Interview

Landammann Markus Dieth über drohende Steuerausfälle, Franziska Roth – und das Image des Aargaus

Landammann Markus Dieth mit Hündin Gina auf seiner Bank auf der Lägern: «Die Zeit nach Franziska Roth, nur noch in einem Vierergremium, war betreffend Aufgabenmenge schon herausfordernd.»

Landammann Markus Dieth mit Hündin Gina auf seiner Bank auf der Lägern: «Die Zeit nach Franziska Roth, nur noch in einem Vierergremium, war betreffend Aufgabenmenge schon herausfordernd.»

Finanzdirektor Markus Dieth ist Landammann 2020. Wir sprachen mit ihm über die Zusatzbelastung, seine Fahrgemeinschaft mit Stephan Attiger, Eishockey, Franziska Roth und drohende Steuerausfälle, falls der Grosse Rat die Abzüge für Krankenkassenprämien markant erhöht und die Unternehmenssteuern senkt.

Herzliche Gratulation, Herr Dieth, zum Landammann für 2020. Sind Sie nervös?

Markus Dieth: Nein, das nicht. Das Amt erfüllt mich mit Freude, und ich gehe es mit grossem Respekt an. Ich bin gespannt auf die kommenden Herausforderungen. Als Landammann leite ich die Regierungssitzungen und vertrete den Kanton Aargau bei Repräsentationsanlässen, was ich sehr gern mache.

Die Regierung ist jetzt für ein Jahr ein reines Männergremium. Bedauern Sie das?

Es spielt für mich keine Rolle, ob ein Mann oder eine Frau Regierungsrat oder Regierungsrätin ist. Wir sind der Sache verpflichtet.

Frauen gehen aber manche Dinge anders an als Männer.

In den Departementen sind an wichtigen Schaltstellen viele Frauen an der Vorbereitung der Geschäfte beteiligt. In der Geschäftsleitung meines Departements sind sie sogar in der Mehrheit. Ich bin stolz, dass ich mit Patricia Kettner die erste Generalsekretärin seit der Gründung des Kantons Aargau 1803 gewählt habe.

Sie werden jetzt zu noch mehr Anlässen eingeladen. Haben Sie sich zu Hause vorsorglich bis 31. Dezember 2020 abgemeldet?

Nein, es ändert sich nicht so viel. Meine Agenda ist heute schon prall gefüllt. Es wird aber eine noch grössere Herausforderung, mir Zeitfenster für meine Familie und für unsere Freunde freizuhalten. Das Privatleben sollte eigentlich spontan laufen, aber wenn ich es nicht plane und so auch Freundschaften pflege, hätte ich keins mehr.

Muss denn Ihre Frau einen Termin abmachen, oder an eine Veranstaltung kommen, um Sie zu sehen?

Nein, das muss sie nicht! Meine Frau begleitet mich gerne an Anlässe. Ich weise sie jeweils rechtzeitig auf die­jenigen hin, die sie besonders interessieren dürften. Wir haben zwei erwachsene Töchter. Am schwierigsten ist es inzwischen, gemeinsame Ferien zu planen.

Klappt das überhaupt noch?

Letzten Sommer hat es geklappt. Da waren meine Frau, unsere 19 und 21 Jahre alten Töchter und ich gemeinsam für eine wunderschöne Zeit in Frankreich. Ganz wichtig ist natürlich, den Hochzeitstag nicht zu vergessen.

Markus Dieth mit seiner Frau Desirée Dieth.

Markus Dieth mit seiner Frau Desirée Dieth.

Hat da Ihr Sekretariat einen Erinnerungsauftrag?

Um Himmels willen, nein! Das steht auch nicht im Kalender. Diesen Tag vergesse ich nicht.

Sie waren vorher Gemeinde­ammann von Wettingen, wohnen immer noch dort. Pendeln Sie mit dem Auto zur Arbeit?

