Ein zehn Tonnen schwerer Kranausleger kracht frontal gegen eine entgegenkommende S-Bahn. Wie durch ein Wunder wird bei dem Unglück keiner der 40 Fahrgäste im Zug verletzt. Zu verdanken ist das der Geistesgegenwart von Lokomotivführerin Franziska Aellen (43). Innert Sekunden erkennt sie die lebensgefährliche Situation – und tut genau das Richtige.

Samstag, 26. Mai 2018, kurz nach 9 Uhr, Schinznach-Bad: Beim Demontieren eines Baukrans direkt neben der Bahnstrecke passiert es. Der zehn Tonnen schwere und 57 Meter lange Ausleger eines Baukrans kippt plötzlich um. Zur gleichen Zeit fährt Lokführerin Aellen mit der S-Bahn von Turgi Richtung Aarau.

«In dem Moment habe ich gedacht, jetzt sterbe ich.»

Wie immer ist sie bei Schinznach-Bad mit 110 km/h unterwegs. Aus einem Bauchgefühl heraus bremst sie den Zug schon etwas ab, als sie plötzlich den Kran auf sich zukommen sieht. «Es war der Horror!» Instinktiv leitet sie die Schnellbremsung ein, danach geht alles ganz schnell: Franziska Aellen springt vom Fahrerstuhl, weiter schafft sie es nicht.

Im nächsten Moment gibt es einen grossen Knall und die Frontscheibe ihrer S-Bahn zersplittert. Der Kranausleger ist mit grosser Wucht in den Zug gekracht. Franziska Aellen drückt sich an die Türe, die sie nicht öffnen will, um die Passagiere vor den Glassplittern zu schützen. «In dem Moment habe ich gedacht, jetzt sterbe ich.» Zum Glück kommt alles anders.

Sie hat «nur» ihren Job gemacht

Im Nachhinein wird schnell klar, dass Franziska Aellen mit ihrer schnellen Reaktion eine Zugkatastrophe verhindert und damit Menschenleben gerettet hat. Kein einziger ihrer 40 Fahrgäste wird bei dem Unfall auch nur verletzt. Obwohl sie ihr Leben für ihre Fahrgäste geben würde, sieht sich Aellen keinesfalls als Heldin. Bescheiden sagt sie: «Ich habe nur meine Arbeit gemacht.» Schon ihr Vater war Lokführer und wohl nicht ganz unschuldig daran, dass sie eine Lehre als Bahnbetriebsdisponentin machte und sich später dann zur Lokführerin ausbilden liess.

Verstorbene Mutter als Schutzengel

Als die Rettungskräfte nach dem Unfall eintreffen und alle Fahrgäste den Zug verlassen dürfen, sitzt Franziska Aellen neben ihrer Lok auf dem Rasen. Sie sei von den SBB super betreut worden und habe sich anschliessend in ihren geplanten Ferien vom Unglück erholt, erzählt sie.

Franziska Aellen ist überzeugt, dass ihre vor einem Jahr verstorbene Mutter als Schutzengel sie und ihre Fahrgäste beschützt hat. Aellen bleibt auf jeden Fall Lokführerin – weil es schlicht ihr Traumjob ist.

Die gebürtige Berner Oberländerin lebt seit acht Jahren in Oftringen. Franziska Aellen hat sich richtig ins Städtchen verliebt und findet den Aargau inzwischen fast so schön wie das Berner Oberland. «Einzig die hohen Berge fehlen mir.» Obwohl sie eigentlich nicht gerne im Rampenlicht steht, freut sie sich über die Nomination zur «Aargauerin des Jahres». (az)

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