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Lustig ist die Ironie, doch weiter kommt man ohne sie: Wie eine kleine Glosse für grosse Aufregung sorgte

AZ-Autor Jörg Meier erinnert sich an den Tag zurück, als er mit seiner Glosse «Büsi und Drunder» für Aufregung sorgte. Und dies nur, weil der Kolumnist zu wenig bedacht hatte, dass Ironie in der Zeitung selten verstanden wird. Und wenn sie über das Internet verbreitet wird, rasch nicht mehr zu erkennen ist.

Jörg Meier
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Jörg Meiers Glosse hat gezeigt, dass es meist nicht die wichtigen Themen sind, die für grosses Aufsehen sorgen.

Jörg Meiers Glosse hat gezeigt, dass es meist nicht die wichtigen Themen sind, die für grosses Aufsehen sorgen.

Silvan Wegmann

Das erste Mail kam morgens um 6 Uhr 49. Eine Abo-Kündigung. Die Absenderin, eine passionierte Büsi-Halterin, war empört, fand den Text «blöd und beleidigend». Die Anrufer geduldeten sich bis halb acht Uhr. Dann machten auch sie ihrem Unmut Luft. Primitiv sei der Büsi-Text, dumm und eine Frechheit, sagten die erbosten Anrufer, und auch noch anderes, weniger Druckfähiges.

Einer fühlte sich persönlich beleidigt, und ein anderer verlangte eine öffentliche Entschuldigung an die Adresse aller Büsi. Eine nette Frau fragte, ob das wirklich ernst gemeint sei, jedenfalls wirke es so; wenn ihre Schwiegermutter das lese, hänge sie den Text an den Kühlschrank, die habe nämlich früher in den armen Zeiten ab und zu Katzenfleisch gegessen; womöglich werde sie das jetzt wieder tun, und ich sei schuld daran.

Hintergründig und passend die Illustration von Cartoonist Silvan Wegmann.

Hintergründig und passend die Illustration von Cartoonist Silvan Wegmann.

Silvan Wegmann

RTL II will die Katzenesser im Aargau besuchen

Richtig los ging es aber erst gegen Mittag, als die Kolumne «Büsi und Drunder» von den Internetportalen aufgenommen und im Netz weiterverbreitet wurde. Mit zunehmender Distanz vom Aargau wurde die Geschichte immer abenteuerlicher. Entsprechend fielen die Reaktionen in den überquellenden Kommentarspalten aus.

Im Laufe des Nachmittags meldete sich der Wohler Gemeindeammann. Er habe soeben einen Anruf vom «Kölner Express» erhalten. Der Journalist habe ihn gefragt, ob er auch Katzen esse. Und nur wenig später meldete sich ein Team von RTL II: Man würde gerne in den exotischen Aargau reisen und über eine solche Katzen-Metzgete berichten.

Das Dorf ist die Welt: Lapidare Geschichten aus der Provinz (Teil 3)

Während 35 Jahren hat Jörg Meier als Journalist und Autor über Menschen und Ereignisse im Aargau geschrieben. Er vermutet, dass er in dieser Zeitspanne rund 10000 Texte verfasst hat. Angenommen, man würde alle diese Texte in Buchform herausgeben, dann gäbe das eine «Enzyklopädie des Lokalen», bestehend aus schätzungsweise 40 Bänden zu je 250 Seiten. In einer vierteiligen Serie blättert Jörg Meier in dieser fiktiven «Enzyklopädie des Lokalen» und holt einige Texte aus der Tiefe des Vergessens zurück ans Tageslicht. Und er erzählt die Geschichten hinter den Geschichten. Die Auswahl ist subjektiv, aber alles andere als zufällig.

Der ganze Aufruhr war entstanden, weil der Kolumnist zu wenig bedacht hatte, dass Ironie in der Zeitung selten verstanden wird. Und wenn sie über das Internet verbreitet wird, ist sie rasch nicht mehr zu erkennen. Was in der Aargauer Zeitung – auch dank der kongenialen Illustration von Silvan Wegmann – für die meisten Leserinnen und Leser klar als Glosse zu erkennen war, wurde mit jedem Medium, das die Geschichte auch noch publizierte, zunehmend zur absurden Tatsache umfunktioniert: Die Aargauer essen gerne und regelmässig Katzen.

Was blieb: Dem Kolumnisten viel Arbeit, da er tagelang tapfer Hunderte Mails abarbeitete, eine angedrohte Klage von Tierschützern und ein beliebtes Fasnachtssujet. Die Erkenntnis, dass meist nicht die wichtigen Themen für grosses Aufsehen sorgen. Schliesslich die Verwünschung einer Katzenfreundin: «Hoffentlich ersticken Sie beim Katzenfressen!»