Es sind ehrliche Worte aus dem Herzen der Ausbildungsstätte. «Schon das heutige Studium erlebe ich als wenig anspruchsvoll und praxisfern», schreibt die angehende Primarlehrerin Mireille Kohler in einem Leserbrief zum Lehrermangel. Kohler wird ihr Studium an der Pädagogischen Hochschule (PH FHNW) in Brugg (AG) zwar in einem Jahr beenden, hätte sich dabei aber vor allem eines gewünscht: mehr Praxiserfahrung. Nur so könnten die angehenden Lehrer den Schulalltag meistern.

Es gibt Herausforderungen, denen man nicht im Hörsaal, sondern nur im Klassenzimmer begegnet: lange Schultage, unruhige Kinder, aufbrausende Eltern. «Mein Vorschlag ist ein Studium mit zeitgleicher Festanstellung als Lehrer», schreibt Kohler, «mit einem Coach in der Praxis.»

Mit ihrer Aussage hat Kohler einen Nerv getroffen. Das Thema wird derzeit von Erziehungsräten, Lehrern und PH-Studenten heftig diskutiert. Klar ist: Die Lehrerausbildung wird sich ändern. Aber wie? Die Rektoren der pädagogischen Hochschulen fordern in einem neuen Strategiepapier, dass alle PH-Studenten einen Masterabschluss machen sollen – auch Lehrer im Kindergarten und auf der Primarstufe. Noch mehr Theorie also. Bisher reichte ein kürzeres Bachelorstudium.

Studenten im Schulzimmer

Für PH-Studentin Kohler ist dies der falsche Weg. «Das widerspricht dem praktischen Lehrerberuf.» Sie steht mit ihrer Haltung nicht alleine da. Der Schweizer Lehrerverband (LCH), einer der wichtigsten Bildungsverbunde des Landes, pocht ebenfalls auf mehr Praxisbezug. «Wir brauchen eine berufsbegleitende Masterausbildung», sagt LCH-Präsident Beat Zemp. «Ideal wäre ein Master, der ein 50-Prozent-Pensum mit einer Klasse beinhaltet.» Die Unterrichtslektionen und Module, die heute während der Ausbildung absolviert werden, würden nicht ausreichen. «Das Studium allein macht noch keine gute Lehrperson, die ersten Jahre im Klassenzimmer sind ebenso wichtig», sagt Zemp. Learning by doing oder in diesem Fall: learning by teaching.

Die geplante Reform fällt in einen heiklen Zeitraum. Den Schulen steht eine Trendwende bevor, die besonders Lehrer treffen wird. Erstmals steigen die Schülerzahlen wieder. In den kommenden Jahren werden neue Höchstwerte erreicht. Der Bund prognostiziert bis 2025 landesweit eine Zunahme von 13 Prozent, in einigen Kantonen wie Basel-Stadt, Zürich oder Thurgau gar 20 Prozent. Alleine auf der Primarstufe werden es künftig 87'000 Kinder mehr sein als heute. Hauptgrund ist die demografische Entwicklung.

Seit Jahren warnen Schulen, Lehrer und Erziehungsdirektoren vor einem Lehrermangel. Zwar interessieren sich heute wieder viele Junge und Quereinsteiger für den Beruf, allerdings haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Lehrer das Pensionsalter erreicht. Schulleiter suchen in fast allen Stufen Nachfolger. Umso wichtiger sei es jetzt, den Lehrerberuf attraktiv zu gestalten, sind sich Bildungsforscher einig.

Jeder Fünfte hört auf

Gegen den drohenden Lehrermangel könnte ein stärkerer Praxisbezug helfen, denn ein solcher würde eines der grössten Probleme der Junglehrer lösen: den Praxisschock. Laut Bildungsbericht 2014 waren knapp 20 Prozent der Absolventen fünf Jahre nach Abschluss der Ausbildung nicht mehr als Lehrer tätig. Von einem Tag auf den anderen stehen sie in der Verantwortung. Sie sind überfordert, brennen schnell aus. Zermürbt von teils schwierigen Schülern und sich beschwerenden Eltern.

«Viele junge Lehrpersonen haben schlaflose Nächte vor den ersten Elterngesprächen», sagt Zemp. Darum plädiert er dafür, Erfahrungen und Probleme während der Berufseinführung im begleiteten Masterstudium aufzuarbeiten.

Dabei geht es um mehr als Mathematik, Naturwissenschaften und Deutsch. Lehrer müssen herausfinden, wie sie eine Klassendynamik lenken, wie sie mit anderen Kulturen umgehen oder wie sie am besten auf Mobbing reagieren. In den Klassenzimmern und Pausenhöfen gibt es oft keine politische Korrektheit. Nicht umsonst lautet eine Lebensweisheit: Kinder können grausam sein.

Doch selbst ein Master mit sehr viel Praxisbezug ist kein Allheilmittel. Die Ausbildung würde deutlich länger dauern. Viereinhalb bis fünf Jahre statt der bisherigen drei. Nationalrat Matthias Aebischer (SP/BE), der selber mehrere Jahre als Primarlehrer gearbeitet hat, glaubt, dass der Beruf dadurch weniger attraktiv für Studenten wird. «Die fünf Jahre zum Master werden viele Interessierte abschrecken.» Zwar sei eine gute Ausbildung gerade im Umgang mit kleinen Kindern wichtig, doch mit weiteren Vorlesungen sei es nicht getan. «Was nützt eine Masterarbeit im Klassenzimmer? Lehrer sind keine Wissenschaftler», sagt er. Die Praxis sei entscheidend.

In einigen Kantonen hat sich bereits Widerstand formiert. So hat der Aargauer Regierungsrat verkündet, den Master für Lehrpersonen im Kindergarten «dezidiert» abzulehnen und auf kantonaler sowie nationaler Ebene zu bekämpfen.

Der Lehrerverband stellt sich trotz der Bedenken hinter die geplante Masterausbildung. «Der Abschluss würde das Ansehen des Berufs erhöhen», sagt Präsident Zemp. Lange galt der Unterricht im Kindergarten oder in der Primarschule als weniger anspruchsvoll. Besonders Eltern, die selbst einen Masterabschluss haben, wollen sich manchmal nichts sagen lassen. «Mit einer Masterausbildung begegnen sich beide auf Augenhöhe», so Zemp. Und: Eine längere Ausbildung würde einen höheren Lohn ermöglichen und damit den Beruf attraktiver machen. Das Thema ist nicht neu. Fast jährlich fordert der Lehrerverband deutlich mehr Gehalt. Ein Master ist dabei ein gutes Argument.

Neues Konzept Ende Jahr

Das vollständige Strategiepapier der PH-Rektoren zur neuen Ausbildung wird voraussichtlich Ende Jahr vorgestellt. Bis dahin hüllen sich die Rektoren in Schweigen. Weitere Anfragen zum Thema blocken sie ab. Aktiver ist der Lehrerverband: «Nun geht es darum, den Master mit Praxiserfahrung zu kombinieren», sagt Zemp. Damit der Lehrerberuf nicht nur im Hörsaal, sondern auch im Klassenzimmer gelernt wird. Learning by teaching.