Politik

Landammann Hürzeler: «Ich habe Respekt vor unplanbaren Ereignissen»

Alex Hürzeler

Alex Hürzeler

Alex Hürzeler ist seit Anfang April Landammann. Jetzt spricht der Regierungsrat im az-Interview über seine ersten Erfahrungen, den Landammann-Stammtisch, den Campus und das neue Gesicht in der Aargauer Regierung: Stephan Attiger.

Herr Landammann, welche ersten Erfahrungen stecken bereits im «Chratte», den Ihnen Amtsvorgängerin Hochuli zur Landammannfeier in Oeschgen geschenkt hat?

Alex Hürzeler: Das Landammannamt bringt Würde und Bürde. So nehmen die Terminanfragen - wie zu erwarten war - noch einmal deutlich zu. An zahlreichen Veranstaltungen ist der Landammann als Repräsentant des Kantons dabei. Das geht jetzt erst los, viel konnte ich also noch nicht in den «Chratte» legen. Ich durfte aber bereits zwei Regierungssitzungen leiten. Da kommt mir meine Gemeindeammannzeit in Oeschgen natürlich wieder in den Sinn.

Das Landammannjahr dauert nur neun Monate, weil per 1. Januar 2014 Amts- und Rechnungsjahre zusammengelegt werden. Sind die Termine deshalb noch gedrängter?

Das Programm eines Regierungsrats ist immer gedrängt. Als Vorsteher des Departements Bildung, Kultur und Sport bin ich viel unterwegs. Der Aargau wird der Bezeichnung Kulturkanton nämlich sehr gerecht. Auch als Sportminister habe ich gerade am Wochenende viele Einsätze. Jetzt kommen noch zusätzliche Termine hinzu, einige bisherige kann ich dafür dieses Jahr nicht wahrnehmen. So vielfältig im Einsatz zu stehen, ist sehr spannend.

Urs Hofmann hat im Landammannjahr die Stammtische eingeführt, Susanne Hochuli hat sie weitergeführt. Und Sie?

Das ist eine schöne Idee, die meine beiden Vorgänger zusammen mit Gastro Aargau aufgenommen haben. Ich führe diese junge Tradition weiter, allerdings nicht in derselben Intensität. Der Landammann-Stammtisch wird sechsmal stattfinden - in sechs Regionen (vgl. Box). Der Stammtisch im Rössli in Gipf-Oberfrick gibt mir Gelegenheit, mein Vaterhaus wieder einmal zu betreten. Die Familie Hürzeler stammt nämlich in achter Generation von hier ab. Ich war in meinem Dorf Oeschgen jahrelang selbst Stammtischgast. Jetzt komme ich aber kaum mehr dazu. Ich freue mich deshalb auf diese Stammtisch-Anlässe.

Wovor haben Sie Respekt im Landammannjahr?

Respekt habe ich vor unplanbaren Grossereignissen negativer Art, bei denen der Landamman eine besondere Verantwortung wahrnehmen muss. Solche Ereignisse bleiben uns hoffentlich erspart. Eins, nämlich den Brand im neuen Campus der Fachhochschule in Brugg-Windisch mussten wir aber leider gerade erleben. Ich habe grosses Vertrauen in unsere Blaulichtorganisationen, die für solche Ereignisse bestens gerüstet sind.

Das neue Regierungsfoto von az-Fotograf Emanuel Freudiger wurde noch vor dem Brand vor dem Campus aufgenommen.

Der Campus-Neubau ist ein Jahrhundertbau. Da wir im Aargau abgesehen vom sehr wertvollen Zentrum für Demokratie in Aarau keine universitäre Institution haben, ist dieser Bau ein Symbol für uns als grösster nicht-universitärer Fachhochschulkanton. Darauf sind wir stolz. Auch darauf, dass wir Sitz der Fachhochschule Nordwestschweiz sind. Sobald wir den Campus beziehen können, wird dies sicher auch die Wahrnehmung unserer Hochschullandschaft verändern.

Inwiefern?

Wir werden anders auftreten können. Ich erwarte auch, dass wir mehr Aargauer Studierende im eigenen Kanton behalten können und dass unsere Hochschule so attraktiv wird, dass Studierende nicht nur aus den vier Kantonen unserer Fachhochschule, sondern aus der ganzen Schweiz hierher kommen. Ich baue sehr auf unseren Bildungsstandort und hoffe, dass die Region Brugg-Windisch diesen weiterentwickelt.

