Allein sitzt der Beschuldigte vor dem Laufenburger Bezirksgericht. Kein Opfer, keine Staatsanwältin, kein Verteidiger. Dort, wo sonst der Anwalt sitzt, hat er seine grüne Jacke über die Lehne gehängt. Er habe seinen Anwalt entlassen, erklärt Hansruedi (Name geändert). «Ich war sehr, sehr unzufrieden mit ihm.» Unzufrieden ist er auch mit dem Strafbefehl. Die Staatsanwaltschaft fordert eine Verurteilung wegen mehrfacher Drohung und mehrfacher einfacher Körperverletzung und eine bedingte Geldstrafe (120 Tagessätze zu 90 Franken) sowie eine Busse von 2000 Franken.

Faustschläge und Todesdrohungen

Warum er gegen den Strafbefehl Einsprache erhoben habe, will Gerichtspräsident Beat Ackle wissen. Der Beschuldigte hat die Gründe dafür schriftlich festgehalten, will sie vorlesen. Er ist bereits aufgestanden, als der Richter ihn unterbricht. Er möge ihm stattdessen einige Minuten Zeit geben, um die Seiten selbst durchzulesen. Der Beschuldigte – silberne Brille, goldene Kette am Handgelenk, dunkler Pulli, helles Hemd – sitzt wieder hin und wartet, bis der Gerichtspräsident fertig ist. Die Stille im Gerichtssaal wird von Zeit zu Zeit nur durch das Umblättern der Seiten durchbrochen.

Die Staatsanwaltschaft wirft Hansruedi vor, seine Frau mehrmals geschlagen und verletzt zu haben. Über Jahre sei es «immer wieder zu heftigen verbalen und teils tätlichen Auseinandersetzungen gekommen», heisst es in der Anklageschrift. Er habe sie gewürgt, ihr ein anderes Mal mit einem Faustschlag das Nasenbein teilweise gebrochen, bei einer weiteren Auseinandersetzung mehrfach auf Kopf und Nacken geschlagen.

Ein Streit gipfelte darin, dass er sie während einer Autofahrt zum Aussteigen gezwungen habe. «Als sie versuchte, ihre Tochter samt Maxicosi aus dem Auto zu nehmen, hat der Beschuldigte Gas gegeben, wodurch er das Opfer mit der Tochter zu Boden riss», schreibt die Staatsanwaltschaft. Er habe sie danach mit der Faust geschlagen.

Ausserdem soll er ihr und ihren Eltern mit dem Tod gedroht haben. Die Drohung versetzte seine Frau vor allem auch deshalb in Angst und Schrecken, weil ihr Mann eine grosse Waffensammlung besitzt. Die Liste der beschlagnahmten, legal erworbenen Schusswaffen ist lang: Vier Pistolen, drei Revolver, zwei Flinten, ein Gewehr mit Zielfernrohr.

Dazu grosse Mengen an Munition. Auf die Frage, ob er all die Waffen heute noch brauche, antwortet der Beschuldigte mit Nein. Er würde nun sogar freiwillig darauf verzichten – mit Ausnahme zweier Modelle. «Wenn ich die Beretta und die Walther PPK wieder haben könnte, wäre ich happy.» Aus emotionalen Gründen, sagt er und fasst sich mit der rechten Hand ans Herz. Die Staatsanwaltschaft will das gesamte Arsenal einziehen und vernichten lassen. Ein Entscheid über die Waffensammlung fällt an diesem Dienstagvormittag nicht.

Eine schwierige Scheidung

Fragen zu den vorgeworfenen Taten werden am Prozess keine mehr gestellt. Zentral für die Urteilsfindung sei, wie der Beschuldigte künftig mit Tochter und Frau umgehen werde, sagt Gerichtspräsident Ackle und erkundigt sich nach ihrem derzeitigen Verhältnis. Die Antwort des Angeklagten: Die Beziehung zu seiner Tochter sei sehr schön. «Ich empfinde ihr gegenüber viel Liebe und Zärtlichkeit.» Mit seiner Frau laufe es ebenfalls gut. Kurz darauf sagt er allerdings auch: «Die Diskussionen mit ihr sind schwierig.

Sie weigert sich, über ein Besuchsrecht zu sprechen, das meinem Bedürfnis nachkommt.» Gemeinsame Ferien von Tochter und Vater etwa liesse die Mutter nicht zu. Hansruedi spricht von grossen Differenzen bei Besuchs- und Ferienrecht, die eine Lösung verunmöglichten. Das Scheidungsverfahren ist sistiert.

Der Richter erinnert den Ankgeklagten daran, dass er es sei, der die Wiederaufnahme verlangen müsse. «Warten Sie ab, dann passiert auch nichts. Jeder ist seines Glückes Schmied.» Eine gütliche Einigung kam bislang nicht zustande. Hansruedi will nochmals einen Versuch wagen, bevor er das Scheidungsverfahren am Gericht wieder aufnehmen will – auch wenn der richterliche Rat anders lautet: «Ich würde es nicht mehr probieren. Die Positionen sind zu weit auseinander.»

Ob es für Hansruedi o.k. wäre, wenn mit einem Urteil im Strafverfahren bis nach der Scheidung gewartet würde, fragt der Richter. «Nein», antwortet dieser. «Ich möchte das lieber möglichst schnell abgeschlossen haben.» Gedulden muss er sich trotzdem: Das Urteil wird voraussichtlich im März schriftlich eröffnet. Und will er sein Recht auf das letzte Wort wahrnehmen? Hansruedi zögert kurz, sagt dann: «Ja, das möchte ich.» Nach der Trennung sei er in eine tiefe Depression gestürzt. Inzwischen fühle er sich wieder gesund. «Ich habe eine Stelle gefunden, das hat mir sehr geholfen.»