Bezirksgericht Lenzburg

Mann von Lkw überrollt – Chauffeur vor Gericht: «Der Lastwagen startete durch wie ein Flugzeug»

Auf diesem Firmenareal wurde im April 2015 ein Mann lebensbedrohlich verletzt. Er geriet beim Unfall unter den Mercedes-Lastwagen (Bildmitte).  Kapo

Auf diesem Firmenareal wurde im April 2015 ein Mann lebensbedrohlich verletzt. Er geriet beim Unfall unter den Mercedes-Lastwagen (Bildmitte). Kapo

Zwei Jahre nach dem verhängnisvollen Lkw-Unfall auf einem Firmenareal in Rupperswil stand am Montag der heute 54-jährige Chauffeur vor dem Bezirksgericht Lenzburg. Er musste sich wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung und fahrlässigem Nichtbeherrschen des Fahrzeugs verantworten. Beim Unfall wurde ein 43-jähriger Mann vom Lastwagen erfasst und überrollt worden und lebensgefährlich verletzt.

Was er an jenem verhängnisvollen Donnerstagnachmittag im April 2015 tat, hat er davor schon unzählige Male getan: In die Führerkabine klettern, Motor einschalten, losfahren. Routine für den Chauffeur, der in seinem Leben schon über eine Million Kilometer am Steuer zurückgelegt hat.

Doch der Lastwagen kommt auf dem Firmengelände nicht wie üblich langsam in Bewegung, sondern schnellt nach vorne, erfasst einen Mann und überrollt ihn. Weil dessen rechte Hand unter dem Rad liegt, steigt der Fahrer zurück in die Kabine und fährt rückwärts. Da macht der Lastwagen erneut einen Sprung, beschädigt dabei einen Sattelschlepper, der daneben steht. Das Opfer schwebt in Lebensgefahr, wird mit schweren Verletzungen an Brustkorb, Bauch und Becken ins Spital eingeliefert.

Zwei Jahre nach dem Unfall auf einem Firmenareal in Rupperswil sagt der Chauffeur am Montagvormittag vor Bezirksgericht Lenzburg: «Ich bin froh, geht es ihm wieder gut. Das hätte auch anders rauskommen können.»

Zum Prozess muss der heute 54-Jährige als Beschuldigter erscheinen. Die Staatsanwaltschaft will ihn wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung und fahrlässigem Nichtbeherrschen des Fahrzeugs zu einer bedingten Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu je 140 Franken sowie einer Busse von 4500 Franken verurteilen. Der Chauffeur habe «durch die krassen Bedienungsfehler» sein Fahrzeug nicht beherrscht und «eine ernstliche Gefahr» geschaffen.

Lastwagen Nr. 13

Wortreich und hörbar aufgewühlt schildert der Beschuldigte Gerichtspräsidentin Eva Lüscher, was aus seiner Sicht damals vorgefallen ist. Den Lastwagen Nummer 13 habe er nach einer Reparatur abholen und zurück zu seinem Arbeitgeber fahren wollen. Wie in der Fahrschule gelernt und wie er dies immer mache, sei er zum Starten auf die Bremse gestanden.

Verhindern konnte er trotzdem nicht, was danach passierte: «Der Lastwagen startete durch wie ein Flugzeug.» Ihm sei sofort bewusst gewesen, dass er jemanden überfahren habe. Beim Rückwärtsfahren habe der LKW erneut einen «Riesengump» gemacht, das Lenkrad sei ihm aus der Hand gerissen worden.

«Ich bin dauernd auf der Bremse gestanden», wiederholt er. Die Gerichtspräsidentin weist ihn darauf hin, dass dies gemäss Gutachten nicht möglich sei, doch er bleibt dabei: «Ich erzähle hier keine Lügen.» Als er vom Verteidiger aufgefordert wird, zu zeigen, wie er die Bremse betätigt hat, hält er sich an einem imaginären Steuerrad fest und drückt den Fuss fest auf den Boden. Einen Vorfall wie diesen habe er in den über 30 Jahren als Chauffeur nie erlebt, versichert er. Seine Erklärung: ein technischer Fehler.

«Der LKW hat ihn beherrscht»

Der Verteidiger sagt in seinem Plädoyer, von einem Nichtbeherrschen des Fahrzeugs könne keine Rede sein. «Der LKW hat ihn beherrscht, so ist es gewesen.» Mit dem Fahrzeug habe etwas nicht gestimmt. «Es muss ein technischer Defekt vorgelegen haben.» Der Verteidiger stützt sich dabei auf die Aussagen von drei Zeugen, «alles LKW-Profis», wie er sagt.

Einer schilderte einen «ungewöhnlichen Satz nach vorne», der mit einer «extremen Beschleunigung» erfolgt sei. Ein anderer sagte aus, der Lastwagen habe sich «wie ein Geschoss retour» bewegt.

«Das macht stutzig», sagt der Anwalt und zählt mögliche Gründe auf, die den Vorfall verursacht haben könnten. Hat der nahe Baukran die Elektronik beeinträchtigt? Ist beim Waschen des Fahrzeugs Wasser in den Elektronik- oder Bremsbereich eingetreten? Waren Hacker am Werk?

Antworten auf diese Fragen kann aber auch der Anwalt nicht liefern. Das Gutachten, das keine technischen Mängel feststellen konnte, bezeichnet er als «zweifelhaft», weil zwischen Unfall und Untersuch mehrere Monate vergangen seien und ein Mitarbeiter des Herstellers Mercedes mitgewirkt habe. Aufgrund von «unüberwindlichen Zweifeln» fordert er einen Freispruch.

Abstrakte Bedenken würden für einen Freispruch nicht reichen, befindet Gerichtspräsidentin Lüscher bei der Urteilsbegründung. Aus dem Gutachten gehe klar hervor, dass der Beschuldigte nicht auf dem Bremspedal gestanden haben könne, weil sich das Fahrzeug in diesem Fall gar nicht bewegt hätte. «Da haben Sie eine falsche Wahrnehmung.» Ein sogenannter «Känguru-Sprung» sei etwa dann möglich, wenn der Fahrer den Gang einlege und gleichzeitig aufs Gas drücke. Für diese Erklärung spreche die Tatsache, dass der Motor aufgeheult habe. Hinweise auf einen technischen Defekt gebe es hingegen nicht.

Die vom Verteidiger ins Feld geführten Argumente gingen schon fast in Richtung Verschwörungstheorie, sagt die Gerichtspräsidentin. Ihr Urteil fällt dennoch milder aus als von der Staatsanwaltschaft gefordert: Ein Schuldspruch wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung, eine bedingte Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 80 Franken sowie eine Busse von 1800 Franken. Richterin Lüscher erklärt dies damit, dass der Beschuldigte nach wie vor unter dem Vorfall leide. Alle zwei Wochen gehe er zum Psychiater, sagte dieser zuvor während der Befragung. «Der Unfall beschäftigt mich heute noch.»

Autor

Manuel Bühlmann

Manuel  Bühlmann

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