Es braucht über den Campus hinaus gehende Infrastrukturen. Da fehlt noch vieles in Brugg.

Ein städtebaulicher Prozess, die Vision Mitte, geht jetzt gerade ihrem Abschluss entgegen. Es gibt heute schon viel mehr als «nur» den Campus-Neubau. Brugg hat in die neue Sporthalle massiv investiert. Brugg und Windisch haben den Campussaal übernommen, der dann auch als Eventhalle genutzt werden soll. Die Region erhält ein ganz neues Gesicht. Das sieht man auch an Vereinen, die mit Blick auf den Campus gegründet worden sind.

Zum Beispiel?

Ich denke etwa an den Verein für studentisches Wohnen, der jetzt für Studierende Liegenschaften anmietet. Und wir konnten zusammen erreichen, dass die Studierenden den Park von Königsfelden nutzen dürfen. Wir bekommen hier nicht eine primär urbane, sondern eine sympathische, ländliche Hochschullandschaft. Das kann im interkantonalen Wettbewerb durchaus als Trumpf ausgespielt werden.

Worauf setzen Sie bei den Studiengängen besonders?

Mit guten Angeboten werden wir gerade im Technikbereich sehr attraktiv sein. Die Regierung zieht mit der Hightechstrategie kräftig mit am Strang, damit sich die Region Brugg-Windisch im Hightech-/Wirtschaftsbereich mit der ETH-Institution PSI und der Fachhochschule auch national stark entwickelt. Wir hoffen, dass dieses tolle Umfeld neue Firmen anlockt, die in der Region Arbeitsplätze schaffen. Grosse Firmen wie ABB und Alstom in der Nähe tragen zusätzlich zur Attraktivtät bei.

Auf dem Regierungsbild ist ein neues Gesicht: Stephan Attiger. Wie hat er sich eingelebt?

Stephan Attiger ist eine sehr versierte Persönlichkeit. Seine langjährige Exekutiverfahrung und die frühe Departementsverteilung halfen ihm zusätzlich, sich schnell einzuarbeiten. Das durfte ich bereits in den ersten beiden Sitzungen feststellen. Sein Start ist bestens gelungen.

Sie bestätigen die Harmonie im Gremium, von der viel die Rede ist. Gibts nicht manchmal doch Zoff?

Wir führen oft sehr intensive Diskussionen, ringen geradezu um Positionen, manchmal schon im Vorfeld eines Entscheides. Wir halten aber die Kollegialität sehr hoch. Dazu gehört, dass wir Probleme offen und direkt ansprechen. Dann diskutieren wir vielleicht gar an zwei Sitzungen, oder eine Sitzung dauert eine Stunde länger. Das nehme ich gern in Kauf, damit wir zusammen Lösungen erarbeiten und dann auch vertreten können. Das ist mit Blick auf finanziell schwierigere Zeiten, die auf uns zukommen, erst recht wichtig.

In den ersten Sitzungen ging es offenbar vorab um Geld?

Die schwierigsten Diskussionen gibt es immer, wenn über Geld diskutiert werden muss. Das ist im privaten Bereich ja nicht anders.

Die Kehrseite der Kollegialität ist, dass sich die in einer Debatte Unterlegenen nachher zurückhalten oder den Mehrheitsentscheid sogar nach aussen vertreten müssen.

Letzteres ist unangenehm, gehört aber klar zur Politik. Ich kenne solche Situationen schon aus meiner Zeit als Gemeindeammann. Selbstverständlich «verdonnern» wir nicht bewusst einen in der Sache unterlegenen Regierungsrat, den Entscheid zu vertreten. Kommt dazu, dass wir sehr viele Geschäfte zu behandeln haben. So kann es gar nicht passieren, dass ein einzelnes Geschäft einen Graben durch die Regierung zu ziehen vermöchte.

Sie haben 2009 mit dem Kleeblatt-Nein im Departement einen Scherbenhaufen angetreten und bald danach mit der neuen Schulreform einen grossen Erfolg eingefahren. Wo stehen wir in der Umsetzung?

Wir sind sehr intensiv in der Umsetzungsphase. Auf das Schuljahr 2013/14 werden die ersten Beschlüsse greifen, vorab das Kindergartenobligatorium. Wir sind damit sehr gut auf Kurs.

Und der Wechsel auf das System 6/3?

