Interview

Limmattalbahn: Verkehrsdirektor Attiger treibt Fortführung bis nach Baden voran

© Chris Iseli

Die Eröffnung der ersten Etappe der Limmattalbahn bis Schlieren ist ein guter Anlass, über die Zukunft dieser Bahn nachzudenken. Verkehrsdirektor Stephan Attiger plant, eine Fortführung der Bahn bis nach Baden in eine Vernehmlassung zu geben.

2017 war Baustart der Limmattalbahn. Und schon steht die erste Etappe. Was geht Ihnen bei diesem Tempo durch den Kopf?

Stephan Attiger: Ja, die Zeit fliegt tatsächlich: Erst vor zwei Jahren haben wir den Spatenstich für die erste Etappe der Limmattalbahn gefeiert. Jetzt steigt das Eröffnungsfest für den ersten Abschnitt. Ich bin froh und dankbar, dass die Arbeiten bisher zeitgerecht und ohne nennenswerte Zwischenfälle über die Bühne gegangen sind. Und ich bin beeindruckt von der Professionalität aller Projektbeteiligten, die ein extrem komplexes 750-Millionen-Vorhaben stemmen.

Als Nächstes geht es um die Etappe bis Killwangen. Wann geht es los?

Es geht nahtlos weiter: Der Baustart für die zweite Etappe ist gleichzeitig mit der Eröffnung der ersten erfolgt. Für mich als Aargauer Verkehrsdirektor wird es jetzt richtig spannend, weil die Bauarbeiten endlich auch in unserem Kanton beginnen. Wenn alles nach Plan läuft, können wir bereits 2022 einen weiteren Meilenstein feiern: die Eröffnung der zweiten Etappe der Limmattalbahn bis nach Killwangen.

Viele Lacher an der Limmattalbahn-Eröffnung

Viele Lacher an der Limmattalbahn-Eröffnung

Das Komikerduo Lapsus brachte die Eröffnung der 1.Etappe der Limmattalbahn von Zürich-Altstetten nach Schlieren am Freitag gehörig durcheinander. Immer wieder funkten sie in die Reden der eingeladenen Politiker. Selten wurde an einer Bahneröffnung soviel gelacht. Auch die Politiker machten gut mit und liessen sich von der ungewöhnlichen Idee der Komiker überzeugen.

Im zürcherischen Limmattal gab es starke politische Widerstände. Haben Sie im aargauischen Teil diesbezüglich keine Bedenken?

Nein. Die Limmattaler Gemeinden im Aargau stehen wie der Kanton voll hinter dem Projekt und wollen diese Bahn. Die Limmattalbahn bringt nur Vorteile, zum Beispiel einen attraktiven 15-Minuten-Takt und zuverlässige Anschlüsse nach Zürich und Baden oder Brugg.

Aber die Bahn braucht auch Verkehrsraum.

Das Limmattal als prosperierender und attraktiver Wohn- und Wirtschaftsstandort ist eines der am stärksten wachsenden Gebiete der Schweiz. Diese Region ist auch als Entwicklungsschwerpunkt für Wohnen und Arbeiten im Richtplan eingetragen. Wo mehr Menschen leben und arbeiten, gibt es auch mehr Verkehr – auf der Schiene wie auf der Strasse. Mit der Limmattalbahn haben wir eine zukunftsgerichtete Lösung gefunden, um in dieser Region bereits heute die Mobilität und die Erreichbarkeit von morgen sicherzustellen.

Viele wollen trotzdem lieber die Strasse ausbauen.

Es braucht aufeinander abgestimmte Massnahmen für alle Verkehrsträger – den Fuss- und Veloverkehr, den öffentlichen Verkehr und den motorisierten Individualverkehr. Das Strassen- und Schienennetz des Kantons stösst insbesondere auf den Hauptverkehrsachsen in die Agglomerationen und Zentren an seine Kapazitätsgrenzen. Die Lösung sind neben zukunftsfähigen Mobilitätslösungen weiterhin leistungsfähige Verkehrsinfrastrukturen. Damit können wir die Bedürfnisse der Bevölkerung und der Wirtschaft abdecken. Die Limmattalbahn ist ein zentraler Baustein, um bereits heute die künftigen Mobilitätsbedürfnisse in dieser Region zu bewältigen.

Die Limmattalbahn fürt von Altstetten nach Killwangen.

Die Limmattalbahn fürt von Altstetten nach Killwangen.

Aber braucht es zusätzliche Kapazität? Macht Infrastruktur auf Vorrat Sinn?

Ja, ganz klar. Meistens reagieren wir mit dem Ausbau der Verkehrsinfrastrukturen rückwirkend auf die bereits erfolgte Arbeitsplatz- und Bevölkerungsentwicklung. Hier packen wir die grosse Chance, vorausschauend und proaktiv zu handeln: Mit der Planung und dem Bau eines zukunftsgerichteten Verkehrssystems begleiten und unterstützen wir eine nachhaltige räumliche Entwicklung.

Und wie?

