Zukunftsplanung
Lehrstellenmarkt: «Da wird viel Energie und Geld verpufft»

Der Kanton, aber auch private Organisationen feilschen zunehmend um Angebote auf dem Lehrstellenmarkt, statt sie zu koordinieren.

Sarah Serafini
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Es bräuchte eine Stelle, welche die Angebote für Jugendliche koordiniert.

Es bräuchte eine Stelle, welche die Angebote für Jugendliche koordiniert.

Getty Images/iStockphoto

Wer nach der Volksschule eine Lehre beginnen will, steht vor einem Berg. Die Jugendlichen müssen einen Beruf wählen, Bewerbungen schreiben, sich bei potenziellen Arbeitgebern überzeugend präsentieren und den Mut nicht verlieren, wenn es auch nach dem zwanzigsten Vorstellungsgespräch nicht klappt.

Unterstützt werden die Jugendlichen in erster Linie durch ihre Lehrer in der Oberstufe. Ab dem 8. Schuljahr ist es ihre Aufgabe, die Schüler über die verschiedenen Möglichkeiten aufzuklären. Gemeinsam mit dem Beratungsdienst für Ausbildung und Beruf im Kanton Aargau, «ask!», erklären sie den Jugendlichen, welche Lehrstellen es gibt, wie man Schnupperlehren organisiert, wie Bewerbungen geschrieben werden und was die Schüler tun können, wenn sie nach dem 9. Schuljahr doch noch keine Lehre finden.

Nebst dem Beratungsdienst «ask!» drängen nun aber immer mehr Private auf den Lehrstellenmark. Eine neu eröffnete Zweigstelle einer Stiftung in Lenzburg vermittelt Lehrstellen für 4000 Franken. Auch andere Angebote versprechen Erfolg für Jugendliche, die Mühe haben, eine Anschlusslösung zu finden, in individuellen Coachingangeboten sollen Schüler lernen, wie sie sich besser verkaufen können.

Wer einmal beginnt, sich im Internet durch das Angebot an Berufsberatung, Lehrvermittlungen, Anschlusslösungen oder Mentoring-Programme zu klicken, dem schwirrt nach kurzer Zeit der Kopf. Der Dschungel an Angeboten ist unübersichtlich und verwirrend. Das kritisiert Stefan Haas vom Projekt «LPLUS». Er sagt: «Das Thema um die Anschlusslösung für junge Menschen ist eine ganze Industrie geworden. Sogar die Angebote des Kantons kämpfen um Anerkennung und Gelder.» Dabei sollte doch die Zukunft der Jugendlichen im Vordergrund stehen, findet er.

Koordinationsstelle gefordert

«LPLUS - Reduktion der Jugendarbeitslosigkeit» ist eine Non-Profit-Organisation, die eng mit der Wirtschaft zusammenarbeitet und an Schulen Berufe vorstellt, Referate organisiert oder Projekttage für Schüler vermittelt, wo sie das Bewerben üben können und in verschiedene Berufe reinschnuppern.

Haas sieht «LPLUS» nicht als Konkurrenz zum Beratungsdienst «ask!», der ein ähnliches Angebot zu Verfügung stellt. Vielmehr fände er es begrüssenswert, wenn «LPLUS mit «ask!» zusammenspannen würde. Haas versteht nicht, warum es nicht eine Stelle gibt, die sämtliche Angebote für Jugendliche koordiniert. Denn neben dem «ask!» gëbe es noch viele andere Dienste, die ihre Arbeit ebenso gut machen, sagt er. Diese reichen von Vermittlungsstellen bis zu Jugendpsychologischen Diensten. Teilweise sind es solche, die kosten, und andere, die gratis sind. «Warum sehen sich diese Angebote als Konkurrenz?», fragt er.

Reto Geissmann ist Reallehrer an der Schule Neuenhof. Er sagt, es sei nicht einfach, den Überblick über die Angebote für Jugendliche im Aargau zu behalten. Er verlasse sich aber voll und ganz auf den Beratungsdienst «ask!», mit dem er sehr zufrieden sei. Die meisten seiner Schüler fänden eine Anschlusslösung. Bei Sonderfällen sei es ab und zu ein wenig schwieriger. «Dann bin auch ich manchmal im Clinch, dass ich bei den vielen Angeboten für Brückenlösungen den Überblick behalte.»

Der Kanton finanziert den Beratungsdienst «ask!», der vorwiegend kostenlose Dienstleistungen für Lernende anbietet. Eine Koordinationsstelle für Beratungsdienste, wie sie Stefan Haas fordert, ist für Barbara Fischer von der Abteilung Berufsbildung und Mittelschule beim Kanton Aargau hingegen unnötig: «Wenn Private weitere Beratungen anbieten wollen, dürfen sie dies selbstverständlich tun. Aber eine Gesamtkoordination privater und öffentlicher Angebote durch den Kanton ist nicht notwendig», sagt sie.

Kampf um Anerkennung

Eine Koordinationsstelle zu schaffen, findet Barbara Fischer von der Abteilung Berufsbildung und Mittelschule beim Kanton Aargau unnötig. «Ich sehe nicht, warum dies unsere Aufgabe sein sollte», sagt sie. Der Kanton finanziert den Beratungsdienst «ask!» und sei damit gut aufgestellt. «Wenn Private ebenfalls auf dem Lehrstellenmarkt mitspielen wollen, dürfen sie dies, aber dass der Kanton diese Angebote koordinieren sollte, dafür sehe ich keinen Anlass», sagt sie.

Stefan Haas findet das schade: «Da verpufft viel Energie, Geld und Schaffenskraft im Kampf um Anerkennung und Berechtigung.» Unabhängig davon, ob die Angebote von Privaten oder vom Kanton seien, müsse eine Zusammenarbeit stattfinden. Zum Wohle der Jugendlichen.