Aargauer Obergericht
«Leichtfertig und verantwortungslos»: Kurze Gucklochfahrt gefährdet berufliche Existenz

Der Lenker eines Lieferwagens war mit völlig vereisten Scheiben unterwegs, als er von der Polizei angehalten wurde. Mit dem Strafbefehl war der Lenker gar nicht einverstanden; der Fall landete beim Obergericht.

Jörg Meier
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3000 Franken für 100 Meter Gucklochfahren schien dem Handwerker zu happig; er erhob Einsprache gegen den Strafbefehl, und so landete der Fall schliesslich vor dem Obergericht. (Symbolbild)

3000 Franken für 100 Meter Gucklochfahren schien dem Handwerker zu happig; er erhob Einsprache gegen den Strafbefehl, und so landete der Fall schliesslich vor dem Obergericht. (Symbolbild)

Mit vereisten Scheiben unterwegs zu sein, kann sehr teuer werden und sogar die berufliche Existenz gefährden. Das musste ein Handwerker erfahren, der sich an einem kalten Morgen im Januar 2016 in seinen Lieferwagen setzte und zu einem Kunden fahren wollte.

Doch er kam nicht weit. Er war kaum hundert Meter gefahren, als er auch schon von der Polizei entdeckt wurde. Was die Polizisten antrafen, schilderten sie ausführlich im Rapport: Am Lieferwagen waren sämtliche Scheiben aussen vereist, die Frontscheibe auch innen. Der Handwerker habe durch die vereisten Scheiben in keiner Weise ungehinderte Sicht auf die Strasse und das Verkehrsgeschehen gehabt.

Lediglich auf Augenhöhe habe der Ertappte bei der Frontscheibe ein Guckloch von 15 auf 30 Zentimeter freigekratzt. Sogar die beiden Aussenspiegel seien leicht vereist gewesen. Eine Reihe von Fotos bestätigten die Feststellungen der Polizisten.

Entsprechend flatterte dem Handwerker kurze Zeit später ein Strafzettel ins Haus; eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 30 Franken sollte er bezahlen, dazu die Strafbefehlsgebühr von 1200 Franken. 3000 Franken für 100 Meter Gucklochfahren schien dem Handwerker zu happig; er erhob Einsprache gegen den Strafbefehl, und so landete der Fall schliesslich vor dem Obergericht.

Alles ganz anders

Der Handwerker verteidigte sich selber. Und rasch wurde klar, warum er sich engagiert gegen den Strafbefehl wehrte: Eine Verurteilung würde wohl dazu führen, dass ihm der Fahrausweis für längere Zeit entzogen würde. Denn da sind noch zwei andere Verkehrsdelikte, und bei einem davon ist die Probezeit erst kürzlich abgelaufen.

Für seinen Job aber ist der Handwerker auf seinen Lieferwagen angewiesen; 40 000 Kilometer lege er jedes Jahr mit dem Auto zurück, sagte er dem Gericht. Das Geschäft laufe zurzeit nicht besonders gut. Und wenn jetzt auch noch das Auto wegfalle, werde es echt schwierig.

Damit das möglichst nicht passieren konnte, erklärte er, was sich seiner Meinung nach an jenem Januarmorgen abgespielt habe:

An jenem Morgen seien tatsächlich sämtliche Scheiben vereist gewesen. Also habe er, wie es sich gehört, alle Scheiben freigekratzt, ohne den Motor dabei laufen zu lassen. Erst dann sei er losgefahren. Doch sofort seien die Scheiben wieder vereist, die Frontscheibe sogar auch innen. Das passiere manchmal. Deshalb sei er bewusst langsam gefahren und habe auch nach 100 Metern, als die Sicht immer schlechter wurde, am rechten Strassenrand angehalten. Und da sei auch schon die Polizei gekommen.

«Unnötig und leichtfertig»

Der Handwerker beteuerte nochmals, dass er nicht mehr weitergefahren wäre, also nur noch bis zum Parkplatz 20 Meter weiter auf der andern Strassenseite, wo er dann seinen Lieferwagen gründlich enteist hätte. Deshalb sei der Strafbefehl unberechtigt.

Das Obergericht indes sah das anders und wies die Einsprache ab und übertrug dem Handwerker zudem noch die Kosten des Berufungsverfahrens von 2500 Franken. Für das Gericht war es erwiesen, dass er die kurze, aber riskante und verbotene «Gucklochfahrt» ausgeführt hat, so wie es die Fotos der Polizei auch belegen. Das sei, sagte Oberrichter Jann Six; der Handwerker sei mit «viel Vertrauen, aber wenig Verstand» unterwegs gewesen.

Nach diesem Urteil ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Handwerker seinen Fahrausweis für längere Zeit abgeben muss. Entscheiden wird als zuständige Behörde das Strassenverkehrsamt.