In den Opferstatistiken sind Frauen seit Jahren übervertreten. Der Mann in der Opferrolle war lange ein Tabu – und auch heute fällt es gewaltbetroffenen Männern noch schwer, überhaupt Hilfe zu holen, zuzugeben, dass sie als Angehörige des «starken Geschlechts» Opfer sind. 1978 wurde das erste Frauenhaus in der Schweiz eröffnet. Das Frauenhaus Aargau-Solothurn gibt es seit 1983. Das erste Männerhaus hingegen erst seit 2009. Der Verein «Zwüschehalt» mietete ein Haus in der Nähe von Aarau, das sechs bis zehn Männern und ihren Kindern Platz bietet. Inzwischen sind zwei weitere Häuser in Bern und Luzern dazugekommen. Letztes Jahr suchten 29 Männer und sechs Kinder, davon 15 Männer im Aargau, Hilfe im «Zwüschehalt». Dazu kamen mehrere hundert telefonische und persönliche Beratungen.

Mehr psychische Gewalt

Im Gegensatz zum Frauenhaus Aargau-Solothurn verfügt das Männerhaus über keinen Leistungsvertrag mit dem Kanton. Es fliessen also keine Pauschalen nach Betreuungsgesetz, sobald ein Mann Schutz sucht. Die Männer haben nur Anspruch auf die Beiträge gemäss Opferhilfegesetz. Und selbst da gestalte es sich häufig schwierig, sagt «Zwüschehalt»-Präsident Oliver Hunziker. Viele Männer, die im Männerhaus Hilfe suchen, seien Opfer psychischer Gewalt. «Diese ist viel schwieriger nachzuweisen und entsprechend selten werden Beiträge nach Opferhilfegesetz gesprochen», sagt Hunziker. Der «Zwüschehalt» finanziere sich deshalb praktisch ausschliesslich durch Spenden. Das sei nicht immer einfach. «Wir leben, seit es uns gibt, von der Hand in den Mund», sagt Hunziker. «Diese ständige finanzielle Ungewissheit ist anstrengend.»

Kanton sieht keinen Bedarf

Zwar habe der Verein mehrmals das Gespräch mit dem Kanton gesucht. Die Antwort blieb aber immer die gleiche: «Man sehe keinen Bedarf.» Den Trägerverein bringt diese Antwort in eine schwierige Situation. «Um nachzuweisen, dass es Männerhäuser braucht, müssten wir unser Angebot ausbauen und professionalisieren», sagt Hunziker. Will heissen: Gewalt gegen Männer müsste weiter enttabuisiert, die Betriebszeiten ausgebaut und das Angebot bekannter gemacht werden. «Aber das können wir uns nicht leisten», sagt Hunziker. Nicht einmal der Rund-um-die-Uhr-Betrieb könne garantiert werden. Lücken werden mit Pikett-Dienst abgedeckt. «Für eine Unterstützung verlangt der Kanton von uns also Dinge, die wir ohne Unterstützung gar nicht erbringen können», fasst Hunziker die heutige Situation zusammen.