Sechs Monate hat der Angeklagte in Untersuchungshaft verbracht. Seine Arbeit hat er verloren. Der 42-jährige Angeklagte Metin S. (Name geändert) sagt: «Ich kämpfe gegen eine Mauer. Ich habe keine Lust mehr.» Er hat lange gekämpft. Um seine Frau, sagt er. Von ihr ist er seit diesem April geschieden. Sie hat sein Bemühen als Stalking empfunden.

Die Liste der Tatbestände, die der Rechtsanwalt der Privatklägerin Belma S. (Name geändert) vor Bezirksgericht Zofingen zur Anklage bringt, ist lang: Metin S. ist wegen mehrfacher Nötigung, einfacher Körperverletzung, mehrfacher Tätlichkeit, sexueller Belästigung, mehrfacher Beschimpfung und mehrfachem Missbauch einer Fernmeldeanlage angeklagt. Hinzu kommt das mehrfache Führen eines Motorfahrzeuges trotz entzogenem Führerausweis und mehrfacher Ungehorsam gegen eine amtliche Verfügung.

Gerichtspräsident Peter Wullschleger will wissen, ob Metin S. seiner Frau im Sommer 2014 wirklich eine Ohrfeige verpasst habe. «Das ist nicht richtig», sagt dieser. Er habe seine Frau nie geschlagen. Er habe Belma S. am 8. Februar auch nicht gegen die Wand gestossen und ihr die Arme verdreht, wie die Anklage behauptet. Die Befragung offenbart: Die Beziehung ist spätestens seit Sommer 2014 zerrüttet, die Situation hat sich in der Folge weiter zugespitzt. Offensichtlich ist aber auch: Die Beweislage der Anklage zur häuslichen Gewalt in mehreren Fällen ist dürftig. Mehrfach ist erwähnt, dass keine Verletzungen entstanden sind.

Frau war mit Kindern im Frauenhaus

Mehr Anhaltspunkte bietet der Zeitraum vom 12. August bis 29. September 2015. Das Paar lebt inzwischen getrennt, die Frau wohnt nach einem Aufenthalt im Frauenhaus allein mit den Kindern. Metin S. kann die Trennung nach wie vor nicht akzeptieren. Vom 14. bis 27. September 2015 ruft er Belma S. gegen 100-mal an, passt sie mehrfach an der Bushaltestelle ab, missachtet mehrfach ein Annäherungsverbot, besucht die Tochter in der Schule. Am 19. September 2015 soll er seine Frau als «Hure» beschimpft, seine Tochter geschlagen und seinen kleinen Sohn angespuckt haben.

Der Angeklagte bestreitet die beleidigenden Worte nicht und bereut diese. Doch nimmt er Abstand von der Gewalt gegen seine Tochter. «Ich liebe meine Kinder, habe sie stets zur Schule und ins Bett gebracht.» Dass er am 25. Juli 2015 trotz Führerausweisentzug mehrfach Auto gefahren ist, begründet er damit, dass seine Frau die Verfügung entgegengenommen und ihm nichts gesagt hat.

Der Anwalt der Klägerin betont, in welch ständiger Angst Belma S. gestanden habe. Über die erwähnten Anklagepunkte hinaus verlangt er ein dreijähriges Kontaktverbot. Zivilrechtlich fordert er, dass der Beschuldigte die 32 766 Franken fürs Frauenhaus, 1336 Franken Sozialhilfe, 4000 Franken Schadenersatz für die Frau und je 1000 Franken an die Kinder berappt.

Die Verteidigerin relativiert. Die Beweislage wegen häuslicher Gewalt sei ungenügend. Es könne lediglich von Tätlichkeiten und Beschimpfungen die Rede sein. Und sie sagt: «Drei Jahre Kontaktverbot ist weit übers Ziel hinausgeschossen, das Scheidungsurteil von diesem April sieht Kontakt zu den Kindern ausdrücklich vor.» Sie plädiert auf 130 Tagessätze zu 40 Franken.

Keine sexuelle Belästigung, aber Stalking

Peter Wullschleger spricht den Angeklagten in mehreren Punkten frei. Die Beweislage betreffend einfache Körperverletzung, sexuelle Belästigung und Tätlichkeit in zwei Fällen erachtet er als ungenügend. Als schuldig erachtet er Metin S. aber unter anderem wegen mehrfacher Nötigung in Bezug auf das fortgesetzte Stalking-Verhalten trotz Annäherungsverbot. Keine mildernden Umstände erkennt er im Anklagepunkt des mehrfachen Autofahrens trotz Entzugs des Führerausweises im Sommer 2015.

«Sie wussten, dass Sie eine Zeit lang nicht fahren dürfen. Auch die fahrlässige Zuwiderhandlung ist laut Verkehrsgesetz strafbar.» Der Gerichtspräsident entscheidet auf 8 Monate Gefängnis bedingt. «Nach meiner Erfahrung sollte sich das Damoklesschwert der verbleibenden 71 Tage, die Sie bei Zuwiderhandlung absitzen müssen, positiv auf Ihr Verhalten auswirken.»

Die Ablauffrist für das Kontaktverbot legt Peter Wullschleger auf Ende 2016 fest. Bezüglich Genugtuung und Schadenersatzforderungen verweist er auf den zivilen Weg.