Networking
«Längerfristig ist die digitale Vernetzung höchst beunruhigend»

Das 10. Wirtschaftssymposium Aargau lockte am Mittwoch rund 400 Gäste an. Kommunikationsspezialist Roman Maria Koidl hielt ein Plädoyer für mehr Datensparsamkeit: Langfristig sei die digitale Vernetzung

Peter Brühwiler
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Roman Maria Koidl (rechts) im Gespräch mit «Tagesschau»-Moderator Franz Fischlin.

Roman Maria Koidl (rechts) im Gespräch mit «Tagesschau»-Moderator Franz Fischlin.

Alex Spichale

Was die Grösse des Netzwerks anbelangt, können Thomas Borer wohl nur wenige das Wasser reichen. Er habe etwa 10'000 Namen auf der Kontaktliste, «die ich kenne und anrufen könnte», sagte der ehemalige Schweizer Botschafter am Mittwoch am Wirtschaftssymposium Aargau, das unter dem Motto «vernetzt denken, vernetzt wirtschaften, vernetzt leben» stand.

Als Lobbyist vertritt Borer die Interessen von Unternehmen gegenüber staatlichen Behörden. Wie das am besten geht? «Bei Politikern, unabhängig von der Parteizugehörigkeit, hilft Alkohol meistens», meinte er augenzwinkernd.

Politiker waren unter den rund 400 Symposiumteilnehmern im Kultur- und Kongresshaus Aarau zwar nur wenige zu finden. Aber zumindest für Alkohol war gesorgt.

Bevor es zum Networking beim Apéro riche überging, standen allerdings noch einige interessante Referate auf dem Programm. Den Anfang machte der Hamburger Ökonom Thomas Straubhaar mit einer optimistischen Botschaft an die versammelte Wirtschaftselite. Er sei überzeugt, «dass die Schweiz alle Qualitäten hat, die erforderlich sind in dieser vernetzten Welt».

Thomas Straubhaar hat eine optimistische Botschaft an die Wirtschaftselite.

Thomas Straubhaar hat eine optimistische Botschaft an die Wirtschaftselite.

Alex Spichale

Laut Straubhaar ist es gerade die Vernetzung, die kleinen Ländern wie der Schweiz den wirtschaftlichen Erfolg überhaupt ermöglichte. Denn hätten Schweizer Unternehmen nur den kleinen Heimmarkt, würden hohe Fixkosten viel stärker auf die Stückkosten durchschlagen. Dadurch, dass sie den ganzen Weltmarkt bedienen können, sei «die Macht der kleinen Länder gleich gross wie die Macht der Grossen».

«Die Macht der Grossen» sprach auch Kommunikationsspezialist Roman Maria Koidl an, allerdings in einem anderen Zusammenhang. Die «Grossen» sind in seinem Fall Facebook, Google und Co. Diese bilden laut Koidl eine unheilvolle Allianz mit Politikern, die die digitale Welt nicht wirklich verstehen und der Datensammelwut der Konzerne deshalb keine Schranken setzen.

Koidl hielt ein Plädoyer für mehr «Datensparsamkeit» — «wir werden das lernen, wie wir das Energiesparen gelernt haben.» Kurzfristig möge der Grad an digitaler Vernetzung zwar eine sehr erfreuliche Entwicklung sein; «aber längerfristig ist sie höchst beunruhigend».

Bereits heute gebe es Unternehmen, die durch die Analyse von Facebook-Profilen die Kreditwürdigkeit ermittelten. Das Resultat: «Wer die falschen Facebook-Freunde hat, erhält keinen Kredit.» Apéro riche gab es dann wie gesagt für alle. Und für Gesprächsstoff war auch gesorgt.

Das sagen prominente Symposiumbesucher zur digitale Vernetzung:

Jolanda Urech: «Die Basis für den Erfolg, auch in der Politik» «Ein gutes Netzwerk ist die Basis für den Erfolg, auch in der Politik. Für ein gutes Netzwerk braucht es Vertrauen, und das bekommt man nur im direkten Austausch, wenn man etwas zusammen gestaltet. Wenn das Vertrauen mal da ist, kann Facebook durchaus hilfreich sein, ich selber nutze es aber sehr zurückhaltend.»

Jolanda Urech: «Die Basis für den Erfolg, auch in der Politik» «Ein gutes Netzwerk ist die Basis für den Erfolg, auch in der Politik. Für ein gutes Netzwerk braucht es Vertrauen, und das bekommt man nur im direkten Austausch, wenn man etwas zusammen gestaltet. Wenn das Vertrauen mal da ist, kann Facebook durchaus hilfreich sein, ich selber nutze es aber sehr zurückhaltend.»

