Kulturpolitik

Marianne Bauer; «Zusammenarbeit über Grenzen hinweg ist wichtig»

Marianne Bauer vor dem Behmen beim Bahnhof Aarau, wo das Kuratorium seine Büros hat.

Marianne Bauer vor dem Behmen beim Bahnhof Aarau, wo das Kuratorium seine Büros hat.

Marianne Bauer, die Geschäftsführerin des Aargauer Kuratoriums, will nicht alles umkrempeln, hat aber Visionen. Und vor allem strebt sie eine stärkere Zusammenarbeit über alle Grenzen hinweg an.

Was war die grösste Überraschung seit Ihrem Amtsantritt, Frau Bauer?

Marianne Bauer: Dass man so schnell in der Arbeit, im Team, in Dossiers drin ist. Sehr positiv überrascht war ich von der Vielfalt und der hohen Qualität der Projekte, die das Aargauer Kuratorium unterstützt.

Gab es für Sie auch eine böse Überraschung?

(Zögert.) Ja, wenn man merkt, dass Dinge hinterfragt werden. Nicht im Gremium, aber von der Politik.

Wie denn?

Es ist auffällig, dass sich Kultur und Kulturförderung immer rechtfertigen müssen.

Sie empfinden die Kontrolle der Politik also als sehr streng.

Die Kulturförderung vergibt Geld, also wird einem sehr genau auf die Finger geschaut. Das ist schon richtig so. Künstlerinnen und Künstler wollen ja immer mehr Geld, das gehört zur Kunst und Kultur, sie ist in diesem Sinn expansiv. Wenn aber unser Gesamtkredit von 6,2 Millionen Franken über mehrere Jahre stagniert, ist wenig Neues möglich. Vor allem weil durch Leistungsvereinbarungen, so positiv diese sind, viel Geld gebunden ist. Ich muss und will also kämpfen, um die gute Basis der letzten Jahre zu erhalten.

Sie sind im Kanton Zug aufgewachsen und haben im Kanton Zürich gearbeitet. Welchen Eindruck haben Sie vom Aargau bekommen?

Ich finde ihn sehr interessant, weil man heute noch die einzelnen Regionen mit ihren unterschiedlichen Bezügen spürt.

Die Kleinteiligkeit zeigt sich auch in der Kultur. Es gibt kein grosses Haus, vermissen Sie die urbanen Kultur-Flaggschiffe?

Nein. Wo es viel Kleines gibt, kann auch viel und Innovatives entstehen.

Sie sind Historikerin und Literaturwissenschafterin, haben aber auch Betriebswirtschaft studiert. Wie beurteilen Sie die Strukturen und Abläufe des Aargauer Kuratoriums aus betriebswirtschaftlicher Sicht?

Das Kuratorium hat eine sehr spezielle Struktur mit den elf ehrenamtlichen Mitgliedern und der Geschäftsstelle. Ich leite die Geschäftsstelle und bin dadurch der kantonalen Verwaltung zugeordnet. Ich muss also die Verwaltungsabläufe respektieren, arbeite nach der Wirkungsorientierten Verwaltung. Das lässt nicht alle Freiheiten – wie sie das Kuratorium inhaltlich hat.

Das tönt kompliziert. Ist es aber auch richtig?

Für die Kulturschaffenden ist es sehr gut, wenn das Gremium unabhängig entscheiden kann, wenn es nicht bei der Regierung Antrag stellen muss.

Was hat sich in der Kulturszene verändert?

Sie ist professioneller geworden, und die Administration hat sich mitprofessionalisiert. Auch das Marketing ist wichtiger geworden. Da muss die Förderung sich überlegen, wie sie damit umgeht.

Ist die Form eines ehrenamtlichen Gremiums heute noch zeitgemäss? Die Ansprüche, die zeitliche Belastung ist viel grösser geworden. Findet man noch Leute, gute Leute?

Der Aufwand ist tatsächlich so gross, dass nicht alle bereit sind oder es sich leisten können oder wollen, eine solche ehrenamtliche Aufgabe zu übernehmen.

Was sagen Sie zum Vorwurf, die Kulturförderung sei überadministriert?

Das stimmt so nicht. Es braucht Aufwand und Know-how, um die Gesuche zu prüfen, bevor man sie weitergeben kann. Wir haben die digitale Gesuchseingabe als einer der ersten Kantone eingeführt. Das hilft. Die Arbeit auf der Geschäftsstelle ist dadurch anders geworden, sogar qualifizierter. Trotzdem: Die Arbeit hat stetig zugenommen, die Stellenprozente sind aber gleich geblieben.

Als was verstehen Sie sich? Als Kulturförderin oder als Verwalterin der Kulturförderstelle?

Als Kulturförderin. Aber meine Rolle ist klar: Ich leite die Geschäftsstelle mit ihren vier Mitarbeitern, und ich unterstütze die Kuratorinnen und Kuratoren. Alles zusammen ist für mich die Einheit Aargauer Kuratorium.

Können und wollen Sie auch inhaltlich Einfluss nehmen?

Ja. Wir von der Geschäftsstelle stehen den Kuratoren auch inhaltlich und strategisch beratend zur Seite. Wir sind ja auch alles Fachleute.

Aber Sie haben kein Stimmrecht.

Genau: Das oberste Entscheidungsgremium ist das Plenum des Kuratoriums. Welche Kompetenzen die Geschäftsstelle hat, wurde schon diskutiert und wird auch in Zukunft diskutiert werden.

