Baden
Lehrerkongress: Ins Zentrum der Lehrtätigkeit gehört der Mensch

Der zweitägige Lehrerkongress der Fachhochschule startete mit spannenden Referaten und 80 Workshops. Hauptthema am Grossanlass für gut 700 Lehrerinnen und Lehrer aus dem Kanton Aargau war eine kooperative Gestaltung des integrativen Unterrichts.

Roman Huber
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Laut Jesper Juul muss auch der Lehrer zuhören können

Laut Jesper Juul muss auch der Lehrer zuhören können

Adrian Metry

Welches sind die grossen Herausforderungen für die Schule? Mit welchen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ansprüchen wird sie konfrontiert? Was zeichnet eine zeitgemässe Schule aus? Diese zentralen Fragen standen am ersten Tag des Bildungs-Kongresses der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz im Zentrum.

Hauptthema am Grossanlass für gut 700 Lehrerinnen und Lehrer aus dem Kanton Aargau war eine kooperative Gestaltung des integrativen Unterrichts. Für die Teilnehmer gab der Kongress zudem Anlass für eine Standortbestimmung im eigenen Schulalltag. Darüber hinaus bot sich Gelegenheit zum Ideenaustausch.

Starkes Paket zum Auftakt

In der offiziellen Begrüssung unterstrichen Geri Müller, Vizeammann und Schulvorsteher der Stadt Baden, Crispino Bergamaschi, Fachhochschul-Direktor, und Regierungsrat Alex Hürzeler, Departementsvorsteher, die Bedeutung einer fortschrittlichen Bildung. Es brauche die Mittel, um die Schule so zu entwickeln, wie es die Zeit erfordere.

Der Kongress startete mit starken Referaten. Der Schweizer Zukunftsforscher Georges T. Roos bediente sich statistisch begründeter Entwicklungsprognosen, zeigte die Konsequenzen auf, die ihrerseits Rückschlüsse auf Ansprüche an eine zukunftstaugliche Bildung zuliessen. Aufgrund der demografischen Entwicklung seien genügend gut ausgebildete Arbeitskräfte notwendig, die länger erwerbstätig und darum auch gesund bleiben müssen. «Die Migration einzuschränken, würde zum Bumerang», so Roos. Die steigende Zahl gebildeter Zuwanderer sei notwendig, um das Wirtschaftswachstum zu ermöglichen, womit letztlich eine unermessliche Staatsverschuldung vermieden werden soll.

Roos verstand es, mit feinem Humor auch mahnende Worte ans Publikum zu bringen. Familienergänzende Betreuung ist für ihn allein schon aus wirtschaftlichen Gründen notwendig. Die Frauen würden denn auch in der Schweiz deutlich bessere Bildungsabschlüsse vorweisen, seien aber im Erwerbsprozess in der Unterzahl: «Ressourcenverschwendung.»

Wer ist schuld bei Misserfolgen

Die Schule müsse auf die zunehmende Medikalisierung («Ritalin als Doping») eine Antwort finden. Auch darauf, wie man Kinder lehren könne, den richtigen Umgang mit Zeit und Tempo sowie sich selbst zu finden. Die Aussichten für Lehrkräfte seien aber gut, so Roos. Vor 175 Jahren habe es für 120 Schüler eine Lehrperson gegeben, heute 3 für 20 Schüler, was statistisch bedeute, dass es bis 2060 auf einen Schüler 2,6 Lehrpersonen geben werde. So oder so müsse Bildung stets gefördert werden, auch die steigende Zahl von Tertiärausbildungen.

Von der Statistik zurück zum Menschen schwenkte Jesper Juul, dänischer Erfolgsautor und Familientherapeut. «Wenn wir nicht Erfolg haben, sind die Kinder schuld», würden laut Juul hilflose Pädagogen und Psychologen erklären. Er forderte den Paradigmawechsel im Umgang mit schwierigen Kindern und Jugendlichen. Es gehe darum zu hinterfragen, warum man diese Kinder nicht erreiche. «Die Beziehungskompetenz müsse Teil der Lehrerausbildung sein», sagte Juul. Es stelle sich darum die Frage, «was ein guter Lehrer ist».

Organisator Michele Eschelmüller, Fachhochschul-Dozent, und Mitorganisator Alex Grauwiler, Geschäftsleiter Volksschule Baden, sind über das grosse Interesse am Kongress erfreut. Sie seien überzeugt, dass hier und an den 80 Workshops an der Schule der Zukunft mitgebaut werde.