Sponsoring im Schulzimmer
Lehrerpräsidentin Abbassi kritisiert Firmen: «Schüler werden gezielt manipuliert»

Elisabeth Abbassi, Präsidentin des Aargauischen Lehrerverbands, sieht eine Verbindung zwischen den Sparmassnahmen des Kantons und gesponserten Unterrichtsmaterialien.

Nicola Imfeld
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Elisabeth Abbassi, Präsidentin des Aargauischen Lehrerverbandes, pocht auf eine neutrale Wissensvermittlung in den Schulen.

Elisabeth Abbassi, Präsidentin des Aargauischen Lehrerverbandes, pocht auf eine neutrale Wissensvermittlung in den Schulen.

Mario Heller

Immer mehr Lehrpersonen im Aargau integrieren gesponserte Unterrichtsmaterialien von Unternehmen und Verbänden in den Unterricht. Die kik AG aus Wettingen stellt auf der Schulplattform Kiknet etwa 180 verschiedene Module zu Themen wie «Erneuerbare Energien», «Geld» oder «Trinken» zur Verfügung.

Rund 30'000 Lehrmittel werden pro Monat kostenlos von Lehrerinnen und Lehrern über Kiknet bezogen – dass sind doppelt so viele wie noch vor acht Jahren, wie die «Schweiz am Wochenende» berichtet. Einige der gesponserten Module sind umstritten, weil Vor- und Nachteile unterschiedlich gewichtet oder unter Umständen Probleme gezielt ausgeblendet werden.

Folge der Sparmassnahmen?

Aber warum gelangen solch zweifelhafte Dokumente überhaupt auf das Pult der Schülerinnen und Schüler? «Die Lehrpersonen sind sicher nicht zu faul», stellt Elisabeth Abbassi, die Präsidentin des Aargauer Lehrerverbandes klar. «Als man im Kanton Aargau bei der Bildung sparte, beging der Grossrat einen Verfassungsbruch.» Die höchste Lehrerin des Aargaus spricht die Reduzierung des kostenlosen Deutschkurses für Fremdsprachige in der Volksschule an.

Nach Ansicht von Abbassi ist seither Artikel 62 der Bundesverfassung nicht mehr erfüllt. Dort steht unter Absatz 2 geschrieben: «Der Grundschulunterricht ist obligatorisch und untersteht staatlicher Leitung oder Aufsicht. An öffentlichen Schulen ist er unentgeltlich.» Auch dass der Werkunterricht und die Musikschule teilweise etwas kosten, findet sie problematisch.

Doch was haben die gesponserten Lehrmittel mit den Sparmassnahmen zu tun? «Weil die Finanzen immer knapper werden, steht den Lehrpersonen weniger Geld für Unterrichtsmaterial zur Verfügung», erklärt Abbassi. Das öffnet die Türen für Firmen, die mit kostenlosen Materialien auftrumpfen und bei Lehrern auf offene Ohren stossen.

Es gebe aber durchaus auch positive Aspekte: «Unternehmen, die sich für Bildung einsetzen und inhaltlich gute Unterlagen produzieren, sind bei uns jederzeit willkommen», hält die Lehrerpräsidentin fest. Auch wenn zum Beispiel der Baumeisterverband diverse Tätigkeiten vorstellen möchte, sei dies legitim und helfe den Schülern bei der späteren Berufswahl.

Schule muss neutral bleiben

Negativbeispiele wie jene von Swissmilk, Rimuss oder Pharmasuisse, die entweder gezielte Werbung oder einseitige Ansichten in ihren Kiknet-Modulen vertreten, stimmen Abbassi nachdenklich. Es sei «inakzeptabel», dass Firmen die Schüler gezielt zu manipulieren versuchten, hält Abbassi fest. Die Schule sei ein Ort der Neutralität, wo ausgewogen informiert und unterschiedliche Ansichten dargelegt werden sollten.

Dass der Dachverband der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer im vergangenen Jahr reagierte und eine Charta veröffentlichte, die auch der Aargauische Lehrerverband unterzeichnete, stimmt Elisabeth Abbassi zuversichtlich. Dies sei ein «Schritt in die richtige Richtung».

Die Aargauer Schulplattform Kiknet, die an der Ausarbeitung der Charta beteiligt war, hat sich indes noch nicht zu den Richtlinien bekannt. Dies könnte auch noch eine Weile dauern. Kiknet möchte sich kein zeitliches Limit setzen und die fehlbaren Lehrmittel überarbeiten, damit sie dann auch wirklich chartakonform sind.

UBS und Valiant bieten Lehrmittel an – NAB und AKB halten sich zurück

Lehrpersonen können auf der Aargauer Schulplattform Kiknet diverse Materialien zum Thema «Geld» herunterladen. Die UBS, die Valiant Bank und die Luzerner Kantonalbank bieten verschie-dene Module an. Die beiden grössten Aargauer Banken – die Neue Aargauer Bank (NAB) und die Aargauer Kantonalbank (AKB) – befinden sich hingegen nicht auf der Kiknet-Liste. Mischen sie trotzdem in den Aargauer Schulklassen mit?

NAB-Mediensprecher Roland Teuscher sagt, dass immer wieder Mitarbeitende als Experten den Unterricht besuchen, wenn Schüler das Thema Finanzen behandeln. «Wir sind mit über 30 Standorten im Aargau regional stark verankert. Daher kennen Mitarbeitende oft Lehrpersonen aus Vereinen oder Organisationen.» Es gehe vor allem darum, dass die Schülerinnen und Schüler einen verantwortungsbewussten Umgang mit Geld lernen. Am Ende des Unterrichts zeige man anhand des NAB-Newcomer-Kontos auf, wie man Geld sparen könne. «Aber im Mittelpunkt steht klar die Wissensvermittlung», so Teuscher weiter.

Die AKB verzichtet darauf, direkt mit Schülern in Kontakt zu treten. «Die
zunehmende Jugendverschuldung ist uns ein wichtiges Anliegen», sagt Sprecherin Ursula Diebold. Der Verband Schweizerischer Kantonalbanken, zu dem die AKB gehört, bietet mit dem Dachverband Schweizer Lehrer und Lehrerinnen die Gratis-App «Finance Mission» an. «Es handelt sich um ein Spiel für 12- bis 16-Jährige, das auf lustige Art und Weise den Umgang mit Geld vermitteln soll», sagt Diebold. Produkte der Schweizer Kantonalbanken werden im Spiel nicht beworben. (nim)