Atomkraftwerke

Legionellen trotzen den Kernkraftwerken

Im September 2012 wurde der Kühlturm des KKW Leibstadt komplett saniert und schon damals das Kühlsystem gewechselt. Chris Iseli

Im September 2012 wurde der Kühlturm des KKW Leibstadt komplett saniert und schon damals das Kühlsystem gewechselt. Chris Iseli

Das Kernkraftwerk Leibstadt will die gefährlichen Legionellen im Kühlwasser neu mit Chlordioxid bekämpfen. Der Antrag für eine Bewilligung ist eingereicht. Chlordioxid wird auch in Frei- und Hallenbädern zur Desinfektion eingesetzt.

Seit zwei Jahren kämpft das Kernkraftwerk Leibstadt (KKL) gegen Legionellen im Kühlwasser der Anlage, die ein Risiko für Mitarbeitende und Anwohner darstellen. Die gefährlichen Bakterien können die Legionärskrankheit auslösen, eine Lungenentzündung, die einen lebensgefährlichen Verlauf nehmen kann.

Die Legionellen werden in der Regel so übertragen, dass infizierte Wassertröpfchen eingeatmet werden.

Mit einem «einmaligen Einsatz»von Javelwasser (Natriumhypochlorit) und einem weiteren Biozid hoffte das KKL Ende Juni 2011, das Problem einer massiv hohen Konzentration von Legionellen im Kühlwasser auf einen Schlag zu lösen.

Doch heute ist keine Rede mehr davon, die Bakterien zu vernichten. «Man kann Legionellen nicht ‹ausmerzen›, sondern nur mit geeigneten Mitteln die Keimzahl tief halten», sagt KKL-Sprecherin Andrea Portmann.

Seither beanspruchte das KKL mehrere Verlängerungen der Bewilligung des Eidgenössischen Nuklearinspektorats (Ensi), die Legionellen mit dem Desinfektionsmittel Javelwasser zu bekämpfen. Der Erfolg ist bescheiden.

Immerhin, sagt Portmann, habe die ursprüngliche Legionellen-Keimzahl markant abgenommen, was auch auf den Ersatz von alten Kühlturmeinbauten durch neue aus Kunststoff zurückzuführen sei.

Verlangen nach umweltfreundlichere Methode

Da das Kühlwassernach der Behandlung mit Javelwasser in den Rhein abgelassen wird, verlangen Umweltschützer seit langem eine effizientere und umweltfreundlichere Methode.

Das KKL hat jetzt beim Ensi einen Antrag auf Freigabe von Chlordioxid als Desinfektionsmittel gegen Legionellen eingereicht. Dies bestätigt Ensi-Sprecher Sebastian Hueber diese Woche gegenüber der «Schweiz am Sonntag».

Chlordioxid ist wie Javelwasser ein Biozid. Die chemische Verbindung wird auch in Frei- und Hallenbädern zur Desinfektion eingesetzt. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) hält Chlordioxid bei den im Kühlwasser vorliegenden Bedingungen für «deutlich effizienter»: «Während bei Hypochlorit (Javelwasser) nur zehn Prozent der eingesetzten Biozidmenge wirksam sind, sind es bei Chlordioxid mit zirka 70 Prozent deutlich mehr.»

Zudem würden bei der Behandlung mit Chlordioxid deutlich weniger absorbierbare organische Halogenverbindungen (AOX) gebildet. Daher resultiere eine geringere Gewässerbelastung.

Ein offener Punkt sei jedoch das Abbauprodukt Chlorit, das für Wasserlebewesen ein Risiko darstellen könne. Das KKL analysiere dies jetzt und überprüfe Wege, um die Chloritbildung möglichst zu vermeiden, erklärt das Bafu.

Kanton Aargau begrüsst Wechsel

Das Departement Bau, Verkehr und Umwelt des Kantons Aargau begrüsst den Wechsel auf Chlordioxid. «Verglichen mit Javelwasser ist damit eine geringere Belastung des Rheins verbunden», sagt Abteilungsleiter Philippe Baltzer.

Das Basler Amt für Umwelt und Energie stimmt zu. Chlordioxid sei ein erprobtes Desinfektionsmittel, sagt Paul Svoboda, Leiter Gewässerschutz.

Wenn die zuständigen Behörden zustimmten und die Vorgaben der Gewässerschutzverordnung eingehalten würden, seien die Ablassungen des behandelten Kühlwassers aus Leibstadt für Rheinschwimmer kein Problem, betont Svoboda.

Als verfahrensleitende Behörde entscheidet das Ensi nach Rücksprache mit den Fachstellen betroffener Kantone und des Bundes (Bafu, Bundesamt für Gesundheit) über den Chlordioxid-Antrag aus Leibstadt.

Bis zum 2. September läuft noch die befristete Bewilligung für Javelwasser. Das KKL desinfiziert laut Sprecherin Portmann monatlich mit maximal 260 Kilo Javel ein Kühlwasservolumen von 20 000 Kubikmetern bei geschlossener Abflut.

Erst wenn die Konzentration des Natriumhypochlorits unter den Grenzwert gefallen sei, werde die Abflut geöffnet. Die Konzentration bei der Einleitung betrage weniger als 0,05mg/l. Die Zusatzbelastung des Rheins sei gering, sagt Baltzer von der Aargauer Abteilung für Umwelt. Mit Chlordioxid sollte sie jedoch noch geringer werden.

Gösgen setzt auf Javelwasser

Das Kernkraftwerk Gösgen (KKG) an der Aare setzt weiter auf Javelwasser. «Reduzierte Keimzahlen von Legionellen» seien aber weiterhin nachweisbar, heisst es auf Anfrage in Gösgen.

Im Frühjahr habe das KKG, begleitet vom solothurnischen Amt für Umwelt, versuchsweise Chlordioxid eingesetzt. Die Auswertung des Versuchs sei aber noch nicht abgeschlossen.

Erste Erkenntnisse zeigten die Wirksamkeit von Chlordioxid. «Zum jetzigen Zeitpunkt möchten wir diese Option nicht ausschliessen», sagt KKG-Sprecher Buno Elmiger.

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