Bezirksgericht Aarau
Letztes Picnic in Freiheit: «Maisfeld-Einbrecher» müssen jahrelang ins Gefängnis

Zwei albanische Kriminaltouristen, die 2015 in einem Maisfeld in Suhr filmreif verhaftet wurden, standen in Aarau vor Gericht. Gegen 50 Einbrüche in den Kantonen Aargau, Solothurn und Thurgau hatten sie begangen. Kurz vor der Verhaftung gab es Kräuterlikör.

Mario Fuchs
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Im Maisfeld verhaftet

Im Maisfeld verhaftet

Ein Spitzname trifft immer dann wirklich zu, wenn er sogar von Behörden übernommen wird. Am 25. Oktober 2016, genau drei Monate nachdem die Aargauer Kantonspolizei in Suhr zwei Einbrecher festgenommen hatte, titelte die Staatsanwaltschaft eine Medienmitteilung so: «‹Maisfeld-Einbrecher› von Suhr: Knapp 50 Fälle ermittelt».

In jener Sommernacht waren bei der Polizei vier Einbruchsmeldungen aus Gränichen eingegangen. Gegen halb fünf am Morgen fielen im Buhalde-Quartier in Suhr zwei Verdächtige auf. Kurz drauf traf der entscheidende Hinweis ein: die zwei sollen sich in einem Maisfeld versteckt haben.

Schmuck und eine «Hobbit»-DVD

Sofort beorderten Kantons- und Regionalpolizei alle in der Nähe verfügbaren Patrouillen zum Maisfeld; Polizisten, die in der Umgebung wohnten, kamen in zivil zu Hilfe. Sie umstellten das Feld, der Helikopter kreiste über dem Feld, mit Diensthunden wurden die Männer eingekesselt. Nach ein paar Stunden liessen sie sich widerstandslos festnehmen.

Gestern standen die «Maisfeld-Räuber» in Aarau vor Bezirksgericht: Florim (alle Namen geändert), 27-jährig, 21 Einbruch- und Einschleichdiebstähle in den Kantonen Aargau und Solothurn. Er sitzt gekrümmt, trägt Jeans und Logo-T-Shirt, dazu Turnschuhe, war zuletzt wohnhaft in Caen, Frankreich.

Grossfahndung nach versteckten Einbrecher in Maisfeld bei Suhr
8 Bilder
Die verdächtigen Männer haben sich im Maisfeld versteckt.
Die beiden Täter wurden einzeln abgeführt.
Die beiden Täter wurden einzeln abgeführt.
Regional- und Kantonspolizisten bei der gegenüberliegenden Siedlung neben dem Maisfeld.
Aufgebrochenes Fenster der Liegenschaft in Gränichen, wo die mutmasslichen Täter Sachen erbeutet haben .
Im Nordringquartier in Gränichen versuchten die Täter, in weitere Häuser zu gelangen.

Grossfahndung nach versteckten Einbrecher in Maisfeld bei Suhr

Adrian Remund

Und Drilon, 28-jährig, 39 Einbruch- und Einschleichdiebstähle in den Kantonen Aargau, Solothurn und Thurgau. Er sitzt aufrecht, trägt Jeans und Slim-Fit-Hemd, dazu Wildleder-Mokassins, war zuletzt wohnhaft in Mantua, Italien.

Zehnmal, so heisst es in der Anklageschrift, seien Florim und Drilon als Duo unterwegs gewesen. Drilon stand draussen Wache, Florim schaute sich drinnen um und klaute gezielt, was begehrenswert erschien: wertvolle Arm- und Halsketten, Armbanduhren oder Goldvreneli. Auch mal einen Laptop, zwei Stangen Zigaretten oder die Doppel-DVD «Der Hobbit».

Dem Genuss scheinen die beiden nicht abgeneigt zu sein: In der Nacht vor der Verhaftung liessen sie sich in einem Schrebergartenhaus an der Wynemattestrasse nieder. Deliktsgut: eine Flasche Kräuterlikör, eine Flasche Coca-Cola, ein Sack Paprika-Chips. Es war ihr letztes Picnic in Freiheit.

Zeuge: «Habe keine Erklärung dafür»

Der Zeuge Piero, der bei einigen der Einbrüche dabei war, das bereits zugegeben hat und im Kanton Solothurn dafür verurteilt wurde, soll die Vorwürfe bestätigen. Doch in Aarau sagt er, er kenne das Duo nicht: «Ich habe nichts zu tun mit denen!»

