Freispruch gefordert

Lebensgefahr für Prostituierte: Aargauer würgt sie bis zur Bewusstlosigkeit, hält sich aber für normal

Prostituierten-Schläger in Baden vor Gericht

So berichtete TeleM1 über den Prostituierten-Schläger vor dem Bezirksgericht Baden (6. Juni 2018)

Das Bundesgericht bestätigt die stationäre therapeutische Massnahme für einen 32-Jährigen, der im Kanton Aargau zwei Prostituierte gewürgt hat.

Die beiden Frauen würgte er, bis sie bewusstlos waren. Die Opfer befanden sich in Lebensgefahr, die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn war unterbrochen. Anfang September 2016 hatte der heute 32-Jährige innert weniger Tage zwei Prostituierte attackiert. Knapp zwei Jahre später sprach das Bezirksgericht Baden den Mann in allen zehn Anklagepunkten – darunter versuchte Vergewaltigung sowie mehrfache Gefährdung des Lebens – schuldig und verurteilte ihn zu vier Jahren Freiheitsstrafe, die allerdings zugunsten einer stationären therapeutischen Massnahme aufgeschoben wurde.

Vor dem Aargauer Obergericht erreichte der Beschuldigte zwar eine Reduktion der Freiheitsstrafe um ein halbes Jahr, damit war er aber offenbar nicht einverstanden. Wie «Tele M1» damals berichtete, erhob er sich während der Urteilsverkündung und spuckte in Richtung der Oberrichter. Bereits während des Strafverfahrens hatte der Mann einen Polizisten angespuckt und geschlagen, weshalb er auch wegen Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte sowie Beschimpfung verurteilt wurde.

Vergleich mit Streit auf Pausenplatz

Vor Bundesgericht wiederholte der Beschuldigte seine Forderung nach einem Freispruch, wie das jüngst veröffentlichte Urteil zeigt. Unter anderem versuchte er, den Angriff auf sein erstes Opfer zu verharmlosen. Den Vorwurf, er habe die Frau mit dem von ihm mitgebrachten Taser wehrlos machen und vergewaltigen wollen, weist er von sich. Und auch von einer Lebensgefahr will er nichts wissen. Er habe sie nur kurz in den Schwitzkasten genommen, um sich zu wehren und sie auf Distanz zu halten. Er bestreitet die Bewusstlosigkeit – sie sei wohl «lediglich belämmert» gewesen – und zieht einen Vergleich zu einer Auseinandersetzung auf dem Pausenplatz, bei der es darum gehe, sich aus einer misslichen Lage zu befreien oder einen Gegenstand zu erhalten.

Von diesen Argumenten lassen sich die beiden Bundesrichterinnen und der Bundesrichter nicht überzeugen. Sie bestätigen die Einschätzung des Obergerichts, wonach die Aussagen der Frau glaubhaft, jene des Beschuldigten hingegen als Schutzbehauptungen zu werten seien. Für sie steht demnach fest, dass der Mann vor der ersten Würgeattacke unter falschem Namen einen Termin mit der Prostituierten vereinbart hat. Weil sie sich heftig wehrte, scheiterte der Plan, das Opfer mit dem mitgebrachten Elektroschockgerät wehrlos zu machen und zu vergewaltigen.

Nachdem sie aus der Wohnung hatte fliehen und einen Nachbarn zur Alarmierung der Polizei auffordern können, griff der Beschuldigte die Frau erneut an, würgte sie und liess sie bewusstlos zurück. Das Bundesgericht kommt zum Schluss, der Mann habe skrupellos gehandelt und seinem Opfer absichtlich die Luft abgeschnürt. «Nach dem Gutachten lassen sich die Indizien für das Vorliegen eines lebensgefährlichen Zustands durch einen Unterarmwürgegriff interpretieren.» Die Verurteilung wegen Gefährdung des Lebens wird daher genauso bestätigt wie die übrigen Schuldsprüche.

Beschuldigter hält sich für gesund

Auch die Anordnung der stationären therapeutischen Massnahme für psychisch schwer gestörte Täter wollte der Beschuldigte vor der obersten Instanz abwenden. Er sei absolut gesund, eine Krankheit könne er ausschliessen. Dem Gutachter wirft er vor, den Sachverhalt zu interpretieren und somit seine Kompetenz zu überschreiten. Nach dem Grundsatz «im Zweifel für den Angeklagten» müsse bei ihm von keiner verminderten Schuldfähigkeit ausgegangen werden.

Einwände, die von den obersten Richtern zurückgewiesen werden. Sie beziehen sich auf die Erkenntnisse des Zweitgutachters, der von einer überdurchschnittlichen Rückfallgefahr für sexuell motivierte Straftaten und eher leichte Gewalt- und Aggressionsdelikte ausgeht. Die Massnahme ist nach Ansicht des Bundesgerichts zu Recht angeordnet worden; die Beschwerde des Beschuldigten wird abgewiesen. 

Bundesgerichtsurteil 6B_52/2020 vom 20. Mai 2020

Autor

Manuel Bühlmann

Manuel  Bühlmann

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