Dies geschieht teilweise auf der «grünen Wiese», also bevor das prognostizierte Wachstum stattgefunden hat. Als Kanton schauen wir sogar schon weiter und planen bereits die Verlängerung der Bahn von Killwangen bis nach Baden. Dies bringt auch der Wirtschaft Planungs- und Investitionssicherheit im Limmattal.

Wie weit sind Sie damit?

Die Region hört ja nicht in Killwangen auf. Wir betrachten das Gebiet von Zürich bis Baden/Wettingen und darüber hinaus als einheitlichen Wirtschafts- und Wohnraum. Die Weiterführung bis mindestens Baden ist im Übrigen nicht nur ein Wunsch des Kantons.

Wer wünscht sich das auch?

Im Rahmen der Kreditbewilligung für die ersten beiden Etappen der Limmattalbahn haben die Aargauer Limmattal-Gemeinden eine spätere Verlängerung bis Baden grossmehrheitlich gutgeheissen und eine rasche Weiterplanung verlangt. Voraussetzung für eine Realisierung ist jedoch eine wesentliche Entlastung des Schulhausplatzes Baden vom motorisierten Individualverkehr. Aus diesem Grund haben wir die Planung für die Weiterführung der Limmattalbahn eng auf den Zeitplan des regionalen Gesamtverkehrskonzepts Ostaargau Oase abgestimmt. Deshalb bringen wir beide Vorhaben im Herbst 2019 gleichzeitig in die öffentliche Anhörung.

Von Zürich-Altstetten nach Killwangen – eine Fahrt auf der Strecke der geplanten Limmattalbahn, inklusive Haltestellen

Und so gehts weiter: Von Zürich-Altstetten nach Killwangen – eine Fahrt auf der Strecke der geplanten Limmattalbahn, inklusive Haltestellen (Herbst 2018)

Was lässt sich denn bereits zur Linienführung sagen?

Bisher haben wir die betriebliche und bauliche Machbarkeit einer Tramstrecke vom Bahnhof Killwangen zum Bahnhof Baden über Neuenhof, Tägerhard, Wettingen Zentrum, Hochbrücke und Schulhausplatz nachgewiesen. Beim nächsten Schritt mit Eintrag im Richtplan auf Stufe Zwischenergebnis geht es noch nicht um die exakte Lage einer Linienführung der Bahninfrastruktur auf ihrer ganzen Länge.

Sondern?

Auf jeden Fall werden wir die Linienführung gemeinsam mit den Gemeinden rasch weiterentwickeln und dann im Detail definieren. Das ist wichtig, um ihnen Planungssicherheit zu geben, damit sie ihre Siedlungsentwicklung weiter vorantreiben können.
Die Hochbrücke soll künftig dem öffentlichen Verkehr gehören, für den Individualverkehr soll es eine neue Brücke geben. Das schlägt hohe Wellen.

Das ist ein wichtiger Punkt. Das regionale Gesamtverkehrskonzept Ostaargau Oase schafft die Voraussetzung für die Verlängerung der Limmattalbahn bis nach Baden. Und die Hochbrücke ist der richtige Ort, um die Limmattalbahn darüber zu führen. Als klassische Stadtbahn ist sie in erster Linie ein Transportmittel für die stark wachsenden Pendlerströme. Deshalb muss sie zwingend in die Zentren führen. Mit der Umnutzung der Hochbrücke schaffen wir zudem nicht nur Platz für den öffentlichen Verkehr, sondern auch für den Fuss- und Veloverkehr, was in den Zentren Sinn macht.

Wissen Sie schon, was die Weiterführung kostet?

Die Finanzierung der Investition in die Bahninfrastruktur und des späteren Betriebs der Limmattalbahn kann aus der Spezialfinanzierung öV-Infrastruktur erfolgen. Selbstverständlich werden wir im Rahmen der nächsten Generationen der Agglomerationsprogramme wieder eine Mitfinanzierung durch den Bund beantragen. Die Finanzierung von zusätzlichen S-Bahn-Haltestellen erfolgt über den Bahninfrastrukturfonds, diejenige von zusätzlichen Limmattalbahn-Haltestellen über die Spezialfinanzierung öV-Infrastruktur. Der Kostenteiler zwischen Bund, Kanton und Gemeinden wird zu einem späteren Zeitpunkt bestimmt. Zum jetzigen Zeitpunkt können wir noch keine Angaben zu den Kosten der Weiterführung machen.»

Sehen Sie Bedarf für eine weitere Verlängerung?

Ja. Eine Studie zum Potenzial und zu den Chancen von Trams und Stadtbahnen im Kanton Aargau hat ergeben, dass unter anderem auch eine weitere Entwicklung nach Baden und Obersiggenthal möglich ist. Das betrifft aber den Zeithorizont nach der Realisierung der Oase – also nach 2040.

Zum ersten Mal mit dem Tram über das neue Limmattalbahn-Trassee: die Testfahrt im Video

Zum ersten Mal mit dem Tram über das neue Limmattalbahn-Trassee: die Testfahrt im Video (19. August 2019)

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