Industrie-Präsidentin

Marianne Wildi ist jetzt die einflussreichste Frau im Aargau

Marianne Wildi auf der Terrasse des AIHK-Gebäudes in Aarau.

Marianne Wildi auf der Terrasse des AIHK-Gebäudes in Aarau.

Die Aargauische Industrie- und Handelskammer steht für über 100'000 Arbeitsplätze. Marianne Wildi, neue Präsidentin des Wirtschafts-Dachverbandes, ist nun die einflussreichste Frau im Aargau. Die «Hypi»-Chefin will nicht die Bodenhaftung verlieren.

Mit Marianne Wildi präsidiert erstmals eine Frau die Aargauische Industrie- und Handelskammer (AIHK). Die 52-jährige Seetalerin ist CEO der Hypothekarbank («Hypi») Lenzburg AG, seit fünf Jahren Vorstandsmitglied der AIHK sowie seit kurzem deren Vizepräsidentin. Warum stellt sie sich für das Präsidium zur Verfügung? Hat sie als Bankchefin tatsächlich noch Zeit dafür?

Wildi lacht. Gewiss sei ihr Terminplan schon heute recht gut gefüllt. Damit weiterhin alles optimal abläuft, seien gut funktionierende Teams in der Hypi wie auch in der AIHK wichtig. Beide Institute sind stabile, gut funktionierende Organisationen, welche ein Engagement im Milizsystem zulassen, so Wildi. Sie interessiert sich sehr für Wirtschaftsbelange, und besonders für die zahllosen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), für den Beitrag der Unternehmerinnen und Unternehmer im Aargau und für Politik. Netzwerken ist für sie als Bankerin wie als AIHK-Vertreterin genauso wichtig, um Anliegen der Wirtschaft einzubringen.

Den Firmen mehr Gesicht geben

Wildi will den Unternehmen als Präsidentin mehr Gesicht geben und mehr Präsenz in den Medien bewirken: «Mit persönlichem Auftreten können wir Verständnis für unsere Anliegen aufbauen und Vertrauen gewinnen.» Wildi hat die Handelsdiplomschule an der Alten Kanti Aarau absolviert und 1984 bei der Hypi als IT-Programmiererin ihren ersten Job bekommen. Sie hat sich später berufsbegleitend zur diplomierten Betriebsökonomin FH und eidgenössisch diplomierten Bankfachfrau weitergebildet und verfügt über einen Abschluss des «Advanced Management Program» der Hochschule St. Gallen und der Schweizerischen Kurse für Unternehmensführung.

Wildi ist damit zunehmend vom IT- in den Bankenbereich hineingewachsen. Seit über dreissig Jahren ist sie bei der Hypi, seit sieben Jahren deren Chefin. Das ist selten. Wildi nickt. Das hätte sie am Anfang selbst nicht gedacht, aber: «Auch unsere Kundinnen und Kunden schätzen, dass sie eine langjährige vertrauensvolle Beziehung zu ihren Beraterinnen oder Beratern der Hypi pflegen dürfen.» Wildi betont die Wichtigkeit vom lebenslangen Lernen. «Vor Veränderungen darf man keine Angst haben, die gehören zum Leben.» Von den Mitarbeitenden erwartet sie eigenverantwortliches Handeln und Engagement. Sie weiss, was sie will, und gibt klare Vorgaben. Den Weg zum Ziel darf aber jeder selbst mitbestimmen.

Bankerin ohne Skandale

Gleichwohl: Ist eine Bankerin die richtige an der AIHK-Spitze? Schliesslich ist das Image von Grossbanken seit längerem angeschlagen. In ihrer Regionalbank spüre man keine Vorurteile, sagt Wildi. Skandale habe ihre Bank glücklicherweise bisher nicht erlebt. Als Bankerin sei sie ständig in Kontakt mit Firmen aus allen Branchen und kenne diese auch von ihrer technischen Affinität her gut, betont sie. Sie achtet sehr auf ihre Bodenhaftung, pflegt den privaten Freundeskreis und spielt, wenn es die Zeit noch zulässt, gerne in der Musikgesellschaft Hunzenschwil/Schafisheim Es-Horn.

Apropos Bodenhaftung: Wie steht Wildi zur heftigen Debatte über Multi-Millionensaläre einiger CEO in der Schweiz? Da gelte es zu unterscheiden, sagt sie: «Gehört dem Unternehmer die Firma, steckt sein eigenes Geld darin, oder ist der CEO angestellt?» Wenn die Aktionäre einen sehr hohen Lohn tolerieren, müsse der abhängig sein von der Grösse der Firma, ihrem Umfeld, und er müsse einen Bezug zum Unternehmenserfolg und zur Nachhaltigkeit haben, betont Wildi. Erwirtschaftetes Geld solle möglichst der Weiterentwicklung der Firma dienen, «nicht der kurzfristigen Gewinnmaximierung». Im Gespräch mit Wildi kann man gut nachvollziehen, warum die «NZZ am Sonntag» sie zur «bescheidensten Führungskraft der Schweiz» erkoren hat.

Regeln regelmässig hinterfragen

Als neue Präsidentin der AIHK will sie bewirken, dass sich unternehmerisches Denken auch beim Staat durchsetzt. Regeln für die Wirtschaft sollen möglichst wenig einschränken. Diese seien nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Politik regelmässig zu hinterfragen. «Wenn sich zeigt, dass eine Regelung nichts bringt, ist sie aufzuheben, und zwar zügig.»

Der Wirtschaftsdachverband nimmt Einfluss auf die politischen Rahmenbedingungen. Wäre es aber nicht am erfolgversprechendsten, selbst in die Politik zu gehen? Wildi schüttelt energisch den Kopf: «Ich bin CEO einer Bank und neu AIHK-Präsidentin. Auch noch in die Politik zu gehen, wäre zu viel. Wenn ich mich für etwas entscheiden müsste, ist mir das Unternehmertum wichtiger.»

Wildi will auch künftig zwischendurch abschalten und Ferien machen, sei es mit Städtereisen oder gemütlich auf einem Hausboot. Doch schon ist sie mit den Gedanken wieder bei der Wirtschaft: «Wir müssen hart an der Standortqualität arbeiten, damit wir neue gute Steuerzahler anziehen», so Wildi, «dürfen aber auch stolz sein, dass der Aargau ein gutes Umfeld bietet.»

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