Nachteilsausgleich

Leichtere Prüfungen bei Behinderung: Wer hat Anspruch, wer nicht?

«Man muss sehr genau hinschauen, bevor man einen Nachteilsausgleich gewährt»:   Monika Brunsting in ihrer Praxis in Zumikon.

«Man muss sehr genau hinschauen, bevor man einen Nachteilsausgleich gewährt»: Monika Brunsting in ihrer Praxis in Zumikon.

Die Psychologin Monika Brunsting führt Abklärungen durch, ob zum Beispiel von Dyslexie betroffene Kinder und Jugendliche in den Genuss eines Nachteilsausgleichs bei Prüfungen kommen sollen. Sie wendet sich gegen eine leichtfertige Bewilligungspraxis.

Die Aargauer Bildungsdebatte hat ein neues Thema: den Nachteilsausgleich (NTA). Er wird Schülerinnen und Schülern mit einer Behinderung gewährt, damit sie trotz ihres Handicaps eine Prüfung bestehen können. Doch – was ist eine Behinderung, die zu einem NTA berechtigt? Allein an den aargauischen Lehrabschlussprüfungen 2015 wurden rund 100 solcher Sondergenehmigungen gewährt. Praktiker an der Front vermuten Missbrauch.

Frau Brunsting, auf welche rechtlichen Grundlagen stützt sich der Nachteilsausgleich für Schülerinnen und Schüler mit einem Handicap?

Monika Brunsting: Der oberste Grundsatz steht im Artikel 8 der Bundesverfassung. Er betrifft das Verbot der Diskriminierung aufgrund einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung. Auf der nächst unteren Stufe folgt das Behindertengleichstellungsgesetz. Es postuliert in Artikel 2 das Verbot einer Benachteiligung in der Aus- und Weiterbildung. Wichtig scheint mir: Der Nachteilsausgleich ist für die Betroffenen nie eine Erleichterung. Er ist der Ausgleich einer Benachteiligung.

So klar diese Bestimmungen sind: An Schulen kommt es zu Problemen in der Umsetzung. Bei Seh- oder Hörbehinderten ist der Fall klar. Aber es gibt offenbar Grauzonen. Und es gibt «Mode-Diagnosen». Wer definiert, wie schwer eine Behinderung sein muss, damit ein NTA gewährt wird?

Ich stelle diese Umsetzungsprobleme auch fest. Das Gesetz definiert eine Behinderung als dauerhafte Beeinträchtigung, die es erschwert oder verunmöglicht, alltägliche Verrichtungen vorzunehmen, soziale Kontakte zu pflegen, sich fortzubewegen, sich aus- und fortzubilden oder eine Erwerbstätigkeit auszuüben. Das ist ein weites Feld!

Auf welchen Schulstufen gibt es die meisten Nachteilsausgleiche?

Zurzeit auf der Sekundarstufe II mit den Mittelschulen und Berufsschulen. Auf der Primarstufe ist der NTA in vielen Kantonen noch nicht richtig angekommen.

Sie sind beruflich stark auf dem Feld der Dyslexie tätig. Menschen mit einer Dyslexie haben Probleme mit dem Lesen und/oder Rechtschreiben. Wann ist eine Dyslexie so schwer, dass sie zu einem NTA berechtigt?

Es braucht signifikante Abweichungen von den Leistungen, die aufgrund der Schulstufe, des Alters und der Intelligenz zu erwarten wären. Dazu werden umfangreiche klinisch-psychologische Abklärungen durchgeführt.

Wird auch die Neurologie herangezogen, werden Hirnaktivitäten gemessen?

Nur zu diesem Zweck selten. Es gibt keine Verfahren und Instrumente, die dazu differenziert genug wären.

Oder nehmen wir die Legasthenie. Viele Kinder lesen in der Freizeit kaum mehr, viele Lehrer beharren zu wenig aufs Üben. Vielleicht rührt die Schwäche ja daher. Oder Aufmerksamkeitsstörungen wie ADS oder ADHS – sie können auch vom dauernden Surfen und Gamen herrühren. Wie kann man Missbrauch vermeiden, verhindern, dass Nachteilsausgleiche einfach für schwache oder unkonzentrierte Schüler gesprochen werden?

