die neue Aargauerin des Jahres. 

Die Oberentfelderin setzte sich im Final um den prestigeträchtigen Award der Neuen Aargauer Bank (NAB) gegen die höchste Pfadfinderin Europas Corinna Hauri und Musiker Pepe Lienhard durch. 

Einen Tag nach ihrer Wahl gab Neukomm der az ein Interview. Am Dienstagabend sass die frischgebackene Aargauerin des Jahres im Talk Täglich von «Tele M1».

Der Preis samt Medienrummel habe sie nicht verändert, sagt Neukomm und lächelt. «Ich bin kein Star und immer noch diesselbe Person wie vor der Wahl.»

Als Moderator Sven Epiney am Samstagabend ihren Namen aufrief, konnte sie es erst gar nicht fassen. «Ich war so nervös und musste ein Tränchen verdrücken», sagt sie.

Marit Neukomm beschreibt den Moment der Verkündung.

Marit Neukomm beschreibt den Moment der Verkündung.

Freiwillige Helfer wurden festgenommen

Die Erfolgsstory von Marit Neukomms Hilfsprojekt «Volunteers for Humanity» begann vor ziemlich genau einem Jahr. Neukomm sah einen Facebook-Aufruf von einer Person aus Zürich, welche Hilfsgüter für Flüchtlinge suchte. Die Oberentfelderin fackelte nicht lange und unterstützte die Aktion.

Weil der Aufruf unerwartet viele Menschen erreichte, mussten die Hilfsgüter mit einem Lastwagen-Konvoi zu den Bedürftigen gebracht werden. Neukomm meldete sich freiwillig und reiste für drei Tage an die serbisch-ungarische Grenze.

«Es war wahnsinnig eindrücklich. Es kam mir vor wie im Zweiten Weltkrieg», sagt Neukomm. Die ungarische Polizei schleuste die Flüchtlinge in der Nacht durch das Land, damit die Bevölkerung möglichst wenig mitbekam. «Die Menschen mussten in Reih und Glied in einer Kolonne laufen.»

Neukomm schlief nur zwei bis drei Stunden pro Tag. Sie vergass sogar, auf die Toilette zu gehen. Erst als sie nach drei Tagen wieder nach Hause reiste, habe sie ihre Eindrücke verarbeitet. «Ich weiss bis heute nicht, wie ich nach Hause kam. Ich habe auf der Heimfahrt nur noch geweint.»

Ihr erster Besuch in Ungarn hat sie an den zweiten Weltkrieg erinnert. Sie beschreibt ihre Erlebnisse, das Leid der Flüchtlinge.

Ihr erster Besuch in Ungarn hat sie an den Zweiten Weltkrieg erinnert. Sie beschreibt ihre Erlebnisse, das Leid der Flüchtlinge.

Zurück im Aargau, wollte die Sportlehrerin aktiv weiterhelfen und setzte einen Facebook-Post ab. Ihr Aufruf ging viral – bei der Familie Neukomm wurden unzählige Hilfsgüter abgeliefert. Am Ende waren es drei Tonnen, verteilt auf zwei Garagen.

«Alles wurde viel grösser als gedacht», so Neukomm. Deswegen habe sie ihr Hilfsprojekt «Volunteers for Humanity» gegründet. Aufgrund ihrer Verpflichtungen in der Schweiz kann sie nicht jede Lieferung persönlich begleiten.

Aber im Frühjahr dieses Jahres reiste sie mit an die griechisch-mazedonische Grenze. Dort bot sich der zweifachen Mutter eine grausame Szenerie: Die mazedonische Polizei verprügelte weinende Flüchtlinge und nahm freiwillige Helfer gewaltsam fest.

«Will mein Leben in der Schweiz nicht aufgeben»

Trotz ihres grossen Engagements kommt Auswandern für Neukomm nicht infrage. «Das wäre mit meinen Kindern gar nicht möglich. Ich habe ein Leben hier, das ich nicht aufgeben möchte.»

Vom NAB-Award erhofft sich die Gewinnerin mehr Aufmerksamkeit für ihr Projekt. In letzter Zeit habe die mediale Berichterstattung über die Flüchtlingskrise abgenommen, sagt sie.

In ferner Zukunft will sich Neukomm mit ihrem Team neben der Flüchtlingshilfe vor Ort auch für die Integration von Flüchtlingen in der Schweiz einsetzen.

Das grösste Ziel von Neukomm ist aber ein anderes: «Es wäre wunderschön, wenn wir eines Tages Aufbauhilfe in Syrien leisten könnten.»

Der ganze Talk im Video:

Der ganze Talk mit der Aargauerin des Jahres 2016 Marit Neukomm.

Der ganze Talk mit der Aargauerin des Jahres 2016 Marit Neukomm.

Sie reiste oft mit ihrer selbst gegründeten Hilfsorganisation nach Idomeni und Lesbos, um Flüchtlingen zu helfen. Nun wird Marit Neukomm belohnt.

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