Gerichtspräsidentin Bettina Keller will von Piero wissen, warum man denn am gleichen Tatort die DNA von ihm und Drilon gefunden habe? «Ich habe keine Erklärung dafür.» Das gleiche sagt er zu einem Foto, das ihn mit Drilon in einer Bar zeigt. So entlässt das Gericht Piero schnell wieder aus dem Zeugenstand.

Ein wenig aufschlussreicher ist die Befragung von Florim. Aber auch nur ein wenig. Er gibt zu, Drilon am Bahnhof Aarau kennengelernt zu haben: «Wir haben nur Kaffee getrunken.» Und er gibt zu, die Diebstähle und die Sachbeschädigungen beim Aufbrechen, Aufbohren oder Aufhebeln von Türen und Fenstern begangen zu haben.

Damit wäre der aufschlussreiche Teil erzählt. Wer die Idee zu den Einbrüchen gehabt habe? «Es gab keine Idee.» Warum sie es denn getan hätten? «Wir hatten kein Geld.» Ob sie sich die Beute jeweils aufgeteilt hätten? «Nein, ich habe alles weggeworfen.»

Florim betont, er sei nur auf der Durchreise gewesen, habe mit dem Zug von Frankreich, wo er sich als Asylbewerber versucht hatte, via Italien nach Albanien zurückgewollt.

Jetzt kommt Drilon an die Reihe. Ja, er kenne Florim vom Bahnhof Aarau: «Ich habe gehört, dass er albanisch spricht. So sind wir in Kontakt gekommen.» Auch Piero kenne er, «aus einem Lokal». Überall dort, wo die Polizei eindeutige DNA-Spuren am Tatort fand, gibt Drilon seine Beteiligung zu.

Überall sonst streitet er sie vehement ab. «Es war alles mehr oder weniger spontan», sagt er, «wir gingen nicht mit der Idee hin, einzubrechen.» Er sei auf dem Weg von Belgien, wo er sich als Tourist aufgehalten habe, zurück nach Italien gewesen. Und er habe nur noch 25 Euro gehabt.

Warum er denn via Aarau gefahren sei, was ja nicht gerade an der direkten Route liege? «Ich habe kein direktes Billett gekauft, sondern über verschiedene Stationen.» Wäre es direkt nicht günstiger gewesen? «Weiss nicht.» In ihrem letzten Wort entschuldigen sich beide bei Gericht, Staatsanwalt und Opfern.

Staatsanwalt: «Professionelle Bande»

Für den Staatsanwalt ist klar, dass es sich um eine professionelle Bande handle, die sehr gut organisiert sei. Sie hinterlasse enormen Sachschaden und Angst bei den Opfern. Die Strafen müssten drum so hoch ausfallen, dass sie nie wieder in der Schweiz einbrechen.

Er sei sich sicher: «Schon morgen hat der Rest dieser ganzen Saubande von den Urteilen erfahren. Leisten Sie Ihren Beitrag zur Prävention!» Er fordert 5,5 Jahre Freiheitsstrafe für Florim respektive 7 Jahre für Drilon.

Die Verteidiger versuchen zu relativieren: Man könne nicht von wüsten Raubzügen sprechen, niemand habe gewütet. Florims Anwalt anerkennt die Schuld seines Klienten, fordert aber wegen dessen Kooperation im Verfahren und seiner Rolle «als Schlusslicht in der Bandenhierarchie» eine Freiheitsstrafe von unter einem Jahr.

Drilons Anwalt kritisiert den Schlussbericht der Polizei als «ein Sammelsurium von Vermutungen». Man könne nicht einfach alle Einbrüche, die es zeitlich und räumlich in der Nähe gab, «den zwei Typen aus dem Maisfeld anhängen».

Das Gericht entscheidet sich für einen Mittelweg. Florim muss 3,5 Jahre ins Gefängnis, Drilon 5,5 Jahre. Teilweise könnten die Taten tatsächlich nicht eindeutig nachgewiesen werden, in den meisten Fällen gebe es aber eindeutige Spuren oder Indizien. Dann klicken die Handschellen, und die zwei werden zurück in die Justizvollzugsanstalt Lenzburg geführt. Sie arbeiten dort in der gleichen Abteilung.