Liste 13
Luzi Stamm irritiert: Er macht Wahlwerbung mit Verstorbenen – und nicht nur das

Noch-SVP-Nationalrat Luzi Stamm irritiert mit einer vierseitigen Wahlwerbung in der «Badener Woche».

Jörg Meier
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Der Aargauer SVP-Nationalrat Luzi Stamm.

Der Aargauer SVP-Nationalrat Luzi Stamm.

Keystone/PETER KLAUNZER

Der Mann will unbedingt wieder nach Bern. Gleich vier Seiten der neuen Ausgabe der «Badener Woche» hat Noch-SVP-Nationalrat Luzi Stamm gekauft und mit persönlicher Wahlwerbung gefüllt. Das Gratisblatt, das alle zwei Wochen in verschiedenen regionalen Ausgaben mit einer Auflage von rund 75'000 Exemplaren im östlichen Kantonsteil erscheint, wird so praktisch zur Luzi-Stamm-Sonderausgabe. Stamm braucht die vier Seiten, um den Menschen im Ostaargau zu erklären, warum es Luzi Stamm wieder in Bern braucht und man deshalb unbedingt seine Liste 13 mit dem durchaus passenden Namen «LS – Luzi Stamm» einwerfen sollte.

Er wäre gerne früher aktiv geworden, sagte Stamm. Aber ihm habe die Zeit gefehlt, man dürfe nicht vergessen, dass er praktisch «mutterseelenallein» unterwegs sei, um für seine Anliegen zu kämpfen.

Leicht bizarr ist, was Luzi Stamm der Leserschaft in der Region Baden auf der Titelseite präsentiert. Zitiert wird da etwa der Crêpes-Verkäufer R. C., der vor dem Bundeshaus seinen Stand hat und gesagt haben soll: «Nationalrat Stamm wurde nach seinem Lockvogel-Kauf von einem Gramm Kokain massiv kritisiert. Aber ich halte fest: (...) Seit diesem Vorfall finden sich zwischen Bundeshaus und Bahnhof keine Drogen-Dealer mehr. Danke, Luzi Stamm!»

Der Verkäufer kommt zum abenteuerlichen Schluss: «Niemand kann so blöd sein, nicht zu sehen, dass mit Lockvogelaktionen die offene Drogen-Szene abgestellt werden könnte.»

Diese doch recht überraschende Einsicht des Crêpes-Verkäufers vom Bundesplatz hat Mark Baur für das Badener Publikum formuliert und wohl auch recherchiert. Mark Baur? Richtig, Mark Baur kandidiert auch auf der Liste 13 von Luzi Stamm. Allerdings verfolgt er das politische Geschehen nicht aus nächster Nähe. Er wohnt in Nairobi.

Stamm benützt Beat Richner und Margrit Fuchs

Wer oder was spricht sonst noch für Luzi Stamms Wiederwahl in den Nationalrat? Stamm agiert da recht unbelastet von jeglicher Pietät und behauptet, wenn Beat Richner und Margrit Fuchs noch leben täten, dann würden sie ihn wählen.

Getty Images/iStockphoto

Nun ist es aber so, dass Kinderarzt Beat Richner, der das Kinderspital Kantha Bopha in Phnom Penh aufbaute, vor gut einem Jahr verstorben ist. Bereits 2007 verstarb Margrit Fuchs, die Gründerin eines Hilfswerkes in Ruanda. Sowohl Richner als auch Fuchs hätten ein «sehr nahes Verhältnis» zu Stamm gehabt, schreibt Stamm. Der Beweis: Immer um die Weihnachtszeit hätten die drei miteinander telefoniert. Immerhin muss man Stamm zugutehalten, dass er möglicherweise der erste Politiker ist, der mit verstorbenen Persönlichkeiten Wahlwerbung macht.

Verleger bot einen «Vorzugspreis»

Zwei weitere Seiten braucht Stamm, um für seine am 8. Oktober lancierte Volksinitiative «Hilfe vor Ort im Asylbereich» zu werben.

Stamm möchte erreichen, dass Gelder für das Asylwesen künftig grundsätzlich im Ausland eingesetzt werden. In der Schweiz sollen Asylsuchende ausschliesslich nur noch mit Sachleistungen unterstützt werden, bis sie selber für sich aufkommen können. Damit diese Initiative erfolgreich sein kann, braucht es die Liste 13 und Luzi Stamm als Nationalrat in Bern, argumentiert Stamm.

In leicht anderer Form ist Stamms Wahlwerbung bereits Anfang Woche in verschiedenen anderen regionalen Ausgaben der «Aargauer Woche» erschienen. Der Verleger habe ihm einen Vorzugspreis für zehn Bezirke angeboten, sagte Stamm.

Luzi Stamm – seine politische Karriere in Bildern:

Luzi Stamms politische Laufbahn begann 1985, als er für die FDP in den Einwohnerrat der Stadt Baden gewählt wurde. 1989 folgte die Wahl in den Grossen Rat, 1990 in den Stadtrat von Baden. Bild vom Jahr 1995.
12 Bilder
Grosser Fall für den damaligen Gerichtspräsidenten Stamm: 1989 sprach er Alfredo Lardelli des dreifachen Mordes schuldig und verurteilte ihn zu 20 Jahren Zuchthaus. Lardelli hatte 1985 in einr Wohnung in Station Siggenthal zwei Prostituierte und den Ehemann seiner Geliebten erschossen.
1991 schaffte Stamm den Sprung nach Bern. Der Übertritt zur SVP erfolgte erst zehn Jahre später. Wegen Differenzen in der Aussenpolitik.
2002: Die beiden Nationalräte Stamm (SVP) und Doris Leuthard (CVP) im Streitgespräch im Bundeshaus in Bern.
2008 wollte Stamm für die SVP einen zweiten Regierungsratssitz erobern – scheiterte jedoch.
Stamm studierte Jurisprudenz und betreibt seit 1989 seine eigene Anwaltskanzlei in Baden-Dättwil.
Stamm ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Im Bild: Mit seiner ältesten Tochter Stefanie im Jahr 2008.
Drogenkauf in Bern und der Besitz von einer Million Franken Falschgeld: Stamm sorgte im Wahljahr 2019 für bizarre Schlagzeilen. Fragen zu seinem Gesundheitszustand wurden laut.
Juristisch haben die Vergehen keine Folgen für Stamm: Das Strafverfahren gegen ihn wurde eingestellt.
Politisch schadete es ihm dennoch: Die SVP Aargau entschied sich, ihn für die Wahlen im Herbst nicht noch einmal aufzustellen – weil sie an seinem Gesundheitszustand zweifelte.
Stamm trat mit eigener Liste an, schaffte es jedoch nicht, genügend Stimmen auf sich zu vereinen.
Nun versucht er ein Comeback als Badener Stadtrat.

Luzi Stamms politische Laufbahn begann 1985, als er für die FDP in den Einwohnerrat der Stadt Baden gewählt wurde. 1989 folgte die Wahl in den Grossen Rat, 1990 in den Stadtrat von Baden. Bild vom Jahr 1995.

Keystone