Im Leitbild des Aargauer Kuratoriums sind zwei Hauptaufgaben formuliert. Erstens Kulturförderung und zweitens, die Öffentlichkeit für Kultur sensibilisieren. Wie erfüllen Sie diesen zweiten Auftrag?

Ich finde diesen Auftrag sehr wichtig. Im Tätigkeitsbericht legen wir Rechenschaft ab, sodass transparent ist, wie wir die Gelder verwendet haben. Wir geben Auskunft über die Jurierungen und Schwerpunkte. Aber mit unseren Ressourcen können wir nur einen Teil dieser Aufgabe erfüllen.

Auch wenn ich weiss, wer Geld für Konzerte bekommt, verstehe ich die Musik, den Musikbetrieb noch nicht wirklich besser.

Das stimmt. Aber die Kultur zu erklären, ist nicht unsere Aufgabe. Wenn es um Förderung geht, um Projekte, dann können wir beraten.

Welche Rolle hat für Sie das Kuratorium: Ist es ein Player im Kulturbetrieb oder Förderinstanz im Hintergrund?

Ich sehe eine Doppelrolle. Die Kulturschaffenden sollen sich von uns unterstützt fühlen, das ist unsere Kernaufgabe. Wir sind ein reaktives Gremium, richten nicht selber mit der grossen Kelle an. Wenn uns aber niemand kennt, ist das auch nicht gut. Wir müssen erklären, wer wir sind, uns auch zeigen.

Die Abteilung Kultur und der Swisslos Fonds haben für ihre Kulturaufgaben viel mehr Geld als das Kuratorium. Stehen Sie im Schatten dieser kantonalen Stellen?

Nein. Es ist ein monetäres Ungleichgewicht, aber die Aufgaben sind auch unterschiedlich. Ziel ist es, dass wir zusammen das Beste für die Aargauer Kulturszene erreichen. Es gibt eine Aufgabenteilung und manchmal auch Abgrenzungsprobleme. Für das Funktionieren der grossen Kultur-Betriebe braucht es beide.

Könnte man überspitzt sagen, der Swisslos Fonds unterstützt das Populäre, das Kuratorium das Elitäre, das Schwierige?

Nein, nein. In unserem Jahresbericht sieht man, dass wir nicht nur Elitäres und Schwieriges unterstützen. Was als elitär oder schwierig empfunden wird, ist auch sehr subjektiv. Die Projekte, die wir unterstützen, müssen unseren Förderkriterien entsprechen.

Sie sind Geschäftsführerin, Repräsentant des Kuratoriums ist der Präsident. Das Gremium hat also zwei Gesichter. Gibt es da Rivalität?

Sie sollen sich ergänzen. Wir haben verschiedene Rollen und treten verschieden auf. Wir fünf hier auf der Geschäftsstelle sind im Normalfall die erste Anlaufstelle und repräsentieren so auch das Kuratorium. Ich muss nicht an jeder Veranstaltung dabei sein, wir sind insgesamt ja 16 Leute. Aber ich finde, die Leute dürfen mich kennen, ich will und muss mich nicht verstecken.

Es gibt Anlässe, wo sich die Regierung in corpore zeigt. Gibt es das beim Kuratorium auch?

(Lacht.) Das habe ich noch nie erlebt.

Sie haben sich in den letzten Monaten eingearbeitet, kennen das Geschäft nun. Was wollen Sie ändern?

Mir ist wichtig, dass man die Haltung des Kuratoriums spürt. Wir haben einen internen Prozess eingeleitet, damit wir sechzehn Leute wieder mehr Zusammenhalt finden. Und wir müssen gemeinsam erarbeiten, wo das Kuratorium hin will. Welche Vision haben wir zum Beispiel für die nächsten vier Jahre? Wie nehmen wir die Entwicklungen in den Kunstszenen wahr, welche Formen der Unterstützung braucht es?

Heisst das, Sie möchten in Zukunft nicht nur reaktiv, sondern auch vorausschauend, aktiv agieren?

Ein Teil unserer Arbeit soll zukunftsgerichtet sein. Man soll spüren, was das Kuratorium mit den Entwicklungen macht, die es wahrnimmt.

Zum Beispiel?

Im Bereich Film ist das Kuratorium nicht das einzige Gremium, das fördert. Ein Film wird aus diversen Quellen, auch von diversen Kantonen und dem Bund finanziert. Hier sollte man mehr zusammenarbeiten. Aber ob man das soll, ist auch eine politische Frage. Das wird nun übrigens bereits national diskutiert.

Wie sollte das Aargauer Kuratorium nach Ihrer Vision in vier Jahren aussehen?

Es gibt es noch. Es ist in der Aargauer Kulturlandschaft eine feste Grösse, anerkannt, mit genügend Geld. Und es ist in der Schweiz ein Partner in der Kulturförderung.

Ist es das nicht heute schon?

Ja. Und genau das möchte ich erhalten. Das ist mir ganz wichtig, weil es immer wieder Tendenzen gibt, vieles infrage zu stellen. Inhaltlich kann ich ja nicht einfach etwas vorschlagen, aber ich wünschte mir, dass das Aargauer Kuratorium als Ganzes eine Vision entwickelt.

Ein Gedankenspiel: Was würden Sie denn vorgeben, wenn Sie Diktatorin wären?

(Lacht.) Ich finde Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg wichtig. Grenzen sind politisch gesetzt, aber die Kultur und die Künstlerinnen und Künstler richten sich nicht danach. Das gilt auch für die sogenannten Spartengrenzen. Auch Kommunikation wird immer wichtiger. Man muss nicht auf allen Social-Media-Kanälen dabei sein, aber ein zeitgemässer Auftritt ist heute wichtig.

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