Missbrauch verhindert man am besten, indem man das Abklärungsprozedere und die Abklärungs- und Bewilligungsinstanzen klar definiert. Die Abklärungen gehören in die Hände von Fachleuten, Psychologen, Logopädinnen, Ärzte. In einigen Kantonen gibt es Bestrebungen, neben Ärzten zwingend andere Fachpersonen einzuschalten, denn Ärzte sind im Allgemeinen nicht Spezialisten bei der Erfassung von Dyslexie.

Und die Bewilligungsinstanzen?

Leider existieren in den Kantonen noch grosse Unterschiede. Werden die Entscheide in einer subalternen Verwaltungsabteilung und bloss auf der Basis von Papieren und Gutachten gefällt, wird es gefährlich. Um Missbrauch zu verhindern, braucht es eine enge Zusammenarbeit zwischen Lehrpersonen, Fachstellen und Entscheidungsinstanzen in der Verwaltung.

Eine wichtige Rolle spielen auch Eltern. Sie wollen den Nachteilsausgleich für ihren Sprössling erzwingen und drohen mit dem Anwalt.

Umso wichtiger sind transparente und fundierte Kriterien und Entscheide. Wenn ein Jugendlicher in allen Bereichen punkto Fähigkeiten und Leistungen ungenügend ist, hilft auch ein Nachteilsausgleich nicht.

Es gibt noch einen potenziellen Nachteil beim Nachteilsausgleich: Wird bei einem jungen Mann an der Lehrabschlussprüfung die Rechtschreibung nicht berücksichtigt, tut man ihm damit wirklich einen Gefallen? Denn draussen im Beruf und im Leben gibt es auch keinen Nachteilsausgleich. Und der Nachteilsausgleich wird ja im Zeugnis nicht erwähnt, oder?

Nein. Aber: Wenn das Rechtschreiben für einen Bäcker oder Coiffeur nicht bewertet wird, ist das wohl nicht so schlimm, da dies nicht zu seinen Kernkompetenzen gehört. Nachteilsausgleiche gibt es nicht in den Kernkompetenzen der jeweiligen Schule oder des jeweiligen Berufs. Ich kann nicht Informatiker werden, wenn ich im logisch-mathematischen Denken nicht gut bin. Zudem gilt es zu beachten: Der NTA schraubt die Lernziele nicht hinunter. Er bringt nur Anpassungen bei den formellen Rahmenbedingungen, zum Beispiel mit einen Zeitzuschlag. Nur dank eines NTA wird niemand die Lehrabschlussprüfung bestehen. Da muss man schon auch noch tüchtig lernen – das gilt für Behinderte und für Nichtbehinderte.

Nehmen Gesuche um einen NTA vielleicht deshalb zu, weil an vielen Schulen integrativ gelernt wird, was bedeutet, dass alle Leistungsstufen in derselben Klasse vertreten sind?

Ein interessanter Gedanke… Meines Wissens wurde das noch nicht untersucht. Aber ich wiederhole: Schüler, die für eine Schulstufe oder einen Beruf nicht intelligent genug sind oder denen andere dafür zentrale Kompetenzen fehlen, können keinen Nachteilsausgleich erhalten.

Ihr Fazit – der NTA, eine gute Sache?

Im Prinzip ja. Aber wie überall kommt es auf die Anwendung des Gesetzes an. Der NTA steht in einem Bundesgesetz, an das wir uns zu halten haben, das aber immer individuell anzuwenden ist. Man muss den Nachteilsausgleich aufgrund von einheitlichen Richtlinien gewähren, aber man muss jeden Fall einzeln beurteilen. Die Gefahr des Missbrauchs steigt, wenn man nicht genau hinschaut. Im Übrigen ist es für ein abschliessendes Urteil noch zu früh. Die Erfahrungen mit dem NTA sind noch sehr jung.

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