Holziken
Mal Diktator, mal gmögiger Mensch, mal selbstlos, mal unmöglich

Hansueli Mathys war mehr als ein Beamter. «Ich habe meinen Beruf geliebt», sagt Holzikens Gemeindeschreiber mit 45 Jahren Berufserfahrung. Nun wird der ehemalige Nationalrat pensioniert.

Barbara Vogt und Aline Wüst
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Hansueli Mathys war 45 Jahre lang Gemeindeschreiber in Holziken..jpg

Hansueli Mathys war 45 Jahre lang Gemeindeschreiber in Holziken..jpg

Hansueli Mathys zählt die Tage bis zu seiner Pension. Nicht weil er sich darauf freut, sondern weil er dann weg vom Fenster ist. «Für mich ist dieser Schritt nicht einfach», sagt er. «Ich habe meinen Beruf geliebt.» Jede Minute. 45 Jahre lang.

Dabei wollte er als junger Mann, Sohn eines Metzgers, aus dem engen Tal ausbrechen. Stewart bei der Swissair wollte er werden und war auch auf dem besten Weg dorthin. In letzter Minute entschied er sich 1969, Gemeindeschreiber zu werden. «Da war ich auf der sicheren Seite.»

Zur Person

Hansueli Mathys wurde 1946 in Kölliken geboren. Seit 1973 ist er mit seiner Frau Liselotte verheiratet. Er hat zwei erwachsene Kinder. Zwischen 1990 und 1999 war er SVP-Grossrat, bis zu seiner Abwahl 2007 Nationalrat. Sechs Jahre lang stand er der SVP Aargau als Kantonalpräsident vor und führte sie zur wählerstärksten Partei im Kanton. 2005 war er OK-Präsident des Eidgenössischen Jodlerfestes in Aarau («des schönsten Jodlerfests aller Zeiten»). (bA)

In dieser Zeit lernte er auch seine Frau kennen. Während einer Veranstaltung bei der Jungen Kirche in Murgenthal. «Den würde ich nicht wollen», soll sie gesagt haben, als sie ihn kennen lernte - «der hat ein zu grosses Maulwerk.» Doch Mathys bemühte sich und bekam seine Liselotte.

Dem Gemeinderat zurückgehalten

Ein Macher, ein Mächtiger, ein Dorfkönig ist Mathys. Einer, der die Fäden in seiner Gemeinde und darüber hinaus in den Fingern hält. Von seinem Büro aus, hinter gezogenen Vorhängen, beobachtet der Gemeindeschreiber, wer die Dorfstrasse entlanggeht, in die Beiz, zum Automechaniker, auf die Post.

Er bezeichnet sich selber als modernen CEO der Gemeinde. Bei Gemeinderatssitzungen habe er sich aber zurückgenommen. «Nie hätte ich einem Gemeindeammann ein Wort in den Mund gelegt.»

Tatsächlich? Mathys windet sich, lacht verlegen: «Es kam auf den Ammann an. Es gab stärkere und schwächere.» Und einem Gemeinderat habe er schon mal gesagt: «Verzell doch ned en settige Seich.»

In der Gemeinde schaut er zu seinen Mündeln, ist darum besorgt, dass die Asylbewerber Tageskarten bekommen, damit sie nicht schwarz Zug fahren.

Er kämpft für die Eigenständigkeit Holzikens. Auch wegen ihm hat Holziken noch ein eigenes Betreibungs- und Sozialamt, die Spitex und Jugendarbeit werden selbstständig organisiert. «Unsere Gemeinde prosperiert», sagt der Gemeindeschreiber stolz.

Auch eine andere Seite

Der selbstlose, milde, liebe Mathys, also. Es gibt auch einen anderen Mathys - einen dunklen, autoritären, diktatorischen, sturen, unmöglichen Mathys. Einen Mensch, der im Mittelpunkt sein will. Gerne bewege er sich an der Grenze, schaue, wie weit er gehen könne, sagt er und vergleicht sich mit seinem Boxerhund. «Der zieht, ist stets vorne.»

Einer der wenigen, der ansprach, was viele hinter vorgehaltener Hand über Mathys dachten, war Ernst Werthmüller.

Der Holziker Unternehmer und ehemalige FDP-Grossrat kennt Mathys seit Kindstagen.

Ein unauffälliger sei der Hansueli in der Schule gewesen. Später dann, als Werthmüller Gemeinderat war, hatten die beiden Männer wieder intensiven Kontakt.

Werthmüller sagt, dass Mathys nach seiner Wahl in den Grossen Rat dafür gesorgt habe, dass Leute nach seinem Gusto in den Gemeinderat gewählt wurden.

Werthmüller weiss noch, wie er sich bei Mathys einst nach der Grossratssitzung über die montägliche Gemeinderatssitzung erkundigte. Mathys soll ihm geantwortet haben: Eine Muppet-Show sei das gewesen. Das Protokoll habe er bereits am Samstag geschrieben.

Sehen sich die beiden Holziker heute auf der Strasse, schaue Mathys weg. «Eigentlich schade», findet Werthmüller.

Reithalle wird «SVP-Rütli»

Zu Beginn seiner Nationalratszeit erlebte Mathys ein Hoch. Er war beliebt, die Leute scharten sich um ihn.

Mathys lachte viel und geizte nicht mit Schimpfwörtern: «Lumpesieche» war und ist eines seiner bevorzugten. EVP-Politiker Heinrich Studer, der gleich lang wie Mathys im Nationalrat war, spricht gut über ihn, auch wenn die beiden das Heu politisch nicht auf der gleichen Bühne haben: «Ein gmögiger Mensch. Auf der menschlichen Ebene sind wir sehr gut miteinander ausgekommen.»

