Unterbestand
Lokführer meldet sich krank, da fallen im Aargau Züge aus

Der eingeteilte Lokführer war krank, ein Ersatz nicht verfügbar: Deshalb fielen bei der Wynental- und Suhrentalbahn zwei Züge aus. Während ein Ex-Mitarbeiter heftige Kritik übt, kündigt das Transportunternehmen an, mehr Lokführer auszubilden.

Fabian Hägler
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Gestern fuhr die WSB planmässig von Aarau nach Schöftland – am letzten Freitag fielen hingegen zwei Züge vollständig aus.

Gestern fuhr die WSB planmässig von Aarau nach Schöftland – am letzten Freitag fielen hingegen zwei Züge vollständig aus.

Sandra Ardizzone

Dass Züge ausfallen, weil kein Lokführer verfügbar ist, war in Deutschland in den letzten Monaten fast Alltag. Mehrfach streikten die Lokführer, die Bahn musste Notfahrpläne einrichten, viele Reisende strandeten, der Unmut war gross.

Die Schweizer blickten erstaunt nach Deutschland, denn hierzulande gibt es keine Bahnstreiks. Wenn ein Zug ausfällt, hat das andere Gründe: Bergstürze, Hochwasser, Stellwerkstörungen oder ein technisches Problem an der Lokomotive.

Um so mehr erstaunt es, dass bei der Wynental- und Suhrentalbahn (WSB) am Freitagabend fünf Züge ausfielen – «infolge fehlendem Fahrpersonal (Krankheit)» – wie es auf der Website des Unternehmens hiess. Betroffen waren vier Verbindungen zwischen Aarau und Schöftland sowie eine zwischen Aarau und Menziken.

Erwin Rosenast, Mediensprecher von AAR bus+bahn, zu der die WSB gehört, bestätigt auf Anfrage der Aargauer Zeitung: «Es ist richtig, letzten Freitag mussten wir von insgesamt 273 Personenzügen auf unserem Bahnnetz zwei Züge ausfallen lassen, drei wurden mit Bahnersatzbussen gefahren.»

Lokführermangel seit Monaten

Für az-Leser Klaus Luginbühl ist dies keine Überraschung: «Schon seit Monaten weiss die Wynental- und Suhrentalbahn, dass zu wenige Lokführer angestellt sind.» Bisher habe die Geschäftsleitung dies immer schöngeredet, nun hätten sich mit den Zugausfällen erstmals konkrete Auswirkungen gezeigt. Luginbühl kennt einen ehemaligen WSB-Lokführer.

Dieser sagt, seine Kollegen dort müssten «überdurchschnittlich viele Tage aneinander mit nur einem Ruhetag dazwischen arbeiten». Das Arbeitszeitgesetz werde «aufs Maximum ausgenutzt, wenn nicht gar überschritten».

Und er erhebt Vorwürfe gegen die WSB-Vorgesetzten: «Obwohl die Leute in der Chefetage die Lokführerausbildung haben, werden sie nicht zum Fahrdienst eingeteilt – man lässt lieber Züge ausfallen.»

AAR-Mediensprecher Rosenast räumt ein, dass es «zurzeit Engpässe beim Lokführer-Personalbestand» gebe. Dieser Umstand wird noch verschärft, «da wir immer wieder langandauernde Krankheitsfälle registrieren und dadurch einen Unterbestand an Lokführern aufweisen».

Dies sei auch der Grund für die Zugausfälle am Freitag gewesen – offenbar stand schlicht kein Lokführer zur Verfügung, um den kranken Kollegen zu ersetzen.

Mehr Arbeit, weniger Lohn?

Dieser hatte sich laut einem ehemaligen WSB-Lokführer schon am Donnerstag krank gemeldet. Der Mann, der nun bei den SBB im Führerstand sitzt, sagt weiter: «Der Personalmangel bei der WSB ist akut, nach meiner Schätzung fehlen sechs bis acht Lokführer.»

