Weniger Jugendliche wollen heute eine Lehrstelle – so lautete das Resultat einer Studie des Staatssekretariats für Bildung des Bundes, die diesen Monat veröffentlicht wurde. Grund dafür sei aber nicht ein Desinteresse der Jungen an einer Lehre, sondern die allgemeine demografische Entwicklung: Seit drei Jahren verlassen immer weniger Jugendliche die Volksschule, während das Angebot an Lehrstellen stabil bleibt.

Für die Jungen ist dies nicht schlecht: Dank Angebotsüberschuss haben sie eine grössere Auswahl. «Dies fördert die Freiheit der Berufswahl, was an sich positiv ist und neue Chancen bietet», sagt Thomas Eichenberger vom «ask!», der Aargauer Beratungsstelle für Ausbildung und Beruf. Für die Unternehmen aber ist die aktuelle Situation eher ein Problem.

«Es gibt Branchen, die grosse Schwierigkeiten haben, ihre Lehrstellen zu besetzen, weil sich kaum Jugendliche für diese Berufe interessieren», sagt Thomas Eichenberger. Im Kanton Aargau seien vor allem die Bereiche Bau, Gebäudetechnik oder Metall/Maschinen betroffen (siehe Tabelle unten), also «Tätigkeiten bei denen man dreckig wird und körperlich anstrengende Arbeit ausführen muss.» Derzeit seien zudem noch einige Ausbildungsplätze im Bereich Logistik oder in einzelnen Detailhandelsbranchen vorhanden.

Quelle: Ask!/Lena

Zwei Lehrstellen hat die Bäckerei-Konditorei Gysi in Zetzwil zum Beispiel ausgeschrieben, eine Detailhandelsassistent-Stelle ist noch offen. Für Geschäftsführer Adrian Gysi liege das aber weniger an einer niedrigen Anzahl Interessenten. «Wir erhalten nicht unbedingt weniger Bewerbungen als früher. Aber aus unserer Sicht hat deren Qualität abgenommen», sagt er.

Einen geeigneten Lehrling zu finden, falle zunehmend schwer. «In unserer Branche ist es allgemein ein Problem, Fachleute zu finden. Das beginnt schon bei den Lernenden.» Dabei sei er sich bewusst: Bei den eher unattraktiven Anstellungsbedingungen mit Nachtarbeit und relativ tiefem Lohn lassen sich wenige gute Lehrlinge für den Beruf begeistern.

Gute Mathematiknoten von Vorteil

Das Problem der spärlichen Anzahl guter Bewerber kennen auch andere Branchen. Für gewisse Berufslehren werden hohe Anforderungen an die Jugendlichen gestellt wie etwa ausgezeichnete Noten in den naturwissenschaftlichen Fächern. «Es gibt Betriebe, die Mühe haben, ihre Lehrstellen zu besetzen, weil sich ungeeignete Jugendliche dafür interessieren», sagt Thomas Eichenberger vom «ask!».

Berufe wie Informatiker oder Automobilmechatroniker seien zum Beispiel betroffen. Peter Caselli von der Metall- und Stahlbau-Firma Casemont in Holderbank bestätigt: «Die schulischen Ansprüche sind hoch bei uns, vor allem im Bereich Mathematik.» Bis jetzt konnten das Unternehmen ihre Stellen aber meistens besetzen.

Überangebot im Detailhandel

520 Lehrstellen waren im Aargau gestern noch offen gemäss einer Erhebung des «ask!», rund 140 davon in den Bezirken Aarau, Lenzburg und Kulm. Ein Blick in die Stellenangebote des Internetportals Berufsberatung.ch zeigt zudem: In unserer Region werden vor allem noch Fachkräfte in den Bereichen Verkauf, Holz/Innenausbau, Gebäudetechnik und Gastgewerbe gesucht. Bei Letzterem bietet unter anderem das neue Hotel Kettenbrücke derzeit zwei Stellen an.

Auch im Swisscom-Shop am Bahnhof Aarau wurde kürzlich noch ein Lehrling gesucht. Gemäss Mediensprecherin Annina Merk handelte es sich dabei aber um eine aussergewöhnliche Nachrekrutierung. Informatik- und Kommunikationsberufe seien sonst sehr beliebt. Nur bei den Detailhandelsfachleuten sei es etwas schwieriger, Lehrlinge zu finden, sagt sie.

Laut dem Lehrstellennachweis des Kantons waren im Mai noch sehr viele Stellen im Bereich Verkauf offen. Einige wurden inzwischen besetzt. Sonst sei die aktuelle Situation vergleichbar mit jener der beiden Vorjahren. «Aus Sicht des Kantons hat sich die Lage nicht wesentlich verändert», sagt Simone Strub Larcher vom Departement Bildung, Kultur und Sport.

Wird Jugendlichen abgeraten, sich für gewisse Stellen zu bewerben, weil die Aussichten im Arbeitsmarkt schlecht sind? «Nein, das wäre falsch», sagt Thomas Eichenberger vom «ask!». Eine Berufswahl sei viel komplexer, der Arbeitsmarkt zudem ständig im Wandel. Grundlegend für eine erfolgreiche Lehre sei eine grosse Motivation der Lehrlinge «und dass sie ihr Potenzial erkennen und nutzen».