Prozess

Lupfiger Hauswart bot Hilfe an – sie traten in sein Gesicht

Der Täter stritt vor Gericht ab, das Opfer getreten zu haben. Das Gericht glaubte ihm nicht. (Themenbild/Archivbild)

Der Täter stritt vor Gericht ab, das Opfer getreten zu haben. Das Gericht glaubte ihm nicht. (Themenbild/Archivbild)

Ein Hauswart wird auf einem morgendlichen Rundgang von zwei alkoholisierten Männern verprügelt. Auf sein Angebot den beiden zu helfen, erhält er Schläge und Tritte in sein Gesicht. Der eine Beschuldigte gibt die Schuld an der brutalen Tat vor Gericht seinem Kollegen.

Sturm war angesagt, deshalb machte er sich an jenem Freitagmorgen im Oktober 2014 früh auf seine Kontrollrunde. In einem Lupfiger Quartier begegnete der Hauswart zwei jungen Männern, der eine war stark betrunken, fiel immer wieder auf die Knie. Der damals 65-Jährige fragte: «Kann ich helfen?» Dann ging es plötzlich schnell, auf die Schimpfworte folgten die Fusstritte ins Gesicht des Hauswarts. Die Liste seiner Verletzungen zeugt von der Brutalität des Angriffs: Bruch des linken Augenhöhlenbodens, der linken Kieferhöhle, Haarrisse in der rechten Kieferhöhle, Unterblutung der Lider am linken Auge, Schürfungen.

Seit dem Vorfall kann das Opfer nicht mehr arbeiten. «Ich habe alles verloren», sagte er am Dienstag vor dem Brugger Bezirksgericht. Seelisch gehe es ihm nicht gut. «Das Vertrauen ist weg, nachts gehe ich nicht mehr nach draussen.» Auch die körperlichen Folgen machten ihm zu schaffen, Schwindelgefühle plagten ihn bis heute, die Metallplatte im Kiefer spüre er bei jedem Essen.

Blutspritzer auf den Socken

Vor Gericht traf der Hauswart auf einen der Täter. Der Beschuldigte – gross, kräftig, Brille, Dreitagebart – musste sich unter anderem wegen versuchter schwerer Körperverletzung verantworten. Die Verantwortung für die Tat schob der inzwischen 21-jährige Mann mit türkischen Wurzeln jedoch auf seinen Kollegen, der bereits in einem abgekürzten Verfahren verurteilt worden war.

Wortreich und gestikulierend, mit einem gelben Kugelschreiber, den er mal in der linken, mal in der rechten Hand hielt, versuchte er, das Gericht von seiner Unschuld zu überzeugen. Der Beschuldigte sagte aus, stark alkoholisiert gewesen zu sein, stritt aber ab, den Hauswart getreten zu haben, vielmehr habe er versucht, seinen Kollegen zurückzuhalten, um das Opfer zu schützen. Die Blutspritzer auf seinen Socken, Hosen und Schuhen konnte er allerdings auch auf Nachfrage von Gerichtspräsidentin Franziska Roth nicht zu deren Zufriedenheit erklären.

Sein Verteidiger sprach im Plädoyer von einem «aktiven Schlichten». Er forderte einen Freispruch in allen Punkten – also auch in Bezug auf den Vorwurf der mehrfachen Gewalt und Drohung gegen Beamte, weil er sich gegen die Verhaftung gewehrt hatte.

Der Staatsanwalt hingegen zeigte sich von der Schuld des Angeklagten überzeugt und forderte wegen versuchter schwerer Körperverletzung eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 30 Monaten, wovon 10 Monate in Halbgefangenschaft abzusitzen seien. Die Tat sei «ohne Not und ohne ersichtlichen Grund» geschehen. «Er hat seine Emotionen nicht im Griff und kennt nur ein Ventil – die Gewalt.»

Das Gericht sprach den Beschuldigten wegen Angriffs sowie mehrfacher Gewalt und Drohung gegen Beamte schuldig: 24 Monate Freiheitsstrafe – bedingt. Dazu eine Busse von 1000 Franken. «Die Blutspuren sind das Zünglein an der Waage», sagte Franziska Roth in der Urteilsbegründung. Seine Aussage, er habe aktiv schlichten wollen, wertete sie als Schutzbehauptung. Das sei «blanker Hohn» dem Opfer gegenüber, das grundlos zusammengeschlagen worden sei. Die Probezeit wird auf fünf Jahre festgelegt. Roth gab dem jungen Mann eine Warnung mit auf den Weg: «Ich lade Sie ein, Eigenverantwortung zu übernehmen.» Wie es hinter Gittern sei, wisse er ja bereits aus den 69 Tagen in Untersuchungshaft.

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