Die aufgereihten Stühle im Aarauer Rathaussaal reichen bei weitem nicht: Wer jetzt noch kommt, kurz bevor um 18.30 Uhr der Vortrag zum Thema «Flucht und Trauma» beginnt, muss sich selber einen vom Stapel nehmen.

Rund 70 Freiwillige, die sich für Asylsuchende und Flüchtlinge engagieren, sind gekommen. Rolf Geiser, Projektleiter beim Netzwerk Asyl Aargau, sagt: «Ich weiss im Moment gar nicht, wie viele Freiwillige im Aargau aktiv sind. Wir kommen nicht mehr nach mit zählen.»

Im Saal wird geschmunzelt, anerkennend dem Sitznachbar zugenickt. Dann tritt die Frau neben die Leinwand, wegen der so viele gekommen sind: Dr. med. Birgit Kräuchi, Chefärztin Zentrum Psychiatrie und Psychotherapie ambulant, Psychiatrische Dienste Aargau AG.

«Es hat mich sehr geehrt und gefreut, zu euch eingeladen zu werden», sagt Kräuchi, Jackett, blonder Kurzhaarschnitt, markante Brille. Sie spricht anderthalb Stunden. Viele machen Notizen – und löchern die Expertin danach mit Fragen.

54 Prozent sind traumatisiert

Wir erkennt man ein Trauma? Wie spricht man jemanden an, wenn man das Gefühl hat, etwas stimme nicht? Soll man möglichst viel nachfragen – oder gerade nicht?

Die Fachfrau empfängt die az ein paar Tage später in ihrem Büro in Königsfelden.

Die Zahlen, die auf dem Besprechungstisch liegen, lassen aufhorchen: Eine Untersuchung im Kanton Zürich hat 2014 gezeigt, dass 54 Prozent aller ankommenden Asylsuchenden traumatisiert sind.

Sie litten an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Bei 63 Prozent wurde eine Angststörung festgestellt, und gar bei 85 Prozent eine Depression.

Birgit Kräuchi sagt: «Man muss davon ausgehen, dass die Zahlen im Aargau ähnlich herausgekommen wären.»

Wer auf der Flucht gewesen sei, habe Gewalt erlebt: Ein Flüchtling sieht Leichen, Folter, schwere Unfälle – erlebt Naturgewalten, Krieg, Vergewaltigung.

«Das sind unvorstellbare Erfahrungen, die sich in den allermeisten Fällen in psychiatrischen Symptomen äussern.»

So zieht sich ein Asylsuchender womöglich zurück, misstraut seinen Zimmerkameraden, wacht in der Nacht schweissgebadet aus Albträumen auf. Aus Sicht der Fachärztin sind das «logische Reaktionen auf ungewöhnliche Lebenserfahrungen». Doch dem Flüchtling muss sie das erklären: «Er weiss nicht, was mit ihm los ist, dass solche Symptome normal sind.»

Nicht jeder reagiert gleich auf ein Trauma. Kräuchi schätzt, dass rund 10 Prozent schwer erkranken. Die grosse Herausforderung sei es, diese Gruppe herauszufiltern. «Im Moment klären wir nur die absoluten Notfälle ab.»

Für eine flächendeckende psychiatrische Versorgung im Asylwesen haben die PDAG keine Kapazitäten – sie wäre auch nicht sinnvoll. Wichtig wäre laut Kräuchi womöglich eine sorgfältige zentralisierte Triage. Man habe darüber kürzlich Gespräche mit dem Kantonalen Sozialdienst geführt.

Gespräche sind zentral

Wie kann traumatisierten Flüchtlingen geholfen werden? Das Wichtigste: reden. Laut Birgit Kräuchi sind dabei drei Faktoren essenziell: Geduld, Beziehung, Klarheit.

Ein Mensch, der derart verunsichert sei, brauche zuerst ein Umfeld, das ihm Sicherheit biete. Gerade bei Asylsuchenden, die auf ihren Entscheid warteten, sei eine Behandlung deshalb nicht einfach.

Hauptproblem sei aber meistens die Sprache. Ist kein Dolmetscher verfügbar – etwa dort, wo Freiwillige arbeiten –, rät Kräuchi zu Geduld: «Warten, bis jemand erzählt. Mit Fragen zu löchern und zu insistieren, bringt nichts.» Man solle auf sein Bauchgefühl hören.

«Ein Mensch spürt, wenn jemand ein Herz hat. Oft reicht es, zu signalisieren, dass man sitzenbleibt und zuhört, wenn gewünscht.

Wichtig sei, sich dabei selber nicht zu viel aufzuladen: «Wir können das Leid nicht abnehmen. Aber wir können zeigen, wie man es verarbeiten kann.»

Und damit einen Beitrag leisten, der viel bewirken kann. Denn: Werden Traumata nicht behandelt, werden Verhaltensweisen wie Rückzug oder Misstrauen für die Betroffenen normal – und später an die Kinder weitergegeben, ohne es zu wollen.

Zurück im Rathaussaal. Als der Vortrag zu Ende geht, werden die Fenster geöffnet, frische Regenluft strömt hinein. Ein Freiwilliger sagt vor sich hin: «Luege, lose, Ziit näh.» Es hätte der Titel des Abends sein können.