Ja, zur Arbeit fahre ich meistens mit meinem Privatauto. Ab und zu fahren Stephan Attiger und ich auch gemeinsam mit dem Staatswagen.

Sie bilden eine Fahrgemeinschaft?

Ja. Auf der Fahrt über die Autobahn nach Aarau können wir jeweils schon erste Themen besprechen.

Sie werden im Stau auch genug Zeit dafür haben.

Ich fahre meist um 6.15 Uhr los, da herrscht noch kein Stau. Abends allerdings, wenn es bei Terminen und Veranstaltungen spät wird, bin ich dankbar, wenn ich manchmal auch den Staatswagen nutzen kann.

Sie sind der einzige Finanzdirektor, der tatsächlich eine eigene Bank hat. Auf unserem Bild sitzen Sie gerade darauf. Wie kam es dazu?

Ich bin zum Ehrenortsbürger von Wettingen ernannt worden, was mich sehr stolz macht. Die Bank oben auf der ­Lägern bekam ich zum Abschluss als Gemeindeammann und Verleihung des Ehrenortsbürgerrechts geschenkt. Ich bin am Wochenende mit meiner Frau oder auch allein oft und gern auf der Lägern unterwegs. Am frühen Morgen trifft man mich auch mit unserer Hündin Gina an, falls sie schon mag. Sie ist da für einen Hund vielleicht etwas untypisch und schläft lieber etwas länger.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie von der Lägern aufs pulsierende und wachsende Limmattal hinunter schauen?

Zuallererst ist Wettingen auch von oben wunderschön, und das Limmattal ist eine der am dichtesten besiedelten Gegenden der Schweiz. Die Menschen leben entlang gut erschlossener Verkehrsachsen. Es ist aber auch richtig, dass wir gemäss neuem Raumplanungsgesetz klar festlegen, wo man bauen darf. Ein Musterbeispiel dafür ist das Gebiet Tägerhard. Hier ist der Entwicklungsschwerpunkt für Wettingen festgelegt worden.

Deshalb soll auch die Limmattalbahn dort durchführen?

Ja, heute planen wir den Raum vorausschauender als früher. Einst wurde einfach gebaut, und wir hinkten mit der Verkehrsinfrastruktur hinterher. Ich finde die Limmattalbahn eine gute ­Lösung für die ergänzende Feinerschliessung, auch wenn es bei der Linienführung noch offene Fragen gibt.

Halten Sie auf der Bank auch mal Ausschau nach den Bündner Bergen, wo Sie aufgewachsen sind?

Mit etwas Fantasie sieht man sie sogar von meinem Arbeitsplatz im Tellihochhaus in Aarau aus. Spass beiseite: Ich bin heute mehr Aargauer als Bündner.

Den Spengler-Cup in Davos haben Sie sich aber gewiss nicht entgehen lassen?

Da haben Sie recht. Ich war auch diesmal dort. Ich schaue mir jedes Jahr ein oder zwei Spiele an, durchaus auch mal ein Meisterschaftsspiel des HC Davos. Das ist für mich wie ein Stück Heimat. Ich habe schöne Kindheitserinnerungen, sass mit meinem Vater schon auf der Tribüne, als sie noch nicht überdacht war.

Das Wetter hat aber gewiss nicht immer mitgemacht.

Bei starkem Schneefall wurde das Spiel schon mal unterbrochen, und ich durfte mit meinem Vater einen Sirup trinken gehen, während das Eisfeld vom Schnee geräumt wurde.

Was fasziniert Sie so am Eis­hockey?

Die hohe Geschwindigkeit des Spiels, die Möglichkeit für unglaublich viele, spannende Spielzüge in kürzester Zeit. Es ist zudem eine Mannschaftssportart, in der man besonders gut zusammenwirken, vorausdenken und schnell reagieren muss, wenn man gewinnen will.

Fussball ist nicht ganz so temporeich, aber auch spannend?