Alex Spichale
Luigi Pedrocchi, CEO Mibelle Group: «Verspüre keinen Druck, ein soziales Profil anzulegen» «Ich bin kein Fan von sozialen Netzwerken, habe kein digitales Profil und verspüre auch überhaupt keinen Druck, ein solches anzulegen. Der Glaube, dass Vitamin B und ein möglichst grosses Netzwerk eine Karriere zwingend weiterbringen, ist sowieso Quatsch. Viel wichtiger ist ein sauberer Leistungsausweis.»

Luigi Pedrocchi, CEO Mibelle Group: «Verspüre keinen Druck, ein soziales Profil anzulegen» «Ich bin kein Fan von sozialen Netzwerken, habe kein digitales Profil und verspüre auch überhaupt keinen Druck, ein solches anzulegen. Der Glaube, dass Vitamin B und ein möglichst grosses Netzwerk eine Karriere zwingend weiterbringen, ist sowieso Quatsch. Viel wichtiger ist ein sauberer Leistungsausweis.»

Alex Spichale
Martin Perini, CEO der S & W Werbeagentur: «Vernetzung findet statt, wenn man sich trifft» «Die digitale und die analoge Vernetzung gehören zusammen. Ich nutze Linkedin, Xing und Facebook primär für Geschäftliches und pro Woche vielleicht eine halbe Stunde privat. Soziale Medien alleine genügen aber ganz sicher nicht: Richtige Vernetzung findet erst statt, wenn man sich trifft.»

Martin Perini, CEO der S & W Werbeagentur: «Vernetzung findet statt, wenn man sich trifft» «Die digitale und die analoge Vernetzung gehören zusammen. Ich nutze Linkedin, Xing und Facebook primär für Geschäftliches und pro Woche vielleicht eine halbe Stunde privat. Soziale Medien alleine genügen aber ganz sicher nicht: Richtige Vernetzung findet erst statt, wenn man sich trifft.»

Alex Spichale
Guido A. Zäch, Paraplegiker-Stiftung: «Ich nutze Facebook selber sehr stark» «Vernetzung ist lebensnotwendig und ich nutze soziale Medien, vor allem Facebook, selber sehr stark. Man muss sich aber auch in der digi- talen Welt mit dem Gegenüber befassen. Sonst besteht die Gefahr, dass man nur noch nach aussen kommuniziert und sich selber nicht mehr findet.»

Guido A. Zäch, Paraplegiker-Stiftung: «Ich nutze Facebook selber sehr stark» «Vernetzung ist lebensnotwendig und ich nutze soziale Medien, vor allem Facebook, selber sehr stark. Man muss sich aber auch in der digi- talen Welt mit dem Gegenüber befassen. Sonst besteht die Gefahr, dass man nur noch nach aussen kommuniziert und sich selber nicht mehr findet.»

Alex Spichale
Philipp Keller, Direktor Hirslanden-Klinik. «Ich bin im Rotary-Club und schätze dort die hohe Verbindlichkeit, also dass man sich in regelmässigen Zeitabständen miteinander austauscht. Soziale Medien nutze ich nur passiv und sehr zurückhaltend. Interessant finde ich die Möglichkeit, zu sehen, was Leute heute machen, die ich noch von früher her kenne.»

Philipp Keller, Direktor Hirslanden-Klinik. «Ich bin im Rotary-Club und schätze dort die hohe Verbindlichkeit, also dass man sich in regelmässigen Zeitabständen miteinander austauscht. Soziale Medien nutze ich nur passiv und sehr zurückhaltend. Interessant finde ich die Möglichkeit, zu sehen, was Leute heute machen, die ich noch von früher her kenne.»

Alex Spichale
Ingrid Deltenre, Leiterin EBU: «Ein digitales Netzwerk ist nicht tragfähig» «In digitalen Netzwerken ist es gerade als exponierte Person natürlich sehr einfach, in kurzer Zeit Tausende von Freunden zu gewinnen. Ich habe das Bedürfnis, schnell sehr viele Leute zu erreichen, nicht und nutze Linkedin wenig und Facebook gar nicht aktiv. Tragfähig ist sowieso nur ein Netzwerk aus persönlichen Beziehungen.»

Ingrid Deltenre, Leiterin EBU: «Ein digitales Netzwerk ist nicht tragfähig» «In digitalen Netzwerken ist es gerade als exponierte Person natürlich sehr einfach, in kurzer Zeit Tausende von Freunden zu gewinnen. Ich habe das Bedürfnis, schnell sehr viele Leute zu erreichen, nicht und nutze Linkedin wenig und Facebook gar nicht aktiv. Tragfähig ist sowieso nur ein Netzwerk aus persönlichen Beziehungen.»

Alex Spichale