«Geheimnis der Äbtissin»
Kurzroman, Teil 8: Ein teuflischer Anschlag auf Henmann

Der historische Kurzroman beginnt in den letzten Tagen der Habsburgerherrschaft mit einer Hinrichtung in Königsfelden. In 12 Kapiteln erzählt er, wie drei Aargauer in Konstanz den Papst treffen wollen – und in Lebensgefahr geraten. Hier ist Folge 8.

Monika Küble und Henry Gerlach
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Henmanns Brauner lahmt - doch weshalb?

Henmanns Brauner lahmt - doch weshalb?

Keystone

Folge 8:

Klingelfuss hätte gerne den Burgherrn Beringer von Hohenlandenberg aufgesucht, aber Henmann drängte darauf, bald weiterzureiten, damit sie noch am selben Tag Konstanz erreichen würden. Die Drohung von Gessler klang ihm in den Ohren, und obwohl Herzog Friedrich noch nicht in Konstanz eingetroffen war, wollte Henmann versuchen, auch ohne dessen Fürsprache beim Papst sein Privileg zu erhalten.

Kurz und bündig: Darum geht es

Gefährliche Reise nach Konstanz

Im Jahre 1415 macht sich der Hofmeister des Klarissenklosters Königsfelden, Henmann von Mülinen, auf den Weg nach Konstanz. Dort findet ein Konzil statt – König und Papst, Kardinäle, Bischöfe und Adlige aus aller Herren Ländern sind anwesend. Henmanns Reisegefährte ist der Vogt von Baden, Ulrich Klingelfuss. Mülinen möchte vom Papst ein Privileg für das Kloster Königsfelden erlangen. Die Reise gestaltet sich jedoch schwierig und gefährlich. Mülinen muss gar um sein Leben fürchten.

Sie fanden eine Schänke in der Zürcher Gasse, in der Ross und Reiter etwas zu essen bekamen, doch als sie weiterreiten wollten, erlebte Henmann eine böse Überraschung. Sein Brauner stand traurig auf dem Stroh, er liess den Kopf hängen und hatte das linke Hinterbein angestellt.

«Er hat nichts gefressen, Herr», erklärte Henmanns Knecht Hermlin unglücklich, «und er will hinten nicht richtig auftreten.»

Henmann klopfte seinem Hengst den Hals und redete ihm gut zu. Dann nahm er den Zügel und führte ihn im Kreis um den Hof der Schänke. In der Tat lahmte der Braune.

«Was ist passiert, Hermlin?

«Vielleicht hat er sich etwas in den Huf getreten. Aber er lässt mich nicht an sich ran.»

«Haltet ihn fest!», befahl Henmann seinen Knechten, und die beiden hielten den Hengst rechts und links am Halfter fest. Der Hofmeister versuchte, die Fessel des lahmen Beines zu greifen, doch kaum hatte er sie berührt, stiess der Hengst ein grunzendes Wiehern aus und schlug heftig aus. Henmann sprang zur Seite.

«Er hat wohl grosse Schmerzen. Vielleicht hat er sich wirklich unterwegs einen Stein eingetreten. Gibt es hier einen Hufschmied, der sich mit störrischen Pferden auskennt?», fragte er den Wirt der Schänke, der ihnen zuschaute.

«Lasst es mich einmal versuchen!» Ulrich Klingelfuss hatte bereits auf seinem Apfelschimmel gesessen und war nun wieder abgestiegen.

«Ihr?», fragte Henmann geringschätzig. «Was wisst Ihr schon von Pferden?»

«Mein Schimmel ist zehnmal so viel wert wie Euer Gaul hier! Glaubt Ihr, ich würde nicht gut auf ihn achten? Er ist mein Augenstern!»

«Mit Geld kann man sich vieles kaufen. Ob man damit umgehen kann, ist eine andere Frage.»

«Auch wenn ich das Füttern und Putzen den Knechten überlasse, bin ich dennoch sein Herr, und ich liebe ihn gewiss so sehr wie er mich. Lasst mich schauen, was mit Eurem Braunen los ist.»

Henmann zuckte die Schultern und griff nun selber das Halfter seines Pferdes.

Ulrich Klingelfuss näherte sich dem Braunen von der Seite, strich ihm über die Mähne und redete leise auf ihn ein. Dann fuhr er ihm über die Kruppe und langsam mit der Hand das Bein hinab, wobei er immer weiter redete. Das Pferd bewegte seine Ohren, als ob es den Worten des Vogtes aufmerksam lauschte. Der hob vorsichtig das Bein an und besah sich den Huf.

«Da ist kein Stein.»

Dann stutzte er: «Aber da ist etwas anderes!»

Mit einer Hand hielt er den Huf fest, immer weiter auf das Tier einredend, mit der anderen zog er das Messer, das er am Gürtel trug.

«Was habt Ihr vor?», rief Henmann alarmiert.