Spässe unter Nationalräten

SVP-Nationalrat Ueli Giezendanner spricht von einem feinfühligen, ja sensiblen Menschen, wenn er über Mathys spricht. Von einem engagierten Menschen, der sage, was er denke, und damit provoziere.

Giezendanner erinnert sich an eine lustige Episode: Während ihrer gemeinsamen Parlamentszeit wurde die elektronische Abstimmungsanlage installiert, die Druckknöpfe kamen in die alten Tintenfässer.

Giezendanner machte sich ein Spässchen daraus und schraubte das Tintenabstimmungsfass von Mathys zu. Um 15.15 Uhr folgte die Abstimmung, natürlich konnte er nicht abstimmen. Lauthals rief Mathys in den Saal, dass er blockiert ist.

Zweimal freigesprochen

Beim Bau der Holziker Reithalle kurz nach dem Jahr 2000 hatte Mathys das Sagen. Bei den SVP-Parteitagen erschienen die Besucher in Scharen in der Halle, schnell wurde sie zum «SVP-Rütli».

«Mathys brachte Leben in die Bude», sagt eine Bekannte. Er bestimmte aber auch ohne zu fragen über das Geld der Reithalle, schenkte Champagner auf Vereinskosten aus und unterdrückte die Reiter, bis keiner mehr einen Mucks mehr machte.

Trotzdem: Viele sahen auch einen Gott im Holziker Gemeindeschreiber: Dank ihm habe die Reithalle nationale Bedeutung erhalten, sagt ein Rösseler.

Der Fall vom Ross war hoch: Mathys war in ein Strafverfahren wegen Veruntreuung, ungetreuer Geschäftsführung und Urkundenfälschung verwickelt.

Wegen eines zweiten Strafverfahrens innerhalb der Gemeinde geriet er noch mehr in Schieflage: Auf Stimmenfang sei er gegangen und deswegen angezeigt worden.

«Geht man auf Stimmenfang, wenn man alten Leuten beim Ausfüllen der Stimmzettel hilft?», sagt er und lacht sein entwaffnendes Lächeln.

In beiden Fällen, bei der Reithalle und in der Wahlbetrugsaffäre, wurde das Verfahren eingestellt, Mathys war unschuldig. Dafür wurde er als Nationalrat abgewählt.

Natürlich habe er Fehler gemacht, sagt Mathys heute. Sein Verhalten bereut er: «In der Reithalle hätte ich niemals so autoritär auftreten dürfen. Ich hätte den Leuten mehr Mitspracherecht geben, die Dinge einvernehmlicher lösen müssen.»

Manchmal, wenn er nachts im Bett liege, denke er schon: «Diesem Menschen hätte ich nicht so an den Karren fahren dürfen.» Doch er habe sich immer entschuldigt, wenn er zu direkt gewesen sei.

Aufrecht durchs Dorf

Wegen seiner Abwahl als Nationalrat habe er sich nie geschämt. «Ich habe weniger gelitten als meine Familie.»

Stets sei er aufrecht auf seinem Fahrrad durchs Dorf zur Arbeit gefahren. Auch nach der Abwahl als Bankrat der Kantonalbank. «Dies war keine persönliche, sondern eine parteipolitische Angelegenheit, sagt er.

Trotzdem haben sich seit dieser Zeit die Furchen in seiner Stirn vertieft. Nicht nur des Alters wegen. «Ein Jahr lang ging es mir schlecht, ich hatte massive Herzprobleme. Das Ganze hat mich mitgenommen. Der Mensch Mathys war am Ranzen.»

Er schwor sich damals, das Bundeshaus, diese «Ochsenschüür», nie mehr zu betreten. Heute ist dieser Schwur vergessen.

Der sensible, weiche Mathys, der Mathys, der die weite, heisse Wüste Afrikas liebt, den es immer wieder nach Südafrika zieht, wo er Verwandte hat.

Für viele Menschen veranstalte er Reisen ins südliche Afrika. Seine Frau Liselotte hätte sogar gern in Südafrika leben wollen. Aber nicht Mathys: «Ich habe meine Wurzeln im Suhrental.»

Die Politik, die SVP ist für Mathys lebensbestimmend und kommt gleich nach der Familie und Südafrika.

Zwar war er früher im Landesring, wurde aber - weil er schreiben kann - als Aktuar in die SVP Holziken gerufen. «Die SVP ist eine konservative Partei, die aber bis heute selbstbewusst auftritt», sagt Mathys.

Mathys erhält Ehrenbürgerrecht

Heute Abend, an der Gemeindeversammlung, erhält Hansueli Mathys das Ehrenbürgerrecht. Nach der Verleihung gibts Schweinswürstli und Aargauer Wein.

Ganz so schlicht wird der Gemeindeschreiber aber nicht abtreten. Am 4. Januar, an seinem letzten offiziellen Arbeitstag, steigt ein grosses Fest in der Mehrzweckhalle. Sogar SP-Regierungsrat Urs Hofmann erscheint.

Danach muss er sein stattliches Büro verlassen. Er wird die Holziker Landschaftsbilder abhängen, den Wimpel vom Eidgenössischen Jodlerfest und das Gedicht «de Gmeindschryber» von Robert Stäger einpacken.

Seinen warmen Wintermantel anziehen und das letzte Mal von der Arbeit heimradeln. Was tut er dann? Gern würde er die Holziker Chronik auffrischen - natürlich mit persönlicher Note. Und Mathys liebäugelt damit, sein Leben niederzuschreiben.