Interview
Marianne Binder zum AHV-Alter 67: «Unser Sozialstaat muss auch für unsere Enkelkinder gerecht sein»

Marianne Binder wirbt für Rentenalter 67 für Mann und Frau. Im Interview erklärt die Ständeratskandidatin und CVP-Präsidentin, warum sie diesen Schritt für unausweichlich hält und wie man ältere Arbeitnehmer schützt.

Rolf Cavalli
Drucken
Teilen
Marianne Binder: «Wir Babyboomer sind in der Verantwortung»

Marianne Binder: «Wir Babyboomer sind in der Verantwortung»

Colin Frei

Sie haben beim Ständerats-Podium letzte Woche Rentenalter 67 für Mann und Frau ins Spiel gebracht und damit alle überrascht. War das spontan oder geplant?

Marianne Binder: Meine Aussage war nicht überraschend. Sie entspricht meiner Überzeugung und ich sage das seit Jahren.

Der Bundesrat schlägt erst mal 65 für Mann und Frau vor. Warum preschen Sie vor?

Ich unterstütze den Vorschlag des Bundesrates und mir ist klar, dass Rentenalter 67 nicht von heute auf morgen geht, umso mehr müssen wir jetzt darüber reden. Wir Babyboomer sind heute in der Verantwortung für morgen. Der Sozialstaat muss auch für unsere Kinder und Enkelkinder gerecht sein.

Nicht alle können bis 67 arbeiten.

Richtig. Für Menschen, die körperliche Arbeit leisten oder durch andere Belastungen einfach nicht mehr mögen, müssen selbstverständlich tiefere Pensionsalter gelten. Auch das gehört zum Sozialstaat.

Ist es nicht paradox, das Rentenalter zu erhöhen und gleichzeitig zunehmend Arbeitnehmer in die Frühpension zu schicken?

Paradox ist nicht die Erhöhung des Rentenalters, sondern die Frühpensionierung qualifizierter Arbeitskräfte. Gerade die Wirtschaft ruft ja ständig nach einem höheren Rentenalter. Aber dann soll sie auch Verantwortung übernehmen. Über den Fachkräftemangel klagen und gleichzeitig auf das Know-how und Potenzial erfahrener Arbeitskräfte verzichten, ist ein Widerspruch. Heute gelten ältere oft als unattraktiv, weil sie lohnmässig zu teuer sind für Arbeitgeber, sogar wenn sie Konzessionen machen würden. Das ist unglaublich frustrierend. Es braucht auch eine Anpassung in der beruflichen Vorsorge.

Die Linken sperren sich schon gegen das Frauenrentenalter 65 mit dem Argument, zuerst müssten die Benachteiligungen der Frauen bei Lohn etc. weg.

Die Koppelung von Rentenalter und gleichem Lohn ist wesensfremd. Ein tieferes Rentenalter erschwert eben oft den Wiedereinstieg. Ich empfinde es zum Beispiel als extrem unfair, dass Frauen, die einen grossen Anteil der Familienarbeit gewidmet haben, kaum eine Chance bekommen, im Erwerbsleben prägend Fuss zu fassen oder gar einen Kaderjob zu bekommen. Gerade auch, weil man ihnen sagt, dass sie ja bald schon wieder pensioniert sind. Übrigens gehören die Kompetenzen, die man sich in Hauswirtschaft und Familienarbeit erworben hat, zu den grossen Zukunftsberufen. Man soll sie ja nicht immer verächtlich mit Herdarbeit abtun.

AHV-Reformen scheitern beim Volk nicht zuletzt immer wieder an der Frage des Rentenalters. Befürchten Sie nicht, dass Ihnen Ihr AHV-Tabubruch so kurz vor den Wahlen schadet?

In der Politik sollte man sich nicht fürchten vor klaren Worten. Ich glaube, die Bürgerinnen und Bürger schätzen es, wenn sie wissen, woran sie sind, auch wenn sie es vielleicht auch anders sehen. Aber mit der Sorge um unsere Kinder und Enkel bin ich wohl nicht allein. Warum sollte mir schaden, was ihnen zugute kommt!

Das grosse Podium mit acht Ständeratskandidaten in voller Länge:

Alles zu den Wahlen am 20. Oktober in unserem grossen Wahl-Dossier

Aktuelle Nachrichten