Ja gewiss, ich war früher selbst ein Aktiver beim FC Davos. Ich bin heute noch an Spielen des FC Wettingen anzutreffen. Seinerzeit als Bub habe ich zu Besuch bei meinen Verwandten in Wettingen sogar noch seine glorreichen europäischen Zeiten miterlebt. Glauben Sie mir, da herrschte Rambazamba auf der Altenburg. Ich bin über Spieler und ihre Eltern auch heute noch sehr mit dem FCW verbunden.

Hier war Markus Dieth Gastgeber.

Hier war Markus Dieth Gastgeber.

Wie wichtig ist für Sie, dass der FC Aarau ein Superleague-taugliches Stadion bekommt?

Aarau hat das Potenzial für die Superleague. Ich hoffe natürlich, dass dereinst auch Wettingen wieder dort ist… Aber zurück zu Aarau: Es braucht eine zeitgemässe Stadioninfrastruktur. Ich bin zuversichtlich, dass das Projekt, so wie es von der Bevölkerung gutgeheissen worden ist, zum Fliegen kommt.

Wie steht es aus Ihrer Sicht um das Image des Aargaus?

Der Aargau ist ein vielfältiger und starker Kanton, und so wird er heute auch wahrgenommen. Denken Sie nur an all die Forschungseinrichtungen auf höchstem Niveau, ans PSI, an den im Entstehen begriffenen Park Inno­vaare, an die Weltfirmen und die vielen Zulieferer, den Fachhochschul­campus, die vielen Start-ups und andere mehr. Der Aargau liegt verkehrsmässig sehr günstig, ist hervorragend erschlossen und ein verlässlicher Wirtschaftskanton. Die stetige Zuwanderung bestätigt seine hohe Attraktivität auch als Wohnstandort.

Dazu im Widerspruch steht aber der jährlich wachsende Finanzausgleich für den Aargau.

Dieser Betrag steigt für 2020 tatsächlich erneut. Dies noch auf der Berechnungsbasis von 2014 bis 2016, als es dem Aargau finanziell schlecht ging. Er erholt sich aber stark. Bald werden die besseren Jahre eingerechnet, dann sinken die Finanzausgleichsbeträge wieder. Der Finanzausgleich ist ein hervorragendes Instrument für den Ausgleich zwischen den Kantonen und innerhalb der Kantone zwischen den Gemeinden. Er funktioniert gut und gehört zu unserem föderalistischen System.

Im September hat der Grosse Rat die kantonale Firmenbesteuerung angepasst, damit der Aargau für Unternehmen attraktiv bleibt. Jetzt wollen SVP, FDP und CVP das Paket schon wieder aufschnüren. Was halten Sie davon?

Die drei Fraktionen haben ein Postulat eingereicht, wonach die Regierung prüfen und aufzeigen soll, ob es Möglichkeiten gibt, den Gewinnsteuersatz auf einen Durchschnittswert der vergleichbaren Nachbarkantone zu senken. Die Regierung macht im Frühling ohnehin eine grosse finanzpolitische Auslegeordnung. Wir müssen auch prüfen, was es für den Aargau bedeuten könnte, falls die OECD die Firmenbesteuerungsregeln grundlegend ändern sollte.

Aber ist es nicht sehr ungewöhnlich, ein Gesetz schon zu hinter­fragen, bevor es überhaupt in Kraft ist?

Dass die Fraktionen jetzt kommen, kann ich nachvollziehen. Das Parlament hat ja eine nächste Steuergesetzrevision auf das Jahr 2022 bereits in Auftrag gegeben. Der Regierungsrat wird dann prüfen, wie er mit diesem Vorstoss umgehen will und welche Empfehlung er dem Parlament abgibt. Es wird um eine Auslegeordnung gehen und dies im Zusammenhang mit der im Raum stehenden finanzpolitischen Langzeitperspektive.

Haben Sie zusammengerechnet, was all die neuen Wünsche aus dem Grossen Rat kosten könnten?

