Forderungen
Lidl lohnt sich – aber offenbar nicht für Aargauer Nachbarn: Widerstand gegen neues Verteilzentrum

Der Discounter will in Roggwil BE, kurz nach der Aargauer Grenze, ein neues Verteilzentrum bauen. In der Region gibt es Widerstand gegen die Pläne: Der Standort sei nicht optimal, es drohe eine Lastwagenflut und das Vorgehen widerspreche dem Raumplanungsgesetz. Die beiden wichtigsten Forderungen: Lidl solle anderswo bauen und die Kantone sollen bei Logistikprojekten besser zusammenarbeiten.

Fabian Hägler
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Lidl lohnt sich – aber offenbar nicht für Aargauer Nachbarn

Lidl lohnt sich – aber offenbar nicht für Aargauer Nachbarn

Visualisierung (links) / Bild (rechts): Lidl/zvg

Der Aargau ist ein Logistik- und Transportkanton. Verteilzentren von Grossverteilern wie Coop in Schafisheim und Migros in Suhr (siehe unten) liegen hier, Transportunternehmen wie Bertschi in Dürrenäsch, oder Giezendanner in Rothrist haben ihren Sitz im Aargau, die Post betreibt in Villmergen ein Logistikzentrum und das grösste Lager des Onlinehändlers Digitec steht in Wohlen.

Die grossen Logistikbetriebe, Verteilzentren und Transportunternehmen bringen oft eine beträchtliche Verkehrsbelastung mit sich. Kritik an den Firmen, oder grösseren Widerstand gegen Logistikstandorte gab es im Aargau bisher aber kaum. Deshalb erstaunt es auf den ersten Blick, dass die Pläne von Lidl, in Roggwil BE ein neues Verteilzentrum zu errichten, im Nachbarkanton massive Kritik auslösen.

Bei der öffentlichen Auflage hat der Regionalplanungsverband zofingenregio sich negativ zum Lidl-Projekt geäussert. Grund ist die massive Zunahme von Lastwagenfahrten durch Gemeinden im Gebiet des Verbandes, die mit dem Verteilzentrum drohen würde. Mehr als 70 Prozent der 710 täglichen Lastwagenfahrten sollen über die beiden Autobahnanschlüsse Rothrist und Reiden abgewickelt werden – der vorgesehene Standort des Verteilzentrums liegt nicht direkt an der A1, sondern rund 10 Kilometer davon weg.

Wann sollen sich Betroffene zu Plänen äussern können?

Der Regionalplanungsverband, der vom Zofinger Stadtammann und Grossrat Hans-Ruedi Hottiger präsidiert wird, beantragt deshalb eine Sistierung der Pläne. Zuerst müsse der Standort im Berner Richtplan festgelegt und mit den Nachbarkantonen Luzern und Aargau koordiniert werden, fordert zofingenregio. Dies sei im Raumplanungsgesetz des Bundes für güterintensive Nutzungen vorgeschrieben.

«Die Kantone sind im ständigen Austausch», sagte Daniel Kolb, Leiter der Abteilung Raumentwicklung des Aargauer Departements Bau, Verkehr und Umwelt, dem «Zofinger Tagblatt». Er versicherte, dass das Vorhaben und die verkehrstechnischen Auswirkungen genau überprüft würden und der Kanton die betroffenen Gemeinden und den Verband zofingenregio miteinbeziehen werde. Gegenüber der «Luzerner Zeitung» sagte eine Lidl-Spre­cherin, man rechne mit 400 Lastwagen- Fahrten pro Werktag. «Ein externes Lärm- und Verkehrsgutachten bestätigt, dass wir mit dem antizipierten Verkehrsaufkommen die Verkehrssituation nicht merklich beeinflussen werden und sämtliche Grenzwerte einhalten können», ergänzt sie. Zudem sei der verlangte regionale Austausch zwischen den Kantonen nicht unterlassen worden, sondern stehe kurz bevor.

Hans-Ruedi Hottiger entgegnet auf Anfrage der AZ: «Das ist definitiv die falsche Reihenfolge.» Direktbetroffene sollten zum Richtplan Stellung nehmen können, nicht erst zur Zonenplanänderung. Das sei auch für Investoren sinnvoller, als wenn sich Widerstand erst zeige, «wenn schon viel Planungsarbeit in das mögliche Bauprojekt investiert worden ist, also bei der Zonenplanänderung und später beim Baugesuch».

In einer Interpellation, die er im Grossen Rat eingereicht hat, verweist der Zofinger auf ein Beispiel in Schneisingen, bei dem die Zusammenarbeit zwischen zwei Nachbarkantonen viel besser funktioniert habe. Der dortige Standort der Firma Bucher-Guyer liegt in einem Arbeitsgebiet, das sich über die Grenze der Kantone Zürich und Aargau erstreckt. Die Flächen auf der Aargauer Seite benötigt das Unternehmen für sein Kerngeschäft nicht mehr. Für eine grössere Fläche der bestehenden Gewerbezone wurden daher alternative Nutzungen geprüft, unter anderem auch solche mit hohem Verkehrsaufkommen. «Schon ganz am Anfang der Abklärungen wurden die Nachbarn auf der Zürcher Seite informiert und einbezogen. So gesehen war das Vorgehen meiner Ansicht nach vorbildlich», erläutert Hans-Ruedi Hottiger.

