«Wissen Sie noch, was Hartschalenobst ist?», fragt René Hofmann. Vor ihm sitzen zwei Eritreerinnen und fünf Eritreer. Alles zukünftige Köchinnen und Köche. Deshalb müssen sie auch lernen, was Hartschalenobst ist. Gut möglich, dass es in ihrer Muttersprache Tigrinya kein Wort für Hartschalenobst gibt. Aber die deutsche Sprache kennt dieses Wort und noch viele andere, die sie auch lernen müssen. Gut, ist der Lehrer geduldig. «Hartschalenobst hat eine harte Schale», umschreibt er. «Nüsse», erinnert sich ein Schüler. – «Genau! Welche Nüsse kennen Sie?» – «Erdnüsse, Baumnüsse, Kokosnuss.»

René Hofmann unterrichtet die Klasse an der Berufsschule Aarau seit September. Seine Schüler absolvieren eine einjährige Integrationsvorlehre. Mit dieser möchte der Bundesrat die berufliche Integration von anerkannten Flüchtlingen und vorläufig aufgenommenen Personen fördern. Dafür bezahlt der Bund den Kantonen pauschal 13'000 Franken pro Platz und Jahr. Während der Vorlehre sind die jungen Erwachsenen drei Tage in ihrem Lehrbetrieb am Arbeiten und zwei Tage an der Berufsschule. Das Ziel ist, dass möglichst viele von ihnen im Anschluss eine Ausbildung starten können. Das ist ambitioniert, aber möglich.

Gemeinsame Sprache finden

Am Anfang ging es darum, Lehrmittel zu erarbeiten beziehungsweise die vorhandenen Lehrmittel so anzupassen, dass auch Schülerinnen und Schüler damit arbeiten können, die kaum Deutsch verstehen. «Da kommt man irgendwann an die Grenze, weil es nicht mehr möglich ist, auf ein noch einfacheres Deutsch zurückzugreifen», sagt René Hofmann. «Deutsch ist die Basis. Gewisse Begriffe lassen sich nicht vereinfachen.» Die Klasse muss sie lernen. Anders geht es nicht.

«Am Anfang war es sehr kompliziert», sagt Rahel Welday. Sie arbeitet in der Küche des Kantonsspitals Baden. «Ich frage viel», sagt sie. «Es hilft, wenn man viel fragt.» Auch der «Pauli», die Bibel der Köche, helfe ihr. «Da kann man schauen, wie man kocht, und es hat Bilder», sagt sie. Bilder helfen auch, die Sprachbarrieren im Unterricht zu überwinden. Wenn René Hofmann etwas erklärt, sucht er oft im Internet ein Bild und plötzlich ist allen klar, wovon der Lehrer gerade spricht. Manchmal versucht er auch, an die Erfahrungen seiner Schülerinnen und Schüler anzuknüpfen. Wenn sie nicht wissen, in welchem Kanton Marroni wachsen, sagt er, es sei für viele von ihnen der erste Kanton gewesen, den sie in der Schweiz betreten haben, und plötzlich ist die Antwort klar: «Tessin!»

Ursprünglich hat René Hofmann zusammen mit seinem Kollegen aus dem Kanton Solothurn einen Jahresplan für die Klasse zusammengestellt. Aber als sie nach drei Wochen telefonierten, mussten sie feststellen: Das geht so nicht. «Es ist anders. Es braucht einfach alles mehr Zeit», sagt René Hofmann. Zeit, die sich der Lehrer gerne nimmt. Er mag die Herausforderung, findet die Integrationsvorlehre eine «super Sache». «Letztlich ist es die Grundlage dafür, dass sie später nicht mehr von der Sozialhilfe abhängig sind», sagt er.

Überraschung für den Lehrer

Seine Schülerinnen und Schüler beschreibt er als «angenehm, sehr motiviert und wahnsinnig dankbar». Die Dankbarkeit habe sich zum Beispiel an seinem Geburtstag gezeigt. Ein Schüler bat ihn während des Unterrichts um ein Gespräch vor der Tür. Als die beiden ins Zimmer zurückkehrten, erwartete ihn der Rest der Klasse mit einer Erdbeertorte und sang «Happy Birthday». «Da hat man Augenwasser», sagt René Hofmann.

Während die angehenden Gastronominnen und Gastronomen an diesem Morgen lernen, Stein- und Kern- und Hartschalenobst zu unterscheiden, erklärt Lionel Grütter im Gebäude nebenan den 16 angehenden Logistikern, was genau eine Achse ist und wie ein Lastwagen korrekt beladen wird. Auch er sagt, das Deutsch sei die grösste Hürde. «Da kommen Fragen zu Wörtern, die wir so selbstverständlich benutzen und ich mich als Lehrer fragen muss, wie ich das bloss erklären soll.» Offenbar ist es ihm gelungen. Sein Schüler Ahmad Faqirzade aus Afghanistan hat bereits einen Lehrvertrag unterschrieben. Er fängt im Sommer bei seinem jetzigen Arbeitgeber eine zweijährige Attestlehre an. Er freue sich und fühle sich bereit. «Bevor ich in die Berufsschule kam, hatte ich etwas Stress. Ich wusste nicht, wie das wird», sagt er. Aber jetzt wo er wisse, was man an einer Berufsschule macht, finde er es «wirklich total gut». Die Sprache sei am schwierigsten. «Wir haben am meisten Probleme, weil Deutsch sehr schwierig ist.» Er befolgt den Tipp seines Lehrers: «Ich schreibe jeden Tag zehn Wörter auf und lerne sie.»

Zwölf haben einen Lehrvertrag

So wie Ahmad Faqirzade geht es nicht allen. Drei Lernende haben die Ausbildung abgebrochen, einer erhielt eine Anstellung als Hilfskoch. Rektor Paul Knoblauch ist trotzdem zufrieden. Er erzählt nicht ohne Stolz, dass von den 27 verbleibenden Lernenden bereits zwölf einen Lehrvertrag hätten. Bei den anderen laufen Abklärungen. «Es zeichnen sich für die allermeisten Lösungen ab», sagt er. Bei einigen könne das ein weiteres Praktikum sein und zusätzlich ein Sprachkurs, bei anderen ein Arbeitseinsatz, beispielsweise als Staplerfahrer.

Paul Knoblauch rechnet damit, dass am Schluss drei Viertel der Lernenden eine Folgelösung haben werden, also nicht arbeitslos sind. Die Integrationsvorlehre sei etwas Sinnvolles. «Die Flüchtlinge sind da und anstatt untätig abzuwarten, werden sie in Berufsfeldern, die Nachwuchs suchen, eingesetzt und können so möglichst rasch ein selbstständiges Leben ohne Sozialhilfe führen.»