Gedenkjahr 1415

«Leider haben uns die Dohlen einen Strich durch die Rechnung gemacht»

Thomas Pauli-Gabi, Leiter Abteilung Kultur des Kantons Aargau.

Thomas Pauli-Gabi, Leiter Abteilung Kultur des Kantons Aargau.

Der Aargauer Kulturchef Thomas Pauli-Gabi zieht eine positive Bilanz zum Gedenkjahr, als die Eidgenossen in den Aargau marschieren. Zudem hat er einen Wunsch – dass 1415 einen anderen Stellenwert in der Schule bekommt.

Vor 600 Jahren marschierten die Eidgenossen im Aargau ein. Den Jahrestag der Eroberung nahm der Kanton zum Anlass, der Bevölkerung unter dem Motto «1415 – Die Eidgenossen kommen» die Möglichkeit zu geben, sich auf vielfältigste Weise mit dem Aaraug, seiner Geschichte und Zukunft zu beschäftigen. Im Gespräch erklärt Thomas Pauli-Gabi, Leiter der Abteilung Kultur, ob das funktioniert hat und wie er das Jubiläumsjahr erlebt hat.

Herr Pauli, bitte machen Sie diesen Satz fertig: «Das Gedenkjahr 1415 – Die Eidgenossen kommen» war für mich …

Thomas Pauli-Gabi: …ein absolutes Highlight in meiner beruflichen Tätigkeit für den Kanton Aargau.

Was bleibt Ihnen in besonders guter Erinnerung?

Vieles! Ich nenne stellvertretend drei Ereignisse:

Spannend, überzeugend und neuartig war der Gigathlon. Da ist es gelungen, ein sportliches Grossereignis und einen Kulturanlass zu verbinden; der Wettkampf führte quer durch den ganzen Aargau zu historischen Schauplätzen. Tausende rannten durchs Stadtmuseum in Aarau oder durch die Schlossanlage Wildegg; unvergesslich bleibt der Zieleinlauf im Amphitheater Vindonissa, wo die heutigen Sportler die antike Sportstätte nutzten. Am Gigathlon konnten wir unaufdringlich zeigen, was der Aargau kulturtouristisch zu bieten hat.

So toll war der Gigathlon! Alle Highlights aus 2,5 Tagen im actionreichen 4-Minuten-Video

So toll war der Gigathlon! Alle Highlights aus 2,5 Tagen im actionreichen 4-Minuten-Video

Gut gefallen hat mir auch das Schauspiel «Drei Päpste, Huren und ein König» auf der Habsburg, eine schöne Verbindung von Gastronomie, Theater und unterhaltsamer Geschichtsvermittlung – auch für ein Publikum, das nicht primär historisch interessiert ist.

Drittens waren die Postautoerlebnisfahrten zu den Schauplätzen der Eroberung sehr erfolgreich

Gab es auch Enttäuschungen?

Ja. Wir hatten geplant, die Belagerung des Schlosses Hallwyl durch die Berner von 1415 durch die internationale Truppe Company of Saynt George nachspielen zu lassen; das wäre ein grossartiges Ereignis für die Zuschauer geworden. Doch leider haben uns die brütenden Turmdohlen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die zweite Belagerung fand nicht statt, weil wir aus Natur- und Landschaftsschutzgründen keine Bewilligung erhalten haben.

Hat das Gedenkjahr die Menschen im Aargau interessiert?

Der ganze Aargau war Schauplatz des Gedenkjahres. Wir haben insgesamt mehrere hunderttausend Menschen erreicht, die in irgendeiner Form am Gedenkjahr teilgenommen haben. Rund eine Viertelmillion sind dabei im Museum Aargau mit 1415 in Kontakt gekommen. Die genauen Zahlen stehen noch aus. Aber es steht jetzt schon fest: Auch publikumsmässig war das Gedenkjahr ein grosser Erfolg. Offensichtlich ist es auch gelungen, Menschen zu erreichen, die sich bisher nicht besonders mit der Aargauer Geschichte beschäftigt haben.

Filmcollage: Die Aargauer singen «ihr Lied»

Filmcollage: Die Aargauer singen «ihr Lied»

Und welche neue Botschaften konnte das Gedenkjahr vermitteln?

Bisher war das Jahr 1415 für den Aargau eher ein belastendes Datum. Denn da wurden «wir» erobert. Das Gedenkjahr sollte dazu anregen, dass sich die Aargauerinnen und Aargauer selbstbewusst mit der Geschichte des Kantons auseinandersetzen. Dass das Jahr 1415 ein Datum ist, das mit uns zu tun hat. Die bis heute existierenden Regionen des Aargaus sind damals entstanden – und nicht zu vergessen: Im Aargau entstand die Schweiz, wie Historiker Thomas Maissen aufgezeigt hat.

Schlussakt zum Gedenkjahr zur Eroberung des Aargaus vor 600 Jahren durch die Eidgenossen:

Höchst erfreulich war die hohe Medienpräsenz in der ganzen Schweiz, die das Gedenkjahr dem Aargau gebracht hat; auch die zahlreichen Publikationen, die erschienen sind, helfen mit, 1415 in einem neuen Licht zu sehen – auch in der Historikerzunft.

Ist das gelungen?

Das Gedenkjahr hat sicherlich viele Diskussionen in Gang gebracht. Anfänglich war da und dort eine gewisse Skepsis zu spüren, etwa im Sinne: Gibt es einen Grund, die eigene Eroberung zu feiern? Da war meiner Meinung nach wieder etwas vom alten «Untertanendenken» zu spüren. Ich glaube aber, das Gedenkjahr hat eindrücklich gezeigt, dass es viele gute Gründe gibt, sich mit 1415 näher zu beschäftigen.

Was kostete der intensive Blick zurück?

Der Regierungsrat stellte für das kantonale Gedenkjahr insgesamt 980 000 Franken aus dem Swisslos-Fonds zur Verfügung. Dieser Betrag wird reichen – auch dank dem engagierten Einsatz aller Beteiligten.

Gedenkjahr 1415-2015 – Eröffnung mit Festakt in Zofingen:

Was haben Sie für neue Erkenntnisse gewonnen?

Ich habe festgestellt, dass es im Aargau tatsächlich ein Spannungsfeld gibt, in dem zwei Kräfte wirken: Da ist die Tendenz, vor allem das Regionale zu betonen, und konträr dazu die Gegenbewegung, die eher auf Integration der vier Regionen in den Kanton setzt. Beides hat seine Berechtigung und muss immer wieder neu verhandelt werden. Das Gedenkjahr hat dazu neue Einsichten geliefert.

Beeindruckt hat mich schliesslich, zu sehen, wie wirkungsvoll Kooperationen sind. Das Gedenkjahr wurde auch deshalb zu einem grossen Erfolg, weil zahlreiche Museen, Kulturinstitutionen und Private aus dem ganzen Kanton miteinander die verschiedenen Projekte realisiert haben, egal ob Postautoerlebnisfahrten, das Symposium an der Fachhochschule oder die «klingende Heimatkunde» im Stadtmuseum Aarau. Diese hohe Qualität der Kooperationen möchten wir weiterpflegen.

Wie hat das Gedenkjahr den Aargau verändert?

Ich würde mir wünschen, dass auch in der Schule das Thema «1415» nun einen anderen Stellenwert kriegt. Dass den Schülerinnen und Schülern erklärt wird, dass damals die Eidgenossenschaft, wie wir sie heute kennen, erst am Entstehen war und dass der Aargau massgeblichen Anteil an der dauerhaften Festigung dieses Bündnisses hatte.

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