Aargauer Liebesgeschichten
Liebe ist: Wenn man im Stau am Baregg sein Herz verschenkt

Sie fanden sich dort, wo sonst alle ungeduldig nach Hause oder zur Arbeit fahren: Im Stau auf der Autobahn, in zwei Autos. Sie dachte «Wow, aber der ist sicher schon vergeben» – und er notierte sich ihre Autonummer.

Mario Fuchs
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Aargauer Liebesgeschichten: Cécile und Roger Meier

Aargauer Liebesgeschichten: Cécile und Roger Meier

Zur Verfügung gestellt
... oder als Putzequipe vor einer MD-11 der Swissair: Seit sich Roger und Cécile Meier 1994 begegneten, gehen sie Hand in Hand durchs Leben.

... oder als Putzequipe vor einer MD-11 der Swissair: Seit sich Roger und Cécile Meier 1994 begegneten, gehen sie Hand in Hand durchs Leben.

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Baregg: Was heute ein Tunnel mit drei Röhren ist, war jahrelang ein Reizwort. Der Hügel südlich von Baden, zwischen Dättwil und Neuenhof, war der Grund, warum jeden Tag Tausende Autofahrende zu spät kamen, am Morgen zur Arbeit, am Feierabend nach Hause. Alle mussten sie durch das gleiche Nadelöhr. Ob Richtung Zürich oder Richtung Bern, zwischen A und B gab es noch ein S wie Stau.

Amtlich hiess das: nationaler Stauschwerpunkt Nummer eins. Jemand erfand für den Tunnel gar ein Krankheitsbild, in Anlehnung an die Herzbaracke: «Herzbaregge». Kam es hier zum Stillstand, ging gar nichts mehr.

Für Roger Meier aus Birmenstorf, damals 26, blauer Opel Vectra, AG 220 216, war die Fahrt durch den Baregg Routine. Nach der Maurerlehre wurde er Baumeister bei Locher & Cie., baute in Baden etwa den «Melonenschnitz», die Busrampe, den Metro Shop. Die Autobahn war sein Arbeitsweg, der «berühmte Stau», wie er ihn mehr nachtrauernd als verachtend nennt, sein tägliches Ritual.

Blickkontakt im Auto

Auch an jenem Mittwoch, im Sommer vor 21 Jahren. Das Datum wissen Roger und seine Frau Cécile noch heute, ohne zu überlegen: «20. Juli 1994». Roger hat Feierabend und fährt nach Hause. «Schön anständig auf der Normalspur, wie immer. Die Überholspur nützt dir im Stau nämlich nichts», erzählt er.

Da habe er, wie man es halt so mache, wenn es nicht vorwärtsgehe, «ein wenig nach links und ein wenig nach rechts geschaut». Auf Höhe Neuenhof überholt ihn eine Frau, weisser Peugeot 205, AG 247 552. Sie gefällt ihm. Und: Sie schaut auch.

Roger fällt zurück, holt wieder auf, fällt wieder zurück, holt wieder auf. «Drei- oder viermal hat sich das wiederholt. Und jedes mal, wenn wir wieder auf Augenhöhe waren, schauten wir uns an.» Wenn man merke, dass jemand zurückschaue, schaue man eben anders. Und als er merkt, dass die unbekannte Schöne die gleiche Ausfahrt nimmt wie er, Baden-West, schaut er nochmals anders: auf das Kennzeichen. Die Hoffnung fährt vor ihm, er notiert sich: AG 247 552.

An diesem Mittwoch ist der Peugeot 205 eine Überholspur schneller als der Opel Vectra. Cécile Staubli aus Sulz bei Künten, damals 29 und Assistentin bei Bayer, schaut in den Rückspiegel und denkt: Der gefällt mir. In Birmenstorf sieht sie ihn beim Abbiegen von der Seite, denkt sich: «Wow – aber der ist sicher schon vergeben.»

Annäherung im Briefkasten

Ist er nicht – und er will sofort herausfinden, wer die Frau war, die im Stau am Feierabend so schön zurückgelächelt hatte. Er bittet einen befreundeten Polizisten, die Halterin des Fahrzeugs ausfindig zu machen. Zurück kommen ein Name und eine Adresse in Birmenstorf, nur ein paar Schritte von seinem Elternhaus entfernt. Roger setzt sich hin, schreibt «ein Briefli»: Er würde gerne mehr von ihr wissen, sie solle ihn doch mal anrufen.

Das «Briefli» legt er ihr eigenhändig in den Briefkasten. Als sie das Couvert sieht, von Hand beschriftet, an sie persönlich adressiert, ohne Briefmarke, weiss sie sofort, «wer das ist». Vor lauter Freude muss sie zuerst ihre Freundin anrufen.

Prüfung an der Haustür

Doch beim Öffnen folgt eine erste Ernüchterung: Da steht keine gewöhnliche Telefonnummer, sondern eine Natelnummer. «Ich dachte mir: So ein Snob!», erinnert sich Cécile Meier. Damals hatte nur ein Handy, wer viel Geld hatte – oder aber für die Arbeit (als Baumeister) zwingend eines benötigte. Trotzdem entscheidet sie sich, anzurufen, allerdings nicht auf das Natel, sondern zu Hause.

Es folgt die zweite Ernüchterung: Eine Frau hebt ab, sagt, Roger sei nicht da. Cécile denkt sich: «Super, so einer!» Die Frau am anderen Ende nimmt aber freundlich die Nummer für einen Rückruf auf – und Cécile merkt: Es muss die Mutter sein.

Keine halbe Stunde vergeht, da klingelt das Telefon bei ihr. Roger ist dran. «Seine erste Frage: ‹Wie alt bist du?›» Trotzdem entscheidet sie sich, ein Treffen zu vereinbaren: Sonntagabend, einen Coupe essen am Hallwilersee. Pünktlich steht er vor ihrer Tür, samt Blumenstrauss.

Doch es folgt die dritte Ernüchterung: Er trägt kurze rote Hosen. Cécile mag rot nicht, und kurze Hosen an Männern schon gar nicht. Trotzdem entscheidet sie sich, dem Unbekannten aus dem Stau eine Chance zu geben. Und bereut es bis heute nicht.

Ein paar Monate später ziehen sie zusammen, sechs Monate später wird aus Cécile Staubli Cécile Meier. Für das Brautpaar lassen sich die Trauzeugen eine aufwendige Überraschung einfallen. Weil Roger Meier leidenschaftlicher Flugzeugfan ist, organisieren sie für den Hochzeitsapéro eine MD-11 der Swissair.

In der Klotener Werft 2 stossen die Gäste in der First Class der soeben aus Bangkok zurückgekehrten Maschine auf das Paar an. «Das war unglaublich schön», erinnert sich Roger Meier. Bis heute verfolgt er, wo jenes Flugzeug unterwegs ist: Es transportiert in den USA Pakete für Fed-Ex.

Roger Meier fährt bis heute täglich unter dem Hügel südlich von Baden hindurch. Sein Arbeitsplatz ist jetzt der Flughafen Zürich, wo er die Leitung über die Betriebsflächen innehat. Der Baregg ist nicht mehr Stauschwerpunkt Nummer 1, 2004 wurde eine dritte Röhre eröffnet. Stau gibt es aber immer noch. Und Meiers sind dann die Einzigen, die im Auto glücklich lächeln.

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