Standort ist auch aus Sicht der Detailhändler nicht optimal

Hottiger und zofingenregio geht es aber nicht nur um die planungsrechtlichen Abläufe. Der Verband fordert Lidl in der Stellungnahme auf, für das Verteilzentrum einen anderen Standort als Roggwil zu suchen. Regionalplaner Tobias Vogel verweist auf eine Studie im Auftrag der Bau-, Planungs- und Umweltdirektoren-Konferenz (BPUK), die im Frühling 2018 erschient und Logistikstandorte von überkantonaler Bedeutung analysiert. Roggwil sei darin nicht als geeigneter Standort für ein Verteilzentrum aufgeführt, hält Vogel fest.

Dies ist bemerkenswert, weil an der Studie nicht nur Raumplanungs- und Verkehrsverantwortliche von Bund und Kantonen mitarbeiteten, sondern auch die IG Detailhandel. In dieser Organisation sind Migros, Coop, Denner und Manor vertreten – Lidl ist nicht dabei. Als wichtigstes Kriterium für Logistikstandorte aus Sicht der Grossverteiler führt die Studie eine gute Anbindung ans Strassennetz auf, insbesondere die Nähe zu Autobahnanschlüssen.

Der Verband zofingenregio empfiehlt Lidl, für das Verteilzentrum einen Standort in den Kantonen Aargau oder Luzern zu suchen, der in den jeweiligen Richtplänen ausgewiesen ist. «Ein solcher Eintrag existiert im Berner Richtplan für Roggwil momentan nicht», hält Hottiger fest. Eine neue Massnahme «Güterverkehrs- und Logistikkonzept» solle erst erarbeitet und in den Richtplan aufgenommen werden.

Ob das Verteilzentrum, das einen dreistelligen Millionenbetrag kosten und neue Arbeitsplätze bringen soll, tatsächlich gebaut wird, will Lidl bis Ende Jahr entscheiden. Hans-Ruedi Hottiger geht davon aus, dass Aargauer und Luzerner Gemeinden später nicht berechtigt wären, Einsprachen gegen ein Baugesuch auf dem Areal einzureichen. Sie könnten jedoch Institutionen und Fachstellen auf Widersprüche zum Raumplanungsgesetz des Bundes hinweisen und sie mit Vorstössen auffordern, zu reagieren und gegebenenfalls zu intervenieren. «Das haben wir bis jetzt getan und werden das wohl auch weiterhin tun», kündigt er an.

Migros-Verteilzentrum Suhr: Fast die Hälfte kommt per Bahn

Beim geplanten Lidl-Verteilzentrum in Roggwil (siehe Artikel links) sollen die Waren ausschliesslich per Lastwagen transportiert werden. Anders ist dies beim Migros-Verteilzentrum in Suhr, das täglich rund 6200 Paletten verarbeitet. 5000 davon gehen an Migros-
Filialen, 1000 an Migrolino-Shops. Angeliefert werden die Güter zu 48 Prozent per Bahn und zu 52 Prozent mit Lastwagen, die Auslieferung erfolgt laut Website des Verteilzentrums zu 33 Prozent mit dem Zug und zu 67 Prozent mit dem Camion.

Der Betrieb befindet sich in einem mehrere hundert Meter langen Gebäudekomplex im Wynenfeld und hat eines der grössten und modernsten Hochregallager Europas mit einer Kapazität von 100000 Paletten. Das Verteilzentrum hat eine Bahnhalle sowie einen eigenen Gleisanschluss an die Linie Zofingen-Wettingen. Es liegt nur wenige hundert Meter neben dem Anschluss Buchs-Suhr des Autobahnzubringers. Im Migros-Verteilzentrum Suhr sind mehr als 460 Mitarbeiter beschäftigt, der Betrieb erzielt einen Umsatz von 137 Millionen Franken. Das Verteilzentrum wurde 1999 als Tochtergesellschaft des Migros-Genossenschaftsbundes gegründet. Der bestehende Bau wurde damals saniert, zudem entstand ein Anbau. 2011 nahm das Verteilzentrum Suhr eine vollautomatische Logistikanlage in Betrieb, die 87 Millionen Franken kostete und 3500 verschiedene Produkte verarbeiten kann. (fh)

Coop-Logistikzentrum Schafisheim: 600 Millionen Franken teuer

Rund drei Jahre lang war es die grösste private Baustelle der Schweiz – im Juni 2016 wurde das neue Coop-Logistikzentrum Schafisheim dann in Betrieb genommen. Es besteht aus der grössten Bäckerei der Schweiz, einer nationalen Verteilzentrale für Tiefkühlprodukte sowie einer regionalen Verteilzentrale. Somit steht in Schafisheim der grösste Logistikstandort, den Coop betreibt.

Die Kosten für den Bau beliefen sich auf mehr als 600 Millionen Franken. Insgesamt arbeiten in den verschiedenen Betrieben rund 1900 Angestellte, wovon 1000 Stellen neu geschaffen wurden. Rund 350 Verkaufsstellen in der Nordwestschweiz, der Zentralschweiz und im Raum Zürich werden von Schafisheim aus beliefert. Herzstück der Verteilzentrale ist das vollautomatische Kühllager. Dort werden Produkte wie Joghurt oder Fleisch für die Lieferung in Coop-Supermärkte zusammengestellt. Bei Waren wie Gemüse, Pommes Chips oder Toilettenpapier stellen rund 220 Mitarbeitende die Produkte für den Transport bereit.

Möglichst viele Waren sollen mit dem sogenannten unbegleiteten kombinierten Verkehr von Schafisheim her abtransportiert werden. Der Detailhändler transportiert alle tiefgekühlten Waren, die weiter als 90 Kilometer unterwegs sind, bereits heute per Bahn. Lastwagen übernehmen die Verteilung auf den letzten Kilometern. (fh)

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