Schulversuch in Niederwil

Lehrer erfinden die Schule neu – kaum noch Probleme mit Disziplin

Lehrkräfte stellten die Realschule auf den Kopf, bevor sie resignierten. Jetzt wird in Niederwil und Stetten alters- und stufendurchmischt unterrichtet. Ein Besuch in der innovativsten Schule des Aargaus.

Am Anfang stand das Chaos: eine pöbelnde Problemklasse mit demotivierten Realschülern, die statt Mathematikformeln zu büffeln die Schulzimmer mit Klebeband verunzierten. «Die Realschule war eine Problemzone», meint Mark Fry, Projektleiter des Schulversuchs, rückblickend, «wir mussten handeln, es drohten Kündigungen.»

Nach dieser Erkenntnis stellten die Niederwiler Reallehrkräfte die Schule auf den Kopf, kein Stein blieb auf dem anderen. Heute, vier Jahre später, ist das Fundament der Schule stabiler denn je. Im ländlich geprägten Niederwil, einem 2600-Seelen-Dorf im Freiamt, wurde die Schule neu erfunden.

Projekte am laufenden Band

Dienstagnachmittag, 13.30 Uhr: 34 Schülerinnen und Schüler sowie drei Lehrkräfte haben sich im Estrichzimmer des alten Realschulhauses im grossen Kreis versammelt. Auf dem Stundenplan steht das Fach «Freier Ausdruck». Jeder Schüler muss sich an diesem Nachmittag für ein selbst gewähltes Projekt entscheiden.

Die meisten der Schüler malen an einem Bildmotiv. Pascal und Markus wollen aus Papier ein Mikroskop basteln, verwerfen nach intensivem Selbststudium im Internet die Idee und bauen mit einer Linse aus einem Laserpointer ein iPhone zu einem Mikroskop um. Sie präsentieren nach zwei Stunden ihrem Lehrer Janos Eller Makroaufnahmen von Holzstücken, Jeans und Kapuzenpulli.

Unterdessen wählen Dominique und Melissa die Fotos für ihre Powerpoint-Präsentation über ihr Leben als Paar aus. Lehrer Eller definiert lediglich eine Einschränkung: «Die Bilder müssen ab 12 Jahre frei sein.» Dabei lächelt er verschmitzt.

Neben dieser lockeren, beinahe schon kollegialen Atmosphäre scheint an der Realschule Niederwil das Unternehmen Lernen zu gelingen. «In einem Jahr Realschule Niederwil habe ich mehr gelernt als in drei Jahren Sekundarschule in Deutschland», ist Schüler Dominique vom Schulmodell überzeugt.

Mathe fehlt auf Stundentafel

Ein Blick auf den Stundenplan verdeutlicht, wie anders das Modell Niederwil ist. Auf der Stundentafel sucht man vergebens Fächer wie Mathematik und Deutsch. Die Woche beginnt mit zwei Stunden «Wochenstart», in denen Schüler und Lehrpersonen gemeinsam und minutiös die Aufträge und Wochenziele festlegen.

In den vier altersdurchmischten Lerngruppen mit acht Schülern werden die Arbeitsmaterialien in 12 Lektionen aufgearbeitet. Wann was gemacht wird, entscheidet der Schüler selbst. Die Lehrpersonen vermitteln den Stoff jeweils in 20-minütigen Inputs. Die Schüler verdienen sich für die Zielerreichung Kreditpunkte für einen Kinobesuch.

Schon fast logisch, dass an der Realschule Niederwil keine typischen Klassenzimmer existieren. Die Schulzimmer erinnern eher an Büros eines KMU-Betriebes, die Schüler arbeiten an sogenannten Lerninseln. Jeder Schüler hat seinen persönlichen Arbeitsplatz mit Büchergestell; jede Lerngruppe hat zwei Tablets zur freien Verfügung.

Die vier Lerngruppen haben je einen «Chef». Gruppenleiterin Vanessa hilft einer Schulkollegin beim Verfassen des Lebenslaufes. «Es ist cool, eine Gruppe zu leiten. Man lernt, Verantwortung zu tragen», sagt Vanessa zu ihrer Aufgabe. Das Übertragen der Lernverantwortung von Lehrer zu Schüler ist der Schlüssel zum Erfolg.

«Die Rolle des Lehrers verändert sich total, wir sind zu Lerncoaches geworden. Und: Wir müssen mehr als Team funktionieren», sagt Lehrer Simon Landwehr. Zweimal pro Woche treffen sich die Lehrer zwei Stunden zur gemeinsamen Arbeit.

Durch den Teamspirit hat sich auch die Haltung der Lehrer gegenüber den Schülern verändert. «Wir sind wie eine Familie», sagt Mathematik-Lehrerin Ruth Fueglistaller, «es ist beruhigend, dass vier Lehrer gemeinsam für 35 Schüler da sind – auch beim Lösen von disziplinarischen Problemen.»

Die Leistungen der Schülerinnen und Schüler aus Niederwil sind bei standardisierten Tests zwar nicht besser als an anderen Schulen. Schulleiter Dani Burgi ist vom Modell trotzdem überzeugt. «Ich habe kaum noch Disziplinarfälle auf meinem Tisch.»

Der Schulverband Reusstal baute das Modell weiter aus. Seit diesem Schuljahr wird in Stetten nicht nur altersdurchmischt, sondern auch stufendurchmischt unterrichtet.

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