Sollten wir den Krankenkassenprämienabzug um 50 Prozent erhöhen, kostet dies Kanton und Gemeinden je 50 Millionen Franken jährlich. Eine Senkung der Firmengewinnsteuer um ein Prozent entspricht Mindereinnahmen von rund 30 Millionen Franken. Die im Bund diskutierte Abschaffung der Heiratsstrafe würde rund 20 Millionen Franken kosten, die Abschaffung des Eigenmietwerts in der heute vorgesehenen Ausgestaltung rund 100 Millionen Franken.

Alles zusammen würde den Kanton also weit über 200 Millionen Franken kosten?

Falls alles kommt, ja. Gerade deswegen müssen wir uns erst recht dafür einsetzen, dass der Kantonshaushalt nachhaltig gesundet. Die gute Konjunktur und die hohe Ausgabendisziplin von Regierung und Grossem Rat helfen uns dabei. Wir wollen die verbesserte Finanzsituation aber auch nutzen, um wieder gezielt in die Zukunft des Kantons zu investieren, etwa mit der bereits angesprochenen Limmattalbahn, aber auch mit zwei neuen Kantonsschulstandorten, das Ressourcenpotenzial soll wieder gestärkt werden. Sollten wir den Krankenkassenprämienabzug um 50 Prozent erhöhen, kostet dies Kanton und Gemeinden je 50 Millionen Franken jährlich.

Wie sehr hat die schwierige ­Situation mit Franziska Roth 2019 die Arbeit in der Regierung belastet?

Die Zusammenarbeit mit Franziska Roth im Regierungsgremium war gut. Die Zeit nach Franziska Roth, nur noch in einem Vierergremium, war allerdings betreffend Aufgabenmenge schon herausfordernd. Ich finde aber, wir haben die Situation gut gemeistert. Alle vier Regierungsräte haben einander unterstützt und gemeinsam das Beste aus der Situation gemacht.

SCHWEIZ - AARAU - Verabschiedung alter und Inpflichtnahme neuer Regierungsräte im Grossratsgebäude - hier die Inpflichtnahme von Franziska Roth (R), SVP; und Markus Dieth (L), CVP; - 13. Dezember 2016 © Raphael Hünerfauth - http://huenerfauth.ch

Markus Dieth und Franziska Roth

SCHWEIZ - AARAU - Verabschiedung alter und Inpflichtnahme neuer Regierungsräte im Grossratsgebäude - hier die Inpflichtnahme von Franziska Roth (R), SVP; und Markus Dieth (L), CVP; - 13. Dezember 2016 © Raphael Hünerfauth - http://huenerfauth.ch

Führen Sie wie Ihre Vorgänger im Landammannjahr auch einen Stammtisch durch?

Ja, es wird in Zusammenarbeit mit Gastro-Aargau wieder einen Landammann-­Stammtisch geben, aber in etwas anderer Form. Wir treffen uns teilweise in Restaurants, teilweise in Firmen, unter dem Motto «Frag de Landamme». Entsprechend der Anzahl Bezirke im Aargau sind ab Ende Februar elf Anlässe geplant. Über die Details werden wir rechtzeitig informieren und die Bevölkerung einladen.

Welche Wünsche haben Sie für 2020 für sich und Ihre Familie?

Das Wichtigste für uns alle ist eine gute Gesundheit und füreinander Zeit zu haben.

Und für den Kanton Aargau?

Dass er als stabiler und verlässlicher Kanton auf seinem Weg bleibt. Wir sollen jetzt, da wir nach schwierigen Jahren wieder Handlungsfreiheit erhalten, nicht überheblich werden. Wir müssen uns aber auf der anderen Seite auch nicht kleinreden. Wir dürfen stolz auf unseren vielfältigen, wunderschönen und prosperierenden Kanton der Regionen sein, auf diese Schweiz im Kleinen.

Die offiziellen Fotos der Aargauer Regierung seit 2005:

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