Dieser Strukturwechsel ist für alle eine grosse Herausforderung. Die Umsetzungsarbeiten sind seit letztem Frühling intensiv im Gange und sind primär eine Aufgabe der Behörden vor Ort. Der Stufenwechsel, die damit verbundenen Umstrukturierungen, Pensenveränderungen und noch fehlende Routine sind für unsere 7 500 Volksschullehrpersonen mit Unsicherheiten verbunden. Jetzt sind die Schulleitungen sehr gefordert. Mein Departement leistet hier so viel als möglich Support .Um bestmögliche Rahmenbedingungen zu schaffen, hat die Regierung die zugehörigen Verordnungen schon letzten Sommer verabschiedet. Wir haben zudem für alle Bereiche Umsetzungshilfen erarbeitet.

Wie sieht es mit der Schulraumplanung aus?

Da ist die Situation sehr unterschiedlich. Es gibt kleinere Gemeinden - womöglich gar mit abnehmender Schülerzahl - , die hier keinen Handlungsbedarf haben. Aber auch grössere Gemeinden wie beispielsweise Baden mit sehr grossem Investitionsbedarf.

Das führt zu Diskussionen über die Kosten der Reform.

Ich betone: der Strukturwechsel macht den kleineren Teil dieser Investitionskosten aus. In sehr vielen Gemeinden bestand seit Jahren ein Investitionsstau aufgrund raschen Wachstums. Es schlägt natürlich auch bei den Schülerzahlen durch, wenn unser Kanton jährlich um 10000 Personen wächst. Andererseits führten aber auch neue Unterrichtsformen, wie etwa die heilpädagogische Unterstützung oder die Einführung der geführten Schulen zu zusätzlichen und veränderten Raumansprüchen.

Und doch gibt es mitunter heftige Diskussionen. In Aarau wurde ein Kredit zurückgewiesen.

Infrastrukturvorhaben kosten sehr viel Geld. Sie sind meist Generationenprojekte. Dass darüber intensiv diskutiert wird, ist selbstverständlich. Rechtlich sind die Aufgaben und Kompetenzen klar geregelt: Infrastrukturanlagen sind Sache der Gemeinde. Sie entscheidet auch über den Ausbaustandard. Der Kanton macht Empfehlungen, aber keinerlei Vorgaben. Wir erwarten nicht, dass beim Systemwechsel schon überall jeder Schulraum am genau gewünschten Ort bereit steht. Das bedarf auch von Lehrerschaft, Eltern und Kindern fallweise eine gewisse Flexibilität. Ich habe grosses Vertrauen in die verantwortlichen Behörden vor Ort, dass sie dort wo nötig gute Lösungen finden werden. Auch Ich zweifle keinen Moment, dass auch im August 2014 überall im Aargau die Schule stattfinden wird.

Ein Leser schrieb diese Woche, die Diskussion über die hohen Kosten seien ein gefundenes Fressen für die SVP. Haben Sie hier ein gutes Einvernehmen mit Ihrer Partei?

Wie gesagt, die Umsetzung erfolgt kommunal. Da kann auch eine Kantonalpartei keine Empfehlung abgeben. Mein Auftrag ist, den vom Volk mit sehr grosser Mehrheit gegebenen Auftrag umzusetzen. Die Gemeinden werden diese Aufgaben meistern. Die einen mit grosszügigeren, andere mit ihren Möglichkeiten gemässen, günstigeren Lösungen.

2013 wird zu einem eigentlichen Bildungsjahr. Es beginnt im Sommer mit der Vernehmlassung über den Lehrplan 21, bei dessen Erarbeitung Sie nahe dabei waren. Wie zufrieden stellt Sie das Resultat?

Ich bin selbst sehr auf das Ergebnis der Vernehmlassung im 2. Semester 2013 gespannt. Es ist natürlich ein schwieriger Prozess, wenn 21 Deutschschweizer Kantone gemeinsam einen Lehrplan erstellen wollen. Das kann man nur mit einer gesunden Portion Realitätssinn meistern. Ich sage heute schon: auch dieser Lehrplan wird die Schule nicht markant oder gar radikal verändern.

Aber?

Aber selbstverständlich wollen wir gemäss Bundesverfassung per Ende zweite, sechste und neunte Klasse vergleichbare Bildungsziele erreichen. Es wird im Aargau und in der ganzen Schweiz eine breite Debatte über diesen Lehrplan geben. Man soll ihn aber auch nicht überbewerten. Letztlich liegt es wie bisher schon an den einzelnen Lehrpersonen, den Stoff zu vermitteln.

Warum dann diese grosse Debatte?

