Lehrplan 21
Lehrer erhalten Beruhigungspillen zum Lehrplan 21

Rund 350 Lehrerinnen und Lehrer haben sich am Mittwochabend zur Kantonalkonferenz im Kur- und Kongresshaus Aarau getroffen. Thema war der Lehrplan 21, der nicht vor 2017 eingeführt werden soll, aber Änderungen für die Lehrer mit sich bringen wird.

Hans Fahrländer
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Rudolf Künzli: «Die Ermordung einer schönen These durch hässliche Tatsachen.» (Archiv)

Rudolf Künzli: «Die Ermordung einer schönen These durch hässliche Tatsachen.» (Archiv)

Annatina Franaszek

Die Aargauisch-kantonale Lehrerinnen- und Lehrerkonferenz (KK) ist die Zwangskörperschaft aller Lehrkräfte im Aargau – nicht zu verwechseln mit dem Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverband (alv), das ist die Lehrergewerkschaft, der man durch eigenen Entschluss beitritt.

Das Thema diesmal: Lehrplan 21 – der erste Lehrplan, der für alle deutsch- und mehrsprachigen Kantone gleichermassen gelten soll. Erarbeitet wurde er unter der Federführung der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK).

Noch bis Ende Jahr befindet er sich in der Vernehmlassung, im nächsten Herbst soll er bereinigt sein und den Kantonen zur Einführung zugeleitet werden. Der Aargau beabsichtigt gemäss Bildungsdirektor Alex Hürzeler die Einführung des LP 21 «nicht vor 2017».

Der schweizerische Lehrerdachverband LCH und weitere Lehrerorganisationen haben sich bereits kritisch zum LP 21 geäussert. Sie halten ihn für überladen, zu wenig verständlich und übersichtlich. Die aargauische Lehrerschaft wollte sich zuerst aus erster Hand informieren lassen, um sich dann ein Urteil zu bilden.

Alles wie gehabt?

Am Mittwochabend sprach zunächst Francesca Moser, Co-Projektleiterin des Lehrplans 21. Sie versuchte die Aargauer Lehrer zu beruhigen: Es ändere sich gar nicht so viel gegenüber dem heutigen Lehrplan, die Lehrplanhoheit der Kantone bleibe gewahrt, Strukturänderungen, zum Beispiel auf der Oberstufe, seien nicht vorgesehen, die Methodenfreiheit der Lehrpersonen bleibe gewahrt, die Kantone dürften die Stundentafeln und die Freifächerliste selber bestimmen und die erste Fremdsprache weiterhin selber wählen. Revolutionär am LP 21 sei einzig seine Gültigkeit für 21 Kantone.

Beat Mayer, selbstständiger (staatsunabhängiger) Berater in Bildungsfragen, widmete sich vor allem der «Kompetenzorientierung» im neuen Lehrplan und bezeichnete sie «durchaus als etwas Neues». Der LP 21 definiert nicht mehr, was die Lehrer durchnehmen müssen, sondern was die Kinder und Jugendlichen am Ende der 2., der 6. und der 9. Klasse mindestens können müssen.

Mayer ermahnte im Übrigen die kantonalen Bildungsdepartemente, der LP 21 sei «nicht zum Nulltarif» zu haben. Genügend Ressourcen sowie umfassende Beratungs- und Weiterbildungsangebote für Lehrpersonen seien unabdingbar.

Slogan, Formel, Symbol

Einen überraschenden Akzent setzte der dritte Redner: Rudolf Künzli, emeritierter Professor für Pädagogik und bis 2006 oberster Chef der Aargauer Lehrerbildung. «Gehen Sie mit dem Lehrplan unter dem Arm zum Unterricht?», fragte er rhetorisch ins Publikum. Der Lehrplan sei für Lehrpersonen «gar nicht so wichtig», wichtig sei er zur Steuerung der Schule durch Politik und Verwaltung.

Sei er erst mal eingeführt, lande der Lehrplan im Regal. Künzli wies nach, dass die «Kompetenzorientierung», die der LP 21 so hochhält, ein aktueller, international verwendeter bildungspolitischer «Slogan» sei, eine Formel, ein Symbol, kreiert ursprünglich nicht für die Schule, sondern für das lebenslange Lernen.

Wer einen Lehrplan wörtlich nehme, erlebe früher oder später «die Ermordung einer schönen These durch hässliche Tatsachen». Die Zuhörer verdankten die Ausführungen Künzlis mit anhaltendem Applaus.