Fehler im Schulwesen
Lehrerverband: «Der Kanton lässt die Lehrer vor Gericht im Stich»

Wenn ein Kind ertrinkt, stehen die verantwortlichen Lehrkräfte alleine da. Dies weil ihnen der Kanton keine verbindlichen Richtlinien zur Ausbildung und zum Unterricht gibt. Um die Empfehlungen bei Ausflügen einzuhalten, fehlt es an Geld.

Kim Ghilardi
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Eine Schulklasse unterwegs

Eine Schulklasse unterwegs

Keystone

Bei Schwimmunfällen mit Schulkindern können sich Lehrkräfte vor Gericht nicht auf kantonale Weisungen stützen, da es gar keine verbindlichen Richtlinien zur Ausbildung und zum Unterricht gibt. Geschieht ein Unglück, wie vergangenen Montag in Bremgarten, stehen die Lehrer meist alleine da.

Unfälle passieren immer

Manfred Dubach, der Chef des Aargauischen Lehrerverbands (ALV), sieht die Schuld beim Kanton: «Der Kanton lässt die Lehrkräfte aufgrund von fehlenden Weisungen vor Gericht im Stich», sagt er. Es brauche klare kantonale Weisungen, die regeln, wie der Unterricht im Wasser stattfinden soll. Auch andere Unterrichtsbereiche sind klar geregelt, was den Ablauf betrifft. Zum Beispiel ist im Werkunterricht vorgeschrieben, dass eine Werkklasse maximal 14 Kinder umfasst; sind es mehr, muss die Klasse geteilt werden. So wird sichergestellt, dass der Lehrer die

Schulen fehlen die Mittel

Um einen Ausflug mit einer Schulklasse durchzuführen, braucht es gemäss den Empfehlungen der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft für acht Kinder je eine Aufsichtsperson.

Diese Aufseher müssen aber z.B für einen Ausflug an den Fluss ein spezielles Brevet gemacht haben.

Um solche Leute aber bezahlen zu können, wird Geld benötigt, das in den Gemeindeschulen zum grossen Teil fehlt. Der Kanton will sich an solchen Kosten nicht beteiligen.

Trotzdem will man, dass die Kinder auch in der Natur Unterricht haben. Dies ist ein Missstand, der vielen Lehrkräften missfällt.

Bisher gibt es zum Unterricht im Wasser nur Empfehlungen, die aber nicht zwingend sind. «Trotz jeglicher Vorsicht kann ein Unfall nie zu 100 Prozent ausgeschlossen werden», weiss Dubach aus seiner Erfahrung als Bezirksschullehrer.

Er kennt den Unfall von Bremgarten: «Ich würde mit einer Klasse nicht in einen Fluss schwimmen gehen. Einen Ausflug an einen Fluss mit Jugendlichen dieses Alters sehe ich nicht als problematisch. Dies ist jedoch nur meine persönliche Meinung als ehemaliger Turn- und Biologielehrer.»

«Mit einem Fuss im Gefängnis»

Eine schmerzliche Erfahrung musste eine Brugger Lehrerin vor fünf Jahren machen, als bei Ihr ein 7-jähriges Kind im Schwimmunterricht ertrank. Obschon sie alles in ihrer Macht stehende getan hatte, wurde sie erst freigesprochen, nachdem der Fall bis vor Bundesgericht gekommen war. Sie fühlte sich vor Gericht ungerecht behandelt und spricht sich deshalb für die gleichen verbindlichen Richtlinien ein, die auch der ALV fordert.

In einem Interview vor zwei Monaten sagte sie gegenüber der az: «Vom Anwalt der Gegenpartei, von der Staatsanwaltschaft und vom Obergericht wurden mir Dinge vorgeworfen, die ich noch heute nicht nachvollziehen kann und die wohl kein Mensch umsetzen kann.» Die 34 Jahre alte Lehrerin glaubt seitdem, dass vor allem Schwimmlehrer im Aargau bereits mit einem Fuss im Gefängnis stehen.

Vorstoss ist nötig

Dieser Unfall in Brugg ist einer der Gründe, weshalb der ALV den Aargauer Parteien einen Vorstoss vorschlagen wird, um verbindliche Richtlinien auszuarbeiten. Ob diese Richtlinien mit den bestehenden Mitteln der Schulen durchgeführt werden können, ist laut Dubach «eine ganz andere Frage».