Überwachung
Mafia-Methoden unter Aargauer Dopinghändlern – einer blitzt vor Bundesgericht ab

Bei einem Brand in einem Fitnessstudio in Villmergen im Jahr 2012 flog per Zufall auf, dass die Betreiber mit illegalen Substanzen handelten. Die Staatsanwaltschaft führte Verfahren gegen zehn Beschuldigte. Einer von ihnen wehrte sich bis vor Bundesgericht gegen die Überwachungsmassnahmen der Untersuchungsbehörden.

Manuel Bühlmann
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Im Fitness-Studio in Villmergen wurde mit diesen illegal hergestellten Anabolika und Potenzmitteln gehandelt.

Im Fitness-Studio in Villmergen wurde mit diesen illegal hergestellten Anabolika und Potenzmitteln gehandelt.

Ein Zeuge wird bedroht, fürchtet um sein Leben, zieht seine Aussagen zurück. Was an eine Szene aus einem Mafiafilm erinnert, soll sich so vor rund drei Jahren im Aargau abgespielt haben. Abgehörte Telefonate während Ermittlungen gegen einen Dopinghändlerring brachten die Behörden auf die Spur. In den aufgezeichneten Gesprächen berichtet der Beschuldigte einem Kollegen, wie er zusammen mit anderen Personen beim unliebsamen Zeugen «eingefahren» sei, worauf dieser sie auf Knien angefleht habe, ihm und seinem Kind nichts anzutun. Drei Optionen habe er ihm geboten: «Den Schaden zu zahlen, auf den Mond zu fliegen oder sich eine Kugel zu geben.»

Die Zeugen verstummen

Die Einschüchterung verfehlte ihre Wirkung offenbar nicht. Der Bedrohte sagte in einem ebenfalls abgehörten Gespräch am Handy, er lebe seit dem Vorfall in Todesangst. «Ich weiss nicht, was ich machen soll.» Er fahre wohl am besten in eine Wand, dann sei es erledigt. Kurz darauf zog er seine Aussagen zurück, mit denen er den Beschuldigten schwer belastet hatte. Im darauf folgenden Gerichtsprozess bestätigte er den Widerruf und verweigerte ansonsten die Aussage. Ein anderer Zeuge tat es ihm gleich.

In anderen abgehörten Telefongesprächen ging es um die Zahlung grösserer Beträge. Die Staatsanwaltschaft wertet dies als «ernstliches Indiz» dafür, dass sich der Beschuldigte zumindest der versuchten Erpressung schuldig gemacht und er vom Zeugen für dessen belastende Aussagen «Schadenersatz» verlangt habe.

Gegen den Dopinghändler läuft eine Strafuntersuchung wegen Verdachts der Erpressung, mehrfacher Nötigung, qualifizierter Widerhandlung gegen das Sportfördergesetz und Widerhandlung gegen das Heilmittelgesetz.

Für den Beschuldigten ist es nicht das erste Strafverfahren. 2016 wurde er vom Aargauer Obergericht wegen gewerbsmässiger Widerhandlung gegen das Heilmittelgesetz verurteilt, weil er nicht zugelassene Hormonpräparate und Potenzmittel verkauft hatte. Seine Verhaftung im November 2012, also wenige Monate nachdem bei Ermittlungen nach einem Brand in einem Villmerger Fitnessstudio der Handel mit illegalen Substanzen aufgeflogen war (siehe Box unten), setzte seiner Geschäftstätigkeit ein Ende. Allerdings wohl nur ein vorübergehendes, wie die Erkenntnisse aus der Überwachung des Beschuldigten vermuten lassen.

Am 29. Januar 2015 notierte das Observationsteam, wie der Beschuldigte um 12.08 Uhr auf dem Parkplatz eines Fitnesscenters vorfuhr und auf einen Kollegen wartete, der wenige Minuten später am Treffpunkt erschien und von Ersterem zwei Kisten erhielt. Als das Duo daraufhin das Gebäude betrat, fiel den Ermittlern ein weisses, gefülltes Kuvert in der Gesässtasche des Beschuldigten auf.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Beschuldigte den Wiedereinstieg ins illegale Geschäft plante. Sie begründet diese Annahme auch mit Passagen aus abgehörten Gesprächen. Demnach sprach der Beschuldigte mit einem seiner Geschäftspartner über die Lieferungen, den bevorstehenden Einkauf in China und die Lagerung der Ware.

Zahlreiche Mobiltelefonnummern

Die Erkenntnisse aus den Observationen und abgehörten Gesprächen spielen in der Strafuntersuchung gegen den Dopinghändler eine zentrale Rolle. Dessen ist sich auch der Beschuldigte bewusst. Bis vor Bundesgericht wollte er verhindern, dass diese seiner Meinung nach zu Unrecht erhobenen Beweise später im Verfahren gegen ihn verwendet werden dürfen.

Inzwischen liegen die vier Urteile vor; um die Übersichtlichkeit nicht zu gefährden, haben die Bundesrichter die Beschwerden gegen die zahlreichen Überwachungsmassnahmen nicht zusammengeführt. Die Entscheide geben einen Einblick in die monatelangen Ermittlungen. Der Gefahr, dass er beim Telefonieren belauscht werden könnte, war sich der Beschuldigte offenbar bewusst: Er habe zahlreiche Mobiltelefonnummern konspirativ benutzt, «mit dem Ziel, die Überwachung seiner Telefongespräche zu verhindern».

Auch der Zufall half der Staatsanwaltschaft: Erkenntnisse aus Gesprächen anderer abgehörter Personen belasten den Beschuldigten noch zusätzlich. Die Verwendung dieser Zufallsfunde wollte er ebenfalls vom Bundesgericht verbieten lassen – ohne Erfolg. Sämtliche Beschwerden werden abgewiesen: «Die Schwere der Straftat rechtfertigte die Überwachung», begründen die Bundesrichter ihren Entscheid. Und: «Andere Mittel standen den Untersuchungsbehörden zur weiteren Klärung des Verdachts der Erpressung nicht zur Verfügung.»

Dopinghändler-Ring zerschlagen

Vor drei Jahren führten über 140 Polizisten zeitgleich Hausdurchsuchungen in den Kantonen Aargau, Bern und Solothurn durch. Bei der Grossaktion gegen einen Dopinghändlerring wurden grosse Mengen an verbotenen Dopingsubstanzen wie Wachstumshormone und Anabolika gefunden. Auslöser für die aufwendigen Ermittlungen in insgesamt fünf Kantonen war der Brand in einem Fitnesscenter in Villmergen im April 2012, dessen Betreiber mit illegalen Mitteln gehandelt hatte. In der Folge eröffnete die Aargauer Staatsanwaltschaft Strafverfahren gegen insgesamt zehn Beschuldigte.