Machtwechsel
Machtwechsel in Aargauer Städten: Die Linken sind wählbarer geworden

Dort, wo der bürgerliche Aargau am urbansten ist, sind auch linke Kandidaten mehrheitsfähig. Politikwissenschafter Philippe Koch der ZDA - Zentrum für Demokratie Aarau - erwartet eine Fortsetzung dieses Trends.

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Im Frühling verloren die Bürgerlichen in der Badener Stadtregierung ihre bisherige Mehrheit, das Stadtpräsidium ging mit Geri Müller erstmals an einen Grünen.

Kurz vorher hatte mit Daniel Mosimann ein SP-Mann das Stadtammannamt in Lenzburg erobert.

Jetzt eroberte die SP auch in der Kantonshauptstadt Aarau das Stadtpräsidium. In Lenzburg und in Aarau bleibt aber die Mehrheit in der Regierung bürgerlich. Allen drei Städten standen vorher - zum Teil, seit es die FDP gibt - FDP-Leute vor.

Links-Grüne haben ihre Macht verzehnfacht

Im Januar machte der Politgeograf Michael Hermann mit einer Studie im «SonntagsBlick» zur politischen Ausrichtung der Städte Furore. Laut ihm hat Links-Grün heute eine gut zehnmal höhere Verfügungsmacht über Finanzen in Städten und Gemeinden als vor 20 Jahren. Dies bei nicht höherem Wähleranteil. Doch konzentrieren sich heute links-grüne Wähler in Städten. Das sichere lokale Mehrheiten. Im Januar stellte sich die Frage, ob sich dieser Trend bald auch in mittelgrossen Städten zeigt. (mku)

Was für Gründe sind für diesen Wechsel ausschlaggebend? Und hält der Trend an? Für den Politikwissenschafter und Gemeindepolitikforscher am Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA), Philippe Koch, ist wesentlich, welche Angebote die Parteien machen und welche Wählersegmente sie ansprechen wollen. Auf der andern Seite ist zu klären, wie sich die Wählerschaft zusammensetzt.

SP bewegte sich hin zur Mitte

Nun argumentiert der Politgeograf Michael Hermann (siehe Box) vorab damit, dass im Zuge der Reurbanisierung viele junge, mittelständische Familien mit eher linker politischer Ausrichtung wieder in die Stadt ziehen. Damit verändert sich die Wählerschaft. Koch teilt diese Einschätzung.

Zudem habe sich in vielen Städten die SP Richtung Mitte bewegt. Dies zwar nicht in der Steuerpolitik, in der Standortpolitik aber sehr wohl, etwa in der Standortförderung.

In solchen Fragen sieht Koch zwischen SP, FDP oder Grünliberale keine riesigen Unterschiede mehr: «Alle genannten Parteien befürworten Leuchtturm- und Aufwertungsprojekte im Dienste der Standortattraktivität.»

So sei die SP auch für die wachsende Zahl parteiungebundener Leute, die einen progressiven Lebensstil pflegen wollen, leichter wählbar.

Koch: «Das betrifft gerade Familien, in denen die Eltern berufstätig sind und die merken, dass vorab linke Parteien bereit sind, ein für sie wichtiges breites Angebot inklusive Kinderbetreuung bereitzustellen.» Diese Leute ziehen dann auch nicht mehr aus der Stadt weg, sondern bleiben hier, wenn Kinder kommen.

Damit hat sich laut Koch also nicht nur beim Parteienangebot, sondern mit einer starken Veränderung der städtischen Bevölkerung in den letzten zehn Jahren auch bei der Nachfrage etwas geändert.

Koch: «Heute ist die SP für eine teilweise veränderte städtische Wählerschaft sehr attraktiv und glaubwürdig.»

Es könne sein, dass eher linke Familien in eine Stadt ziehen, weil diese links ist. Viel öfter habe so ein Umzug aber einen anderen Hintergrund: beispielsweise ein Studium, der erste Job nach der Lehre usw.

Graben zwischen Stadt und Land

Viele junge Familien, die vor 30 Jahren noch problemlos aufs Land gezogen wären, zögerten heute angesichts der starken politischen Polarisierung der letzten Jahre, in eine «stramm bürgerliche» (Vororts-)Gemeinde zu ziehen, beobachtet Koch.

Ähnlich wie die az im gestrigen Kommentar sieht er für das Wählersegment, das in Städten im Grossraum Zürich linke Mehrheiten schafft, einen Graben zwischen Stadt-, Agglomerations- und Landgemeinden wachsen.

Werden sich also auch die Mehrheiten in weiteren Aargauer Städten ändern? Koch: «Der Trend wird in Städten über längere Zeit in diese Richtung gehen.» Natürlich seien Stadtpräsidentenwahlen vorab Persönlichkeitswahlen. Doch heute könne sich eine Mehrheit in einer Stadt vorstellen, Linke zu wählen oder auch von links lancierten Vorstössen zuzustimmen, so Koch.

Wie halten sie es mit der SVP?

Wie sollen die Bürgerlichen reagieren? In mittelgrossen Städten falle es den Bürgerlichen heute schwerer als rot-grün, gleich mehrere gute Kandidaten zu finden, weil sich etwa viele Unternehmer politisch nicht mehr so engagieren wie einst, analysiert Koch.

Von der Forschung her weiss man, so Koch, dass städtische Wähler gesellschaftspolitisch liberaler und offener sind.

Viele hätten gerade deshalb eine sehr grosse Distanz zur SVP: «Die SVP ist der Antipol zu dem Elektorat, das in den Städten auch linke Parteien wählt.» Der FDP verunmögliche heute ihre Nähe zur SVP, dass selbst gesellschaftspolitisch aufgeschlossene FDP-Kandidaten siegen.

Die strategische Hauptfrage für FDP, CVP und GLP in Städten sieht Koch in der Frage: «Wie haltet ihr es mit der SVP und wie steht ihr zu familienfreundlichen Angeboten wie Kinderbetreuung etc.?»

Solche Angebote dürften sich natürlich von denen von SP und Grünen unterscheiden, so Koch, «aber sie müssen sein».

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