Aargau

Letztes Habsburgschiessen nach 112 Jahren – ein Abgesang auf den Traditionsanlass

Habsburgschiessen auf Matten im Gras – 2009 mit dem damaligen Regierungsrat Ernst Hasler (2. von links) und einer Frau mit Sturmgewehr 57 in spezieller Schweizerkreuz-Ausführung.

Habsburgschiessen auf Matten im Gras – 2009 mit dem damaligen Regierungsrat Ernst Hasler (2. von links) und einer Frau mit Sturmgewehr 57 in spezieller Schweizerkreuz-Ausführung.

Am Sonntag wird der traditionsreichste Schiessanlass im Kanton zum letzten Mal ausgetragen. Das Habsburgschiessen war mehr als ein sportlicher Wettkampf.

Der Kreis schliesst sich: Im Februar 1906 führte die Schützengesellschaft Aarau mit den Schützen von Brugg in Habsburg ein Winterschiessen durch. Es wurde 1907 in erweitertem Rahmen als Habsburgschiessen wiederholt und seither nur ein einziges Mal – im Kriegsjahr 1943 – ausgesetzt. Jetzt aber, 112 Jahre später, organisiert die Schützengesellschaft Lenzburg die letzte Austragung. Nachher wird der bleihaltige Boden des Kugelfangs saniert und die kantonsweit einzigartige Schiessanlage definitiv stillgelegt.

Spezialität beim Habsburgschiessen: Ausnahmsweise sind die «Zeiger» der Resultate sichtbar.

Spezialität beim Habsburgschiessen: Ausnahmsweise sind die «Zeiger» der Resultate sichtbar.

Speziell am Habsburgschiessen war der behelfsmässige Feldstand unter freiem Himmel sowie die Verbindung zwischen den Schützen der Städte Aarau, Baden, Brugg, Lenzburg, Rheinfelden, Zofingen, Aarburg, Laufenburg und des Fleckens Bad Zurzach. Eine Episode bildete auch der zeitweilige Kontakt zur habsburgisch-österreichischen Monarchie, die mit Grussbotschaften und Ehrengaben ihre Zuneigung zu den einstigen aargauischen Stammland bekundete.

«Freundschaft in der Freiheit»

Die Initianten des Habsburgschiessens, der Aarauer Jurist und spätere Ständerat Gottfried Keller sowie der Brugger Arzt Jakob Horlacher – beide begeisterte Schützen – stellten die freundschaftliche Begegnung in den Vordergrund. Sie verliehen dem Anlass mit dem Leitspruch: «Freundschaft in der Freiheit» einen patriotischen Charakter. Zwar verblasste das vaterländische Pathos, aber ein von Reminiszenzen und Details belebter Schützengeist prägte das Habsburgschiessen. Es war mehr als ein sportlicher Wettkampf.

Ursprünglich pflegten einzelne der neun Stammsektionen bereits am Vorabend zu Fuss von zu Hause nach Habsburg aufzubrechen. Um den winterlichen Wetterunbilden zu entgehen, wurde der Anlass in den Mai verlegt. Am Tagesablauf änderte sich im Prinzip wenig. Nach dem Schiessen über die 300-Meter-Gewehrdistanz und ab 1912 auch über die 50-Meter-Pistolendistanz leitete das Mittagessen zur Schützenlandsgemeinde auf der Burg und zum Rangverlesen über. Dazwischen wurde gejasst und geplaudert. Die Eiligen zogen in den letzten Jahren jedoch immer häufiger vorzeitig von dannen.

Numerus clausus

Die neun Stammvereine lösten sich von Anfang an nach dem Vorortsprinzip in der Durchführung ab. Lenzburg trat 1912 wegen Unstimmigkeiten aus, aber bald wieder ein. Bremgarten lehnte eine Teilnahme anfänglich ab, bereute es aber und versuchte später dreimal vergebens, aufgenommen zu werden. Es wäre als habsburgische Stadtgründung zur Mitwirkung legitimiert gewesen. Doch die «Neun» hielten am Numerus clausus fest, weil ihnen bei 500 bis 600 Schützen die Kapazitätsgrenze erreicht schien. Zuletzt waren es noch halb so viel Teilnehmende (2018: 215 Gewehr- und 155 Pistolenschützen). Immerhin wurden ab 1935 Gastsektionen eingeladen. Dadurch nahm man den Anlass bis nach Genf zur Kenntnis.