Er sieht zwei Hauptgründe dafür: Erstens seien bei der WSB die Arbeitszeiten länger, die Ruhezeiten hingegen kürzer als bei den SBB. Zweitens seien die Monatslöhne bei der Bremgarten-Dietikon-Bahn und bei den SBB im Schnitt rund 1000 Franken höher als bei der WSB.

Auf diese Vorwürfe angesprochen, sagt Erwin Rosenast, sein Unternehmen halte sich ans Arbeitszeitgesetz und die entsprechende Verordnung. «Wir tun dies aufgrund den Vorgaben, aus Sicherheitsgründen und aufgrund der loyalen Firmenphilosophie gegenüber dem Personal».

Zudem werde die Einhaltung der Gesetze und Verordnungen regelmässig vom Bundesamt für Verkehr geprüft. Mit Blick auf Lohnunterschiede erklärt Rosenast, man habe die Anstellungsbedingungen überprüft und festgestellt, «dass sie dem Benchmark entsprechen und wir mit unserem Firmenarbeitsvertrag konkurrenzfähig sind».

Rosenast sagt weiter, mit dem herrschenden Unterbestand an Lokführern und den Arbeitszeitvorschriften sei es «sehr schwierig, bei kurzfristigen Personalausfällen unmittelbar einen Ersatz aufbieten zu können». In solchen Fällen sei das Unternehmen auf die freiwillige Einsatzbereitschaft des Personals angewiesen. Und er betont, in Notfällen würden auch Fahrdienstleiter und Ausbildungschef als Lokführer aushelfen.

WSB mietet zwei Lokführer

Um den Lokführer-Bestand kurzfristig zu erhöhen, wird laut Rosenast «nach Möglichkeit Fahrpersonal von anderen Bahnen angemietet». Die Möglichkeiten sind aufgrund des generellen Lokführermangels auf dem Markt aber begrenzt. Momentan sind zwei Lokführer der Bremgarten-Dietikon-Bahn berechtigt, Züge auf dem WSB-Netz zu fahren.

Oliver Marfurt, Vizeleiter Lokpersonal und Ausbildungsverantwortlicher der Bremgarten-Dietikon-Bahn, sagt: «Diese Lokführer leisten im Rahmen einer engeren Zusammenarbeit der beiden Bahnen regelmässig unterstützende Einsätze, sofern wir sie nicht selber benötigen.»

Marfurt sieht dies allerdings nicht als Patentrezept, um dem Personalmangel zu begegnen. Ein Austausch von Lokführern sei möglich, doch in der Praxis gebe es Hürden. «Lokführer, die ausgeliehen werden, müssen zum Beispiel auf neue Vorschriften, Fahrzeuge und Strecken umgeschult und geprüft werden.»

Firmen setzen auf Ausbildung

Bleibt also nur die Ausbildung neuer Lokführer – bei der Bremgarten-Dietikon-Bahn sind es zwei bis vier pro Jahr – um die Lücken zu schliessen. Dies ist laut Marfurt aber nicht kurzfristig möglich: «Vor der viermonatigen Ausbildung sind etliche Abklärungen nötig, welche durchaus einige Monate beanspruchen können.»

Die Selektion von neuen Lokführern sei zudem sehr anspruchsvoll. «Die strengen Auswahlkriterien, die unregelmässigen Arbeitszeiten mit Einsätzen an Sonn- und Feiertagen bedeuten für viele eine relativ hohe Hürde.»

Auch bei der WSB setzt man auf die Rekrutierung neuer Lokführer. Derzeit werden Anwärter für die Ausbildung gesucht, die am 1. September beginnt. Laut dem entsprechenden Inserat sind heute 45 Lokführer bei der Bahn angestellt.

Sprecher Erwin Rosenast erklärt: «Um den ursprünglichen Sollbestand bei unseren Lokführern wieder zu erreichen, haben wir die Ausbildungskadenz erhöht und die Klassen vergrössert.» Wie hoch der angestrebte Bestand ist, will Rosenast nicht beziffern. Er sagt lediglich: «Wir brauchen eine angemessene Reserve, um künftig Zugausfälle wegen Personalmangels zu vermeiden.»

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