Rektor Ueli Meyer
Lieber Zahl der Standorte reduzieren als Berufsschulen dem Kanton unterstellen

Der Aarauer Rektor Ueli Meyer ist dezidiert gegen eine Kantonalisierung der Berufsschulen. «Warum ändern, was gut funktioniert?», fragt er sich. Etliche Schulen würden im nationalen und internationalen Vergleich in der Top-Liga spielen.

Hans Fahrländer
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Herr über 3100 Lernende: Ueli Meyer, Rektor der Berufsschule Aarau (BSA), will frei bleiben.

Herr über 3100 Lernende: Ueli Meyer, Rektor der Berufsschule Aarau (BSA), will frei bleiben.

Annika Bütschi

Herr Meyer, Sie leiten einen Grossbetrieb mit über 3100 Lernenden und 140 Dozierenden – die grösste Berufsschule im Aargau. Und Sie haben soeben einen Erweiterungsbau für 20 Mio. Franken gestemmt. Aus eigenen Erträgen?

Ueli Meyer: Wir haben das Projekt aus Rückstellungen aus den Beiträgen von Bund und Kanton sowie aus dem Erlös von Dienstleistungen finanziert. Dies war möglich trotz gesunkener Wohnortsbeiträge. Dass die Restschuld nicht erhöht werden musste, kommt der Öffentlichkeit jetzt zugute.

Im Jahresbericht schreiben Sie, der Bund habe dem Kanton in den letzten fünf Jahren rund 40 Prozent mehr Geld für die Berufsbildung überwiesen. Die nicht kantonalisierten Schulen hätten im selben Zeitraum rund 10 Prozent Kosten eingespart. Nun sollen alle Schulen der staatlichen Lenkung unterstellt werden.

Das macht mir grosse Sorgen. Die Schulvorstände, bestehend aus Gemeindevertretern und Vertretern der Arbeitswelt, gewähren bis anhin den Schulen grossen unternehmerischen Spielraum, den diese voll ausnützen, zugunsten der Lernenden und der öffentlichen Haushalte. Etliche Schulen spielen unterdessen im nationalen und internationalen Vergleich in der Top-Liga. Warum ändern, was gut funktioniert? Im Übrigen würde mich schon interessieren, wie sich im gleichen Zeitraum die Kosten der kantonalen Schulen und der Bildungsverwaltung entwickelt haben.

Was bewegt denn den Kanton zu dieser Änderung?

Versuch von mehr Einflussnahme? Vereinheitlichungswahn? Ich weiss es nicht. Was mir am meisten zu schaffen macht, sind Neid und Missgunst. Es gibt doch nur ein Ziel: der Berufsbildung zu nützen, und dies durch Attraktivität der Angebote, Qualität und Kosteneffizienz. Der Erfolg gibt unserem Modell recht.

Es geht offenbar um eine Aufgaben-Neuverteilung zwischen Kanton und Gemeinden.

Die Umverteilung ist eine reine Zahlenschieberei. Ob die Gemeinden durch den Wegfall der Beiträge an die Berufsbildung oder an die Spitäler oder an die Löhne der Volksschullehrer oder sonst wo entlastet werden, spielt für sie keine Rolle. Sie haben sich nie über den Wohnortsbeitrag beschwert.

Der Kanton arbeitet an einem Standort- und Raumkonzept für die gesamte Sekundarstufe II. Die Mittelschulen haben Platznot, einzelne Berufsschulen haben zu viel Platz. Da könnte man Ausgleich schaffen und Kosten sparen.

Das wäre in der jetzigen Rechtsform schon möglich. Ich finde es aber problematisch, Berufsbildungs- und Mittelschulpolitik primär aus dem Blickwinkel von Standorten und Räumen zu betreiben. Es gäbe andere Lösungen. Die Bildung von grösseren Kompetenzzentren hätte schon längst Kosten gesenkt und Qualität und Attraktivität angehoben. Es macht keinen Sinn, Berufe mit weniger als 100 Lernenden pro Jahr an mehreren Standorten auszubilden. Regionalpolitische Interessen schaden der Berufsbildung, verhindern optimale Lösungen und generieren hohe Kosten.

Also keine Verschiebe-Übungen zwischen Mittel- und Berufsschulen?

Zu viel Raum hat es vor allem an der Peripherie des Kantons, nicht in den Zentren, wo die grossen Mittelschulen stehen. Dazu kommt: Raum ist zwar auch nicht billig, aber die Hauptausgaben der Schulen sind immer die Löhne. Solange es Abteilungen gibt, die an einem anderen Standort fast ohne Kosten in die bestehenden Klassen integriert werden könnten, ist Sparpotenzial in grossem Stil vorhanden. Im Klartext: Man muss die Zahl der Standorte reduzieren. Sonst bleibt es bei kurzsichtiger Pflästerlipolitik. Gefragt wären Visionen. Ein Jahrzehnt nach dem letzten Standortkonzept – der verunglückten Übung «Stabilo» – führen wir wieder dieselben Diskussionen wie damals!

Was halten Sie von der Idee, die Wirtschaftsmittelschulen WMS und die Informatikmittelschule IMS von den Mittelschulen zu den Berufsschulen zu verlegen?

Grundsätzlich bin ich schon der Meinung, dass die Berufsbildung an die Berufsfachschulen und die gymnasiale Ausbildung ans Gymnasium gehört. WMS/IMS führen ja in den meisten Fällen nach dem Praktikum zur Berufsmatur. Aber wenn das dadurch entstehende Wachstum der Berufsschulen, vor allem der KV-Schulen, dazu missbraucht würde, um an den bestehenden Strukturen nichts zu ändern, müsste ich meine Meinung überdenken. Eine solche Mutlosigkeit dürfen wir uns nicht leisten.

Die Berufsmatur Gesundheit und Soziales, bisher bei Ihnen in Aarau angesiedelt, soll an die Berufsfachschule Gesundheit und Soziales in Brugg verlegt werden. Würde Sie dieser Verlust schmerzen?

Allerdings.

Aber Kompetenzzentren für einzelne Berufe sind doch sinnvoll.

Ich habe die Wichtigkeit von Kompetenzzentren bereits erwähnt. Ebenso braucht es aber Kompetenzzentren für die Berufsmaturität. In anderen Kantonen hat man dies längst erkannt. In Zürich zum Beispiel gibt es eine reine Berufsmaturitätsschule.

Im Aargau kann man überall die Berufsmatur machen?

Fast. Es gibt hier vier Standorte für gewerblich-industrielle und sogar sechs für kaufmännische Maturitätstypen. Maturität mit dem Ziel der Hochschulreife heisst Allgemeinbildung auf höherer Stufe, und sie ist, mit Ausnahme der kaufmännischen, nicht einzelnen Berufen zugeordnet. Die Studierenden sollen typenübergreifend voneinander und vom grossen Angebot profitieren, was an kleinen Standorten kaum möglich ist. Top-Lehrer für den Unterricht findet man nicht mit Kleinpensen. Ausserdem sollen sie im Team arbeiten können. Bei uns ist dies alles vorhanden. Der Neuaufbau einer Berufsmatur-Abteilung aus dem Stand vernichtet unnötig Geld und mindert aus den genannten Gründen die Attraktivität.