Seit Beginn bildeten die Stammsektionen den Habsburgschützenverband. Er schenkte seine Aufmerksamkeit nicht nur dem Wettkampf, sondern auch dem Zustand der Habsburg. Als er dem Regierungsrat 1914 die Restaurierung des Rittersaals vorschlug, wurde der Verband gebeten, den neuen Ofen und den Boden selber zu finanzieren, weil dies das Staatsbudget sprenge. Auch den Einbau einer Küche im Schloss versuchte die Regierung 1929 den Habsburgschützen anzuhängen, was diese jedoch ablehnten.

Zu den Traditionen des Anlasses zählte das warme Mittagsessen, der sogenannte «Spatz». Dieser Eintopf aus Rindfleisch, Suppe und Gemüse wurde viele Jahre von der jeweils organisierenden Sektion zubereitet, wozu das Zeughaus Brugg eine fahrbare Feldküche zur Verfügung stellte. Aber die Rekrutierung der Küchenmannschaften harzte mit der Zeit. Darum übernahm der Habsburger Schlosswirt die Verpflegung. Zum Dessert gab es Cremeschnitten. Weil es mehrere hundert Portionen brauchte, kam man 1982 auf die Idee, das Gebäck an einem 602 Meter langen Stück herzustellen und ins Guinness-Buch der Rekorde eintragen zu lassen.

Der Zweite Weltkrieg ging am Habsburgschiessen nicht spurlos vorbei. Aufgrund von Munitions- und Fleischmangel wurde 1943 – das einzige Mal – auf die Durchführung verzichtet und die Munitionsdotation in den weiteren Kriegsjahren von zehn auf sechs Patronen pro Schütze reduziert. Zum Mittagessen gab es statt Rindfleisch damals Erbsensuppe mit Wurst und Brot – aber aus Rationierungsgründen nur gegen Mahlzeitencoupons.

Um der Entvölkerung des Dorfs entgegenzuwirken, erschloss die Gemeinde Habsburg in den 1960er Jahren ein neues Wohnquartier, das an den Schiessplatz heranrückte. Als auch ein Landwirt an den Dorfrand aussiedelte, wurden aufgrund verschärfter Vorschriften Sicherheits- und Lärmfragen aktuell. Sie konnten fürs erste durch Gutachten, Gespräche und technische Massnahmen gelöst werden. Der Fortbestand des Habsburgschiessens schien gesichert, wurde 2007 in der Jubiläumsschrift zum 100-jährigen Bestehen optimistisch vermerkt.

Aber zusätzliche Bodenschutzbestimmungen nahmen auch die bleihaltigen Kugelfänge der Schiessanlagen ins Visier. Zu deren Sanierung stellten Bund und Kanton bis Ende 2020 Beiträge in Aussicht. Um diese Frist nicht zu verpassen, bewilligte die Gemeindeversammlung Habsburg letzten Dezember einen Sanierungskredit von 378'500 Franken. Daran werden 269'000 Franken Subventionen erwartet. Der Wiederaufbau eines künstlichen, emissionsfreien Kugelfangsystems würde weitere zigtausende Franken kosten. Kosten und Nutzen stünden in keinem vertretbaren Verhältnis. Darum wird der Schiessstand nun stillgelegt.

Abschluss in Frauenhänden

Die letzte Austragung des traditionsreichsten aargauischen Schiessanlasses geht am 5. Mai ohne besonderes Brimborium, aber wohl mit etwas Wehmut über die Bühne. Der Habsburgschützenverband kalkuliert vorsichtig, weil ihn später noch der Rückbau und die Einzäunung des Kugelfangs beim 50-Meter-Pistolenstand erwarten. Zwei Frauen werden dem «Ende Feuer» den Stempel aufdrücken. Es sind Denise Glarner, die seit 2018 als erste Frau und letzte Präsidentin an der Spitze der Habsburgschützen steht, und ihre Schwester, die FDP-Grossrätin Jea- nine Glarner, die im Auftrag der für das letzte Schiessen verantwortlichen Schützengesellschaft Lenzburg die Schützenlandsgemeinde-Rede hält.

Zum Dank für die jahrzehntelange organisatorische Unterstützung darf die einheimische Schützengesellschaft Habsburg als Gastsektion am letzten Wettkampf teilnehmen und sich damit standesgemäss und definitiv von ihrem ehemaligen Schiessstand verabschieden.

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