Expo 2027
«Lieber über eine Aargauer Expo statt über AKW und Geri Müller debattieren»

Vor 50 Jahren lehnte der Aargau einen Expo-Kredit ab – was braucht es, damit die Aargauer in so eine Debatte einsteigen?

Mathias Küng
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Ein junger Mann mit Aargauer Wappen und Sparsäuli am Kantonstag, der nach dem Volksnein 1964 durch Spenden doch noch möglich wurde.

Ein junger Mann mit Aargauer Wappen und Sparsäuli am Kantonstag, der nach dem Volksnein 1964 durch Spenden doch noch möglich wurde.

Keystone

Vor einigen Monaten hat der Aargauer Gewerbeverbandspräsident Kurt Schmid eine Debatte darüber ausgelöst, ob sich der Aargau für die Expo 2027 bewerben soll.

Expo 64: Im Zeichen der Malaise

1964 fand die Landesausstellung in Lausanne statt. Ihre Vorgeschichte war schwierig – auch weil sie im Zeichen der vom Staatsrechtler Max Imboden diagnostizierten helvetischen Malaise stattfand. Doch sie blieb den 11,7 Millionen Besuchern mit Piccards U-Boot, dem Weg der Schweiz, Monorail, «Heureka»-Plastik etc. in guter Erinnerung. (MKU)

Leserreaktionen zum Thema fielen bisher unterschiedlich aus, mehrheitlich sind sie sehr skeptisch.

Skeptisch ist in Erinnerung an die Expo 64 in Lausanne auch der bekannte Aargauer Historiker und Schriftsteller Pirmin Meier. Vor 50 Jahren stimmte der Aargau als einziger Kanton gegen einen Expokredit.

Die nötigen 600'000 Franken für den Kantonstag kamen dank Gemeinden und privaten Spenden doch noch zusammen. Für Meier entsprach jenes Abstimmungsresultat «dem typisch aargauischen gesunden Menschenverstand». Er habe es damals genau richtig gefunden, «dass man die Expo nicht einfach als ein Naturereignis über sich ergehen liess».

Erst diese Ablehnung, «die zur damaligen Diskussion über die ‹helvetische Malaise› passte, trug zu jener intensiven inhaltlichen Diskussion bei, die einfach zu einer Expo gehört».

Die Expo sei dann besser geworden, als Skeptiker erwartet hatten. Meier sieht das damalige Nein positiv: «Der Aargau will mit einem Nein bessere Lösungen erreichen. Das hat er beispielsweise mit dem Nein zur ersten Vorlage für seine neue Verfassung erreicht. Die zweite Vorlage für die seit 1982 gültige Verfassung war eindeutig besser.»

«Das wäre völlig unaargauisch»

Und wie beurteilt Meier die heutige Debatte? «Es wäre völlig unaargauisch, wenn die Menschen in naiver Euphorie auf diese von einem Verband lancierte Debatte reagieren würden», sagt er. Man sei skeptisch und denke an die finanziellen Folgen. Wenn sich aber trotz Einwänden eine spannende Debatte ergebe und man sehe, dass so etwas mit vertretbarem Aufwand und mit möglichst wenig Defizit zu stemmen ist, komme das Interesse. Die dezentralisierte Aargauer Festkultur wäre vielleicht eine Chance für gute Ideen. Meier: «Ich jedenfalls führe viel lieber eine Expo-, als eine AKW- und Geri-Müller-Debatte.»

Auch Roy Oppenheim, früher Leiter Kultur beim Schweizer Fernsehen, später Direktor der 4. Fernsehkette, erinnert sich gut an 1964. Er war damals Student: «Wir haben uns wegen des Aargauer Nein ein wenig geschämt.»

Während der Expo leistete er als junger Leutnant Dienst im Westschweizer Jura und wurde als Aargauer ständig gehänselt. Er selbst war jedes Wochenende an der Expo und fand sie beeindruckend, spürte die Debatte über die Identität der Schweiz. Einiges von der Expo blieb, etwa Tinguelys Eisenplastik «Heureka». An die Expo 02 dagegen erinnere physisch nichts mehr.

Oppenheim: Ja zu Expo 2027

Der Idee für eine Expo im Aargau steht Oppenheim positiv gegenüber: «Dieses Vorhaben ist zu unterstützen. Allerdings, und da hat Expo-Initiant Kurt Schmid recht, muss zuerst eine inhaltliche Idee vorliegen. Genau dies war bei der Expo.02 nicht der Fall und führte zum finanziellen Desaster.» Bevor über Strukturen und Standorte gesprochen werde, sei deshalb eine inhaltliche Debatte zu führen.

Debatte über Identität

Im Aargau könnten sich seines Erachtens Lengnau-Endingen mit seiner jüdisch-christlichen Geschichte als Ausgangspunkt für eine Landesausstellung unter dem Thema «kulturelle Vielfalt – Zusammenleben verschiedener Kulturen» anbieten. Bekanntlich haben die beiden Dörfer im Surbtal Schweizer Geschichte geschrieben. Zurzeit wird das spannende Projekt «Doppeltür» zu diesem Thema entwickelt.

Die Schweiz könnte ihre Erfahrung mit dem Ausgleich zwischen Minderheiten und Mehrheiten national und international einbringen. Eine Expo mit dieser nachhaltigen Thematik «könnte im eigenen Land zu einem spannenden, zukunftsgerichteten Diskurs über unsere nationale Identität führen, aber auch Signale über unsere Landesgrenzen ausstrahlen», ist Oppenheim überzeugt.

Dafür wären seines Erachtens neben dem Aargau weitere Kantone geeignet: Solothurn dank der Tradition seiner Ambassadorenstadt, Basel-Landschaft und Basel-Stadt aufgrund ihrer erfolgreich praktizierten grenzüberschreitenden Kooperation im Dreiländereck.

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