Sie können ziemlich unscheinbar sein oder ziemlich imposant. Vom Grenzstein im Grünen über den Brunnen auf dem Dorfplatz bis zum Schloss am See: 1508 kantonale Schutzobjekte gibt es aktuell im Aargau.

Die meisten, 1087 an der Zahl, haben ein Dach. «In ständigem Gebrauch» sind aber nur 557. «Das ist weniger als ein halbes Prozent aller Aargauer Gebäude», sagt Reto Nussbaumer. Sein Auftrag als kantonaler Denkmalpfleger liest sich simpel, im Alltag ist er es aber nicht: Er vermittelt ein Anliegen, das den meisten Leuten nicht sofort zugänglich ist.

Die Denkmalpflege, was tut sie genau? Warum braucht es sie? Was wird künftig überhaupt noch unter Schutz gestellt?

Reto Nussbaumers Arbeitsplatz ist eines dieser Büros über den Aarauer Bahngleisen. Das Haus sieht aus wie ein Schiff aus Beton, offiziell «Wohn- und Geschäftshaus Behmen II», vom Volk auf «Wellenbrecher» umgetauft.

Hier ist das kantonale Departement Bildung, Kultur und Sport zu Hause. Und mit ihm die kantonale Denkmalpflege. Nussbaumer, 49, kommt elegant daher. Männer tragen ja Anzüge entweder mit Fassung, ihres Pflichtbewusstseins wegen. Oder, wie er, mit Haltung, ihres Stilbewusstseins wegen.

Hinter der Glastür stehen hohe Bücherregale, metallene Aktenschränke, ein höhenverstellbares Pult. Und, auffällig, ein antiker Sekretär aus Holz, «von zu Hause mitgebracht». Zwar nicht offiziell denkmalgeschützt, aber persönlich irgendwie schon: ein Andenken ans elterliche Wohn- und Geschäftshaus in Zug, entdeckt in einem Dachzimmer, bewahrt vor der Abfallmulde.

Jeder Fehler hat Folgen

Zwischen Bundesordnern und Architektur-Fachbüchern, Inventaren und Bildbänden liegt ein blauer Baustellenhelm. Er erinnert Nussbaumer an früher, an seine Studentenzeit: In den Semesterferien tauschte er den Leuchtstift gegen den Schraubenzieher, wurde aus dem Studi ein temporärer Stromer in Papas Firma.

Und heute braucht er den Helm, wenn er hinaus geht in den Aargau, um Gebäude zu begutachten, zu diskutieren, unter Schutz zu stellen.

Seit zehn Jahren wirkt er im Aargau, seit sechs Jahren als Leiter. Dabei hatte er sich vorher ein halbes Berufsleben lang nicht vorstellen können, je in den Staatsdienst zu treten; zu gross war sein Freiheitsbedürfnis.

Nach dem Abschluss in Kunstgeschichte, Germanistik und Filmwissenschaft führte er Reisen für die Zuger Kunstgesellschaft, inventarisierte und schrieb über Architektur, realisierte Ausstellungen, unterrichtete an der Kanti.

Doch Ende 30, den Denkmalpflege-Master in der Tasche, reifte die Erkenntnis: «Man arbeitet unheimlich viel und gern, aber für kein Geld. Sollte ich es doch mal mit einer Festanstellung versuchen?»

Im Aargau suchten sie einen Bauberater für die Denkmalpflege. Das war 2006.
Die Beratertätigkeit ist die wohl wichtigste. Wer ein Schutzobjekt saniert, renoviert oder umbaut, muss Nussbaumers Team beiziehen.

Die Beratung kostet nichts. Es gehe nicht darum, möglichst viel zu verhindern, sondern möglichst viel zu ermöglichen, ohne Wertvolles zu zerstören. Nussbaumer sagt es so: «Ein geschützter Bau ist zwar eine Art Kunstwerk. Aber nie eines, das nur zum Anschauen da ist, sondern eines, in dem man arbeiten, wohnen, schwitzen können muss.»

Entscheidungen sind meistens per sofort gefragt, per Mail oder Handy. Zeit zum Überlegen bleibt selten. «Das ist bedauerlich», sagt Nussbaumer. Bei einem 08/15-Bau sei das nicht dramatisch, «aber bei uns hat jeder Fehler den Verlust von historischer Substanz zur Folge.»

«Erstaunliches» Umfrageresultat

Die Meinung am Stammtisch ist gemacht: Denkmalschützer sind die, die dreinreden. Sie verzögern, verteuern und – vor allem – verhindern. Staatliche Hüter der Tradition, die auf ihren Paragrafen reiten.

Nussbaumer kennt das Image, das er und sein 14-köpfiges Team haben. Er sagt, mit einem sicheren Lächeln: «Wir haben den gesetzlichen Auftrag, historische Bausubstanz zu schützen.» Und dann, nach einer Kunstpause: «Die Vorwürfe tun mir im Herzen weh, aber sie stören mich heute nicht mehr wahnsinnig.»

Kritiker fragt er jeweils: «Ah, in diesem Falle haben Sie selber ein denkmalgeschütztes Haus?» Die Antwort sei in der Regel Nein. «Also kennen Sie jemanden, der eines hat?» Die Antwort lautet – genau: Nein.

Kürzlich führte der Kanton eine Zufriedenheitsumfrage durch bei denen, die es wissen müssen: über 600 Einwohner-, Burger- und Kirchgemeinden, private Hauseigentümer oder Architekten, die mit der Denkmalpflege zu tun hatten.

Das Resultat fiel laut Nussbaumer «erstaunlich» aus: Auf der Zufriedenheitsskala (1 bis 10) schaffen es die Werte 8, 9 und 10 total auf 86 Prozent. 72 Prozent gaben an, «keine zeitliche Verzögerung» erlitten zu haben. «Sehr beruhigend», bilanziert Nussbaumer. Und sagt, halb entschuldigend, halb aufklärend: «Wir pflegen heimatvermittelnde und identitätsstiftende Bauten. Wir alle wollen mindestens eine davon in unserer näheren Umgebung haben, damit wir uns zu Hause fühlen.»

Alte Häuser in der Agglo bedroht

Was ihm Sorgen bereitet, ist der zunehmende «Druck auf die Substanz», dort, wo verdichtet wird. In der Region Baden; in der Region Zofingen; im oberen Freiamt. Dort, wo in der Agglo viel und günstiger, aber nicht unbedingt historisch bedeutender Wohnraum gesucht ist. Hinzu kommt das, was Nussbaumer «Ächz im Gebälk» nennt: Sparmassnahmen (siehe nachfolgende Box).

Und die Auswahl? «Es herrscht ja die Meinung vor, dass wir gemütlich herumfahren und Häuser auswählen, die uns gefallen. Dem ist überhaupt nicht so. Der allergrösste Teil wird auf Antrag der Eigentümer unter Denkmalschutz gestellt.» Gebaut und abgebrochen wird immer. Es sind einzelne, relevante Zeitzeugen, die stehen bleiben sollen. Und diese können ziemlich unscheinbar sein oder ziemlich imposant.