Der Lehrplan ist wichtig gerade für die künftigen Lehrmittel, die eine gewisse Vereinheitlichung des Stoffs bringen. Wir Aargauer sind punkto Vergleichbarkeit der Leistungen dank Leistungstests mit unseren «Checks» schon sehr weit. Diese werden im Bildungsraum Nordwestschweiz in den nächsten Jahren schrittweise eingeführt.

Kommt der Lehrplan dem Anliegen der Aargauer Jungfreisinnigen mit ihrer Volksinitiative für Staatskundeunterricht entgegen?

Der ganze Lehrplan 21-Prozess hat uns Bildungsdirektoren gezeigt, dass es vermessen wäre, nebst den zu erreichenden Bildungszielen auch noch eine einheitliche Lektionentafel vorzugeben. Die Anzahl Lektionen zur Zielerreichung wird den Kantonen überlassen, was ich richtig finde. Jeder Kanton braucht gewisse Freiheiten.

Wie wollen Sie sie nutzen?

Im Aargau wollen wir den Fokus auf die naturwissenschaftlichen Fächer und Deutsch legen. Kantonal und national liegen aber die unterschiedlichsten Vorstösse vor. Die einen wollen die musischen Fächer stärken, andere die Hauswirtschaft, wieder andere die Staatskunde. Es wird unmöglich sein, all diesen Erwartungen - die jede für sich berechtigt ist - gerecht zu werden.

Wie viel Spielraum haben die Kantone denn?

Die Projektvorgabe lautet, dass diezu erreichenden Minimalziele mit 80 Prozent der Anzahl der heute durchschnittlichen Schullektionen erreicht werden können. Mit den restlichen 20 Prozent sollen die Kantone eigene Akzente setzen. Wir wollen in unserer Vernehmlassung im Sommer/Herbst herausspüren, wie und wann der Lehrplan bei uns umgesetzt werden soll. Eins kann ich jetzt schon vorwegnehmen: Im Aargau werden wir keine Hauruckübung veranstalten. Unser Fokus liegt vorderhand auf der sauberen Umsetzung des Strukturwandels zu 6/3.

In Solothurn gibt es ipad-Pilotklassen. Wo steht der Aargau mit modernen Lehr- und Hilfsmitteln?

Der Aargau hat der Beratungsstelle imedias in der Pädagogischen Hochschule der FHNW mittels Leistungsauftrags die Weiterbildung und Beratung im Bereich Medien übertragen. Sie bietet Anleitungen für die Schulpraxis, etwa zur Erstellung von Videos und Podcasts, Literatur und ICT, Linksammlung nach Fachbereich etc. Und sie bietet Beratungen beispielsweise für Mobiles Lernen, die Nutzung von iPads/Tablet-PCs im Unterricht und für den Umgang mit persönlichen Smartphones im Schulareal und im Unterricht.

Sie haben beim 150-Jahr-Jubiläum die Aargauische Historische Gesellschaft ermutigt, die Idee eines vierten Bandes der Aargauer Geschichte in Angriff zu nehmen und zu konkretisieren. Ist man seither einen Schritt weiter?

Mir ist es ein grosses Anliegen, die jüngere Geschichte unseres Kantons der Bevölkerung näher zu bringen. Im vergangenen Sommer hat der Regierungsrat ein Projekt bewilligt, das dem Staatsarchiv ermöglicht, die Akten elektronisch zu erschliessen, um der Wissenschaft diese leichter zugänglich zu machen. Erst diese Erschliessung wird einst eine Publikation ermöglichen.

Sie konnten vor einer Woche die Biografie über Heinrich Zschokke, den Staatsmann, der den jungen Kanton Aarau mitprägte, entgegennehmen. Eine Pflichtlektüre?

Dieses Buch interessiert mich sehr. Ich brauche aber wohl noch längere Zeit, um es ganz zu lesen. Dank verschiedenen Veranstaltungen kenne ich die Persönlichkeit Zschokke schon recht gut. Als einer, der heute in der politischen Verantwortung steht, interessiert und fasziniert mich, wie viele Persönlichkeiten anfangs des 19. Jahrhunderts hier in Aarau so intensiv gewirkt und national ausgestrahlt haben. Zschokke war einer der wichtigsten unter ihnen. Was er in einer Zeit, in der es noch kein Internet und keine E-Mails gab, alles geleistet hat, ist bewundernswert. Manchmal erscheint es mir sogar reizvoll, man hätte in jener Zeit, da man durch Gesetze und Verordnungen noch kaum eingeengt war, Regierungsrat sein dürfen.

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