"Rechnung statt Rente"
Leser halten zur Aargauer IV-Rentnerin: «Halten Sie durch! Sie sind nicht alleine»

Einer 60-jährigen Aargauerin wird die IV-Rente gestrichen - und sie erhält sogar eine Rechnung über 12'000 Franken. Diesen Fall machte die az am Montag publik. Die az-Leserschaft kommentiert den Fall eingehend. Ein Überblick.

Jürg Krebs
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Ilona Rea - der IV-Entscheid macht sie hilflos. Die az-Leser stehen auf ihrer Seite.

Ilona Rea - der IV-Entscheid macht sie hilflos. Die az-Leser stehen auf ihrer Seite.

Urs Moser

Die Aargauerin Ilona Rea sagt: «Der Umgang der SVA ist für mich ein Todesurteil.» Konkret: Seit die Invalidenversicherung ihren Fall negativ beurteilt und ihr die Leistungen gestrichen hat, weiss die 60-jährige Rekingerin weder ein noch aus. Kommt hinzu: Ilona Rea soll auch noch Leistungen zurückzahlen - 12'000 Franken, um konkret zu sein. Das übersteigt ihre finanziellen Möglichkeiten.

Eine Reihe von schweren Krankheiten – Herzinfarkt, Rückenoperation, Osteoporose – hatte Ilona Rea seit 2003 gesundheitlich zugesetzt, sie verlor den Job, bekommt schliesslich eine IV-Rente. Mit Verfügung vom 30. Dezember 2016 wurde ihr eröffnet, sie könne wieder arbeiten, wenn auch in einer «angepassten, körperlich leichten Tätigkeit».

Und dann hiess es noch, das wäre seit März 2013 der Fall gewesen. Deshalb die Rückforderung. Für Ilona Rea bricht in diesem Moment eine Welt zusammen. Arbeiten? Für sie ist dies aufgrund des Gesundheitszustands wenn überhaupt nur sehr eingeschränkt möglich.

Diesen Fall machte die az am Montag unter dem Titel "Rechnung statt Rente: Aargauerin verzweifelt an hartem IV-Regime" publik. Die Leserinnen und Leser der az reagierten prompt -sei zeigten sich betroffen.

"Menschen bleiben auf der Strecke"

Eine Kommentatorin schreibt: "Schon toll, wie das reichste Land der Welt mit seinen Menschen umspringt! Hauptsache die Ausgaben sinken, ob Menschen dabei auf der Strecke bleiben, scheint niemanden zu interessieren. Das läuft im ganzen Sozialsystem so ab."

Gisela Dietsche schreibt im Facebook-Kommentar zum Artikel: "Ich kenne Ilona und glaube bestimmt nicht, dass ausgerechnet sie die IV benützen würde, um nicht arbeiten zu müssen. So eine bodenlose Frechheit, das macht einfach nur traurig."

Ein anderer Kommentator glaubt: "Eine traurige Geschichte. Solche Geschichten hört man leider immer öfters. Plötzlich wird man fallen gelassen vom System und lebt unversehens unter der Armutsgrenze."

"Eine Schande für die Schweiz"

Und ein dritter Kommentator ist wütend: "Wer ein Leben lang gearbeitet hat und gesundheitliche Probleme bekommt, ist plötzlich nichts mehr wert. Eine Schande für ein Land wie die Schweiz."

Aufmunternde Worte richtet Leserin "Frieda" an Ilona Rea: "Halten Sie bitte durch! Sie sind nicht alleine. Die IV richtet sich nach den politischen Vorgaben. Wenn Sparen diktiert wird, erfolgt die Umsetzung prompt. Invalide zu verscheuchen, gehört daher zum System." Dazu stünden der IV einige Möglichkeiten offen:

  • Rente aberkennen ("Invalide damit aufs Sozialamt zwingen")
  • Rentenanspruch gar nicht erst anerkennen ("Die IV akzeptiert eigene Gutachten zugunsten des Versicherten nicht")
  • Rente zurückfordern
  • und bestehenden Rentenanspruch so oft wie möglich verifizieren.

Das alles geschehe auf dem Buckel der Schwächsten.

Spart die SVA am richtigen Ort?

Ins Spiel gebracht wird von einem Leser ein ständig wiederkehrender Vorwurf an die IV. Nämlich: Die IV akzeptiere von Anbietern überteuerte Hilfsmittel, die sie mitfinanziert oder deren Kosten sie ganz übernimmt. "Das Problem ist bei der IV, dass auf der einen Seite gespart wird und bei den Hilfsmitteln das Geld zum Fenster raus geworfen wird", schreibt "Krasimir". Facebook-Kommentatorin Sandra Kuhn glaubt: "Es wäre an der Zeit, endlich die Abzockerei auf den Hilfsmitteln zu stoppen. Dort liessen sich Millionen einsparen."

Wenn das Geld nicht mehr reicht

Es gibt Leser, die eigene Erfahrungen beschreiben. So ein gewisser "Johnny" mit seiner Kritik an der Sozialversicherungsanstalt SVA, die nicht nur über Invalidenrenten entscheidet, sondern auch über Prämienverbilligungen: "Letzte Woche bekamen wir mit sechsmonatiger Verspätung (!) endlich von der SVA Bescheid, dass es keine Krankenkassen-Prämienverbilligungen mehr gibt!" Letztes Jahr habe er für die vierköpfige Familie 450 Franken pro Monat erhalten. Diese würden nun wegfallen, obwohl er keine Lohnerhöhung erhalten habe. Bei einem steuerbaren Einkommen von unter 50'000 Franken sei dies "nicht mehr zu stemmen". Telefonisch habe ihm die SVA erklärt, dass der Regierungsrat letztes Jahr die Grenze für Bezugsberechtigte korrigiert habe. Der Kommentator endet mit dem Satz: "Der Kanton Aargau lässt den Mittelstand ausbluten!"

Die IV wurde strenger

Die Invalidenversicherung beurteilt Fälle strikter, um Kosten zu senken. Im Vordergrund steht die Reintegration in den Arbeitsmarkt. Tatsächlich wurden die Kosten im Kanton Aargau zwischen 2011 und 2015 von 390 Millionen Franken auf 350 Millionen gesenkt. Die Zahl der Rentenentscheide sank um 11 Prozent. Was wie eine Erfolgsmeldung daherkommt, ist für Ilona Rea eine Katastrophe.