Aarau
Marcel Christen ist der gesündere Mick Jagger

Ein Unfall hat Marcel Christen für zwei Jahrzehnte an den Rollstuhl gefesselt. Der 68-jährige Küttiger ist heute einer der besten Ü-60-Radfahrer der Welt. Nun will er auch zurück auf die Bühne und bis ins hohe Alter rocken wie die Rolling Stones.

Elia Diehl
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Marcel Christen trainiert täglich...
21 Bilder
...wie ein Verbissener für einen gesunden Körper.
Dank dem Sport kann Marcel Christen trotz seiner Leidensgeschichte noch Lachen.
Unzählige Kilometer spult er auf der «Rolle» ab.
Seine Unterschenkel sind gezeichnet von unzähligen Operationen.
Auch im Winter bei eisigen Temperaturen lässt es sich Marcel Christen nicht nehmen, mit dem Rennrad durch den Kanton zu düsen.
Die meiste Zeit verbringt er aber in seinem eigenen Fitnesscenter «Step by Step» in Aarau
Seit 25 Jahren trainiert er zusammen mit Stefan. «Wir haben eine gemeinsame Sportlerseele», sagt dieser. «Fehlt einer, dann irrt der andere nur hilflos umher.»
Für ein gesundes Leben schindet Marcel Christen...
... jeden Tag seinen Körper.
In seinem Fitnesscenter hat er überall Bilderrahmen aufgehängt, ...
... die von seinen sportlichen Erfolgen berichten.
Damit motiviert Marcel Christen seine Kunden.
Nach jedem einzelnen Training...
wird ausgiebig gedehnt.
Danach verschwindet Marcel Christen – wie immer – ins Dampfbad.
Abends widmet er sich im heimischen Keller seiner zweiten grossen Leidenschaft – der Musik und der Gitarre.
Marcel Christen beim täglichen Sport in seinem Fitnesscenter «Step by Step» in Aarau und beim Gitarrenspiel im heimischen Keller.

Marcel Christen trainiert täglich...

Elia Diehl

Marcel Christens Leben ist stets auf der Überholspur verlaufen, immer am Limit. Ein Skiunfall holte ihn vor 42 Jahren aber von den Beinen. Rollstuhl und Krücken wurden zu seinen Begleitern. Doch der Küttiger kämpfte sich mit aufopferndem Training zurück ins Leben. Heute ist der 68-Jährige einer der besten Ü-60-Radfahrer weltweit und Besitzer eines Fitnesscenters. Das genügt ihm aber nicht, er möchte auch zurück auf die Bühne, denn seine zweite grosse Leidenschaft ist die Musik. Bis ins hohe Alter will er rocken wie seine Idole: die Rolling Stones.

Erinnerungen an harte Zeiten

Die Tage beginnen bei Marcel Christen meist schleppend. Vor allem morgens macht sich die schwere Arthrose im deformierten rechten Fussgelenk bemerkbar. «Er braucht jeweils eine längere Anlaufzeit», sagt seine Frau Susanne Preusser. Es sind diese Stunden, welche bei Marcel Christen die Erinnerungen an seinen schweren Unfall vor vielen Jahren aufleben lassen.

Die frühen Siebzigerjahre: Marcel Christen stürzt im Training mit der Skinationalmannschaft - beide Unterschenkel sind zertrümmert. Die komplizierte Operation verläuft gut, doch die Ärzte arbeiten nicht steril und übersehen einen tiefen Knocheninfekt. Marcel Christens rechtes Fussgelenk stirbt fast komplett ab. Eine Amputation verweigert er. 10 Operationen und drei Jahre später ist der Fuss gerettet. Doch die Lebensträume des damals 29-Jährigen sind zerplatzt. Er ist fortan auf Rollstuhl und Krücken angewiesen.

Diplomarbeit

Elia Diehl hat berufsbegleitend die Journalistenschule MAZ in Luzern besucht und das Journalismus-Studium mit dieser Diplomarbeit abgeschlossen. Das vollständige Portrait von Marcel Christen finden Sie in der Aargauer Zeitung vom Montag, 2. Februar 2015.

Sport als Rettung

In den Achtzigerjahren fährt Marcel Christen erst noch Autorennen, ehe er langsam zum Sport zurückfindet. Das tut ihm gut und so schöpft er frischen Lebensmut. So entwickelt sich Marcel Christen fortan zum pedantischen Gesundheitsfanatiker. Wie ein Besessener schindet er seinen Körper. Er trainiert und trainiert, bis er wieder ohne Krücken gehen kann.

Nach seinem Skiunfall 1972 war es mit Sport vorerst vorbei. Marcel Christen interessierten nun schnelle Sportwagen.
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In den 80er-Jahren reiste Marcel Christen oft in die USA, ...
... um dort alte "Chevy Corvette" zu kaufen, die er in der Schweiz restaurierte und verkaufte.
Marcel Christens ganzer Stolz: Auch er selbst fuhr eine Corvette.
Dies tat er aber nicht nur auf der Strasse. Marcel Christen fuhr auch Rennen.
Bis Mitte 80er-Jahre fuhr er für das "Swiss Corvette Racing Team" und nannte sich Marc.
Nach der Geburt seiner Tochter 1986 hörte er damit auf.
Seine Gefährte wurden langsamer. Erst Anfang der 90er-Jahre, als er wieder ohne Krücken gehen konnte, packte Marcel Christen das Rennradfahren.
Es liess ihn nicht mehr los und er trainierte immer, wie hier in den Skiferien 2001 in den Bergen.
Seit Jahren fährt Marcel Christen nun Rennen (hier an der WM 2007). Zuletzt wurde er 2014 bei den Senioren Vize-Schweizermeister im Zeitfahren und 22. an der Weltmeisterschaft.

Nach seinem Skiunfall 1972 war es mit Sport vorerst vorbei. Marcel Christen interessierten nun schnelle Sportwagen.

Zur Verfügung gestellt

Auch heute macht der 68-jährige Unternehmensberater dies noch genau gleich. «Für ein gesundes Leben musst du etwas tun», sagt Marcel Christen. So ist er an den Nachmittagen stets in seinem eigenen Fitnesscenter «Step by Step» in Aarau anzutreffen - Schmerzen hin oder her. Doch diese lässt er sich nicht anmerken. Einzig die rechte Ferse setzt er beim Stehen nie ganz ab. «Er schont sich mit dem harten Training», weiss Susanne Preusser. Die diplomierte Fitnessinstruktorin hat im Center die Geschäftsleitung inne. Mehrere Stunden schuftet Marcel Christen hier neben seiner Frau und seinen Kunden. Unzählige Kilometer fährt er hier auf dem Fahrrad.

Marcel Christen ist längst zum Leistungssportler geworden und hat schon vieles erreicht. Er ist aktueller Ü-60-Vize-Schweizermeister im Zeitfahren. An den Seniorenweltmeisterschaften 2014 erreichte er den 22. Platz. Aber er hat auch noch einiges geplant. «2017 möchte ich den Stundenweltrekord der Senioren auf der Bahn brechen», sagt Marcel Christen. Dafür muss er in einer Stunde mehr als 43 Kilometer weit fahren.

«Musik ist Leben»

Abends zieht sich Marcel Christen in den Keller seines Hauses in Küttigen zurück. Hier stehen seine alten Gitarren. Er übt - so wie er trainiert: besessen.

Seit der Kindheit schlagen in seiner Brust zwei Herzen. Das eine sehnte sich nach Bewegung, das andere nach musikalischen Klängen. Beeinflusst von Elvis Presley und Bill Haley fand er früh zur Gitarre. «Musik - das ist Leben», sagt er, «was wären die Menschen ohne sie?»

Doch nach dem Ökonomie-Studium in Kanada und seinem schweren Unfall verstaubt seine Gitarre. Erst als es ihm körperlich wieder besser geht, greift er wieder zu ihr. Er spielt in verschiedenen Bands. Bis zur Geburt seines ersten Kindes studiert Christen sogar nochmals einige Jahre an der Jazzschule Luzern. «Ja wenn, dann richtig», sagt er heute. «Du musst es einfach tun, deine Wünsche selbst erfüllen.» Ganz nach seinem Motto: Just do it. «Oder so wie es die Rolling Stones sangen: Catch your dreams before they sleep away.»

Wie Mick Jagger

Und doch rückte die Musik wieder in den Hintergrund. Die Familie und der Beruf, aber ganz besonders auch die Gesundheit und der Sport haben Vorrang. Erst 2014 holt er auf Anraten seiner Frau die Gitarre aus dem Keller. Marcel Christen ist mittlerweile im Pensionsalter und hat viel Zeit. «Ich muss neben dem Sport doch noch etwas anderes machen», sagt er, «jetzt wo ich auf die 90 zugehe.» Denn nur extensiver Sport, das ginge im Alter nicht mehr.

Halbe Sachen macht Marcel Christen aber nie. Kurzerhand gründete mit einem befreundeten Gitarristen eine Band. «Noch suchen wir einen Drummer, der zu uns passt», sagt er. Aber das Ziel ist klar: auf der Bühne vor Publikum rocken. Einen Konflikt mit dem Alter sieht er nicht, schliesslich sind seine grossen Idole, die «Rolling Stones», auch noch aktiv. «Ich mach's wie Mick Jagger», sagt er. «Bloss weniger peinlich und vor allem viel gesünder.»

Das vollständige Portrait finden Sie in der Aargauer Zeitung vom Montag, 2. Februar 2015.