Klingelfuss führte die Messerspitze zwischen die langen Fesselhaare des Pferdes und riss sie abrupt hoch. Der Braune grunzte wieder und schlug aus. Doch der Vogt hielt triumphierend ein dünnes Seil in die Höhe.

«Da hat Euch jemand einen bösen Streich gespielt, Herr Ritter! So eine Schnur schneidet sich langsam immer mehr ins Fleisch und der Fuss schwillt an. Es ist ein Wunder, dass das arme Tier Euch bis hierher getragen hat! Habt Ihr denn nicht bemerkt, dass etwas nicht stimmte?»

Damit drückte er Henmann die Hanfschnur in die Hand. Der sagte erschüttert: «Nein, unter den langen Haaren habe ich das Seil nicht gesehen. Und unterwegs schien er mir nicht zu lahmen.»

«Was für ein teuflischer Anschlag!», sagte der Schänkenwirt und fügte anerkennend hinzu: «Herr Vogt, Ihr seid ein wahrer Pferdekenner!»

«Ich kenne mich mit manchem aus, auch wenn der Herr Ritter mich nur für einen einfachen Bäcker hält.»

Henmann zögerte einen Augenblick, doch schliesslich hielt er Klingelfuss die Hand hin und murmelte einen Dank. Als er die Schnur betrachtete, die ihm der Vogt gegeben hatte, kamen ihm die brutalen Hände von Gessler wieder in den Sinn.

Henmann liess den Braunen in Frauenfeld zurück, zusammen mit seinem Knecht Hermlin, und nahm dessen Pferd, um möglichst schnell Konstanz zu erreichen. Sie ritten das Thurtal entlang, überquerten den Fluss bei Eschikofen, und ab Wigoltingen kämpften sich die Reittiere langsam auf den Seerücken hoch. Als sie bei Schwaderloh den höchsten Punkt erreichten, war es zu Henmanns Kummer bereits dunkel. Sie trauten sich nicht, über die vereisten Wege weiterzureiten und suchten sich ein Nachtlager bei einem Bauern.

Fortsetzung folgt...

Inhaltsangabe zu «Das Geheimnis der Äbtissin»

Der Roman beginnt mit der Hinrichtung des Königsmörders am 1. November 1309 auf einem Feld zwischen Brugg und Windisch. Gut 100 Jahre später, im Februar des Jahres 1415, macht sich der Hofmeister des Klarissenklosters Königsfelden, Henmann von Mülinen, auf den Weg vom Aargau nach Konstanz. Dort findet ein Konzil statt – König und Papst, Kardinäle, Bischöfe und Adlige aus aller Herren Ländern sind anwesend. Das grosse Schisma der katholischen Kirche mit drei Päpsten soll beendet werden. Henmanns Reisegefährte ist der Vogt von Baden, Ulrich Klingelfuss. Der will sich mit seinem Herrn, dem Habsburger Herzog Friedrich treffen, während Mülinen vom Papst ein Privileg für das Kloster Königsfelden erlangen möchte.

Die Reise gestaltet sich jedoch schwierig, denn die beiden Männer können sich nicht ausstehen, es ist Winter und der Weg gefährlich. Zu allem Übel trifft Mülinen unterwegs auch noch Heinrich Gessler, der mit dem Kloster Königsfelden und seiner schönen Äbtissin eine erbitterte Feindschaft pflegt. Gessler versucht, mit allen Mitteln zu verhindern, dass Mülinen seinen Auftrag erfüllen kann. Und auch in Konstanz läuft nichts so, wie Mülinen es sich vorgestellt hat. Als alles verloren scheint, ist es der viel geschmähte Ulrich Klingelfuss aus Baden, der vielleicht die Rettung bringen kann. Doch die Welt ist aus den Fugen geraten und die Machtverhältnisse ändern sich von einem Tag auf den andern.

Die wichtigsten Personen

- Henmann von Mülinen: Hofmeister des Klosters Königsfelden, Ritter und Burgenbesitzer
- Elisabeth von Leinigen: Äbtissin des Klosters Königsfelden, Verwandte des Habsburgerherzogs Friedrich IV. von Österreich
- Margarethe von Grünenberg: Ehemalige Äbtissin des Klosters Königsfelden
- Ulrich Klingelfuss: Habsburgischer Vogt von Baden im Aargau, neureicher Stadtbürger, Henmanns unfreiwilliger Weggefährte
- Heinrich Gessler von Brunegg: Adliger Burgenbesitzer, habsburgischer Dienstmann, Henmanns skrupelloser Gegenspieler
- Poggio Bracciolini: Florentinischer Renaissancehumanist, korrupter Papstsekretär
- Papst Johannes XXIII.: Mächtigster der drei Päpste des Schismas; einziger Papst, der zum Konzil kam
- Herzog Friedrich IV. von Österreich: Habsburgischer Landesherr